Regisseurin und Studio-Mitbegründerin Christl Wiemer gestorben

Hans-Ulrich und Christl Wiemer, 2003. ©DEFA-Stiftung/Henrik Flemming
Hans-Ulrich und Christl Wiemer, 2003. ©DEFA-Stiftung/Henrik Flemming

An ihrem 92. Geburtstag, dem 10. Dezember, ist Christl Wiemer, Regisseurin und Mitbegründerin des DEFA-Trickfilmstudios, in ihrem Pesterwitzer Zuhause verstorben. In den 35 Jahren Arbeit in Dresden-Gorbitz schuf sie rund 40 Filme – in Zeichen-, Flach- und Relieftrick.

Die Anfänge: „Wir Fünf“ – sind eigentlich sechs

Geboren 1929 in Halle (Saale), konnte sie ihren Berufswunsch Lehrerin nicht umsetzen und studierte zwischen 1947 und 1953 am Institut für künstlerische Werkgestaltung der Burg Giebichenstein. Dort lernte sie nicht nur ihren späteren Ehemann Hans-Ulrich Wiemer kennen, sondern gründete auch 1952 mit ihm und ihren Kommilitonen Katja und Klaus Georgi sowie Otto Sacher die Ateliergemeinschaft „Wir fünf“ (die zusammen mit dem Gebrauchsgrafiker und Bühnenbildner Helmut Barkowsky, ebenfalls Burg-Absolvent, eigentlich sechs waren). Etwa anderthalb Jahre lang gestaltete das Trüppchen in Halles Kleiner Ulrichstraße 17 Werbung für verschiedene Auftraggeber. Dabei entstand auch die Idee, selbst Werbefilme in Zeichentrick zu produzieren. Um grundlegende Fertigkeiten zu erlernen, volontierten Otto Sacher und Klaus Georgi im Babelsberger DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme, wo auch Tricksequenzen und Titel für Filme gezeichnet wurden. Studiochef Heino Brandes holte daraufhin alle sechs Hallenser nach Potsdam. Dort gestalteten sie gemeinsam ihren ersten, an Kinder adressierten Zeichentrickfilm Die Geschichte vom Sparschweinchen (1954). Als dann zum 1. April 1955 ein eigenes Trickfilmstudio in Dresden etabliert wurde, packten die Studienfreunde erneut ihre Siebensachen. Das neue Zuhause entwickelte sich diesmal allerdings zur dauerhaften künstlerischen Heimat.

Poetische Bilder, ruhige Erzählung

Christl Wiemer. ©DIAF

Christl Wiemer. ©DIAF

Im einstigen Gorbitzer „Reichsschmied“ wurden u. a. drei Drehstäbe für Zeichentrick eingerichtet, an deren Spitzen Klaus Georgi, Lothar Barke und Otto Sacher standen. Gemeinsames Regieführen war damit passé, doch die enge Zusammenarbeit blieb bestehen. Christl und „Uli“ Wiemer gehörten zu Otto Sachers Stab, zeichneten an dessen ersten Arbeiten wie Wer rastet, der rostet (1955) mit und lernten „nebenher“ neue Kollegen an. Christl Wiemers Wunsch wuchs, sich selbst im Regiefach auszuprobieren; fast zeitgleich trug ihr die Studioleitung die Fabel von Petz der Bär (1957) an. Anschließend konnte die junge Regisseurin die Geschichte vom Tintenteufelchen erzählen, 1959 kam Däumelinchens Abenteuer nach Andersens Märchen ins Kino. Bereits in diesen Arbeiten zeigen sich Christl Wiemers Stärke, die poetischen Bilder, und die typische ruhige Erzählweise.

Festes Arbeitsteam

Christl Wiemer, 2003. ©DEFA-Stiftung/Henrik Flemming

Christl Wiemer, 2003. ©DEFA-Stiftung/Henrik Flemming

In den Folgejahren realisiert Christl Wiemer beispielsweise mehrere Tiergeschichten für Kinder, eine Folge der Verkehrserziehungs-Reihe Hugo Leichtsinn sowie zwei Episoden der Mäxchen Pfiffig-Serie, dazu eine scharf beobachtete und gezeichnete Kleine Ehegeschichte, die vom Verschwinden der Liebe und dem daraus erwachsenden Ehekrieg erzählt. Ihr fester Kollegenstamm bildet sich heraus: Gern und viel arbeitete Wiemer mit dem Maler Walter Rehn zusammen, der ihr farbenprächtige, detailreiche Hintergründe gestaltete und oft mit ihr gemeinsam die Figuren animierte. Auch Heinz Schulz – inzwischen 100 Jahre alt! –, Herbert Kneschke und Irmgard Henker gehörten zu ihren Animatoren- und Gestalter-Team. Die Dramaturgin Katharina Benkert war bekannt und geschätzt für ihre feinen, leisen Töne. Auch mit dem Schriftsteller Werner Heiduczek verband Christl Wiemer eine intensive Produktionsbeziehung; drei seiner „Jana“-Bücher verfilmte sie, für Vom Hühnchen, das den König heiraten wollte (1975) entwickelten sie gemeinsam das Szenarium.

Experimente mit Porzellan

Vogel der Nacht, Christl Wiemer, DDR 1985. ©DEFA-Stiftung/Helmut Krahnert

Vogel der Nacht, Christl Wiemer, DDR 1985. ©DEFA-Stiftung/Helmut Krahnert

In den 1970er und 80er Jahren brachte Christl Wiemer mehrere wunderbare Geschichten aus fernen Ländern auf die Leinwand, sei es das türkische Märchen von der Verliebten Wolke, Der Sohn des Adlers nach indianischen Sagen und Erzählungen oder Vogel der Nacht, der in China spielt. Zunehmend widmete sich die Regisseurin dem Flachfigurentrick, experimentierte mit Formen und Materialien. Für Vogel der Nacht verwendete sie für die reliefartigen Köpfe und Hände gar Porzellan aus der Manufaktur in Meißen. Die luxuriösen, glänzenden Oberflächen verleihen den Figuren eine besondere Grazie und Anmut.

Besonders dem edlen „weißen Gold“ blieb Christl Wiemer treu, nachdem das DEFA-Trickfilmstudio abgewickelt und sie entlassen wurde. Zu Hause im Freitaler Ortsteil Pesterwitz widmete sie sich der Porzellanmalerei, verzierte Schmuck, Geschirr und Miniaturen mit ihren Kunstwerken. Einige davon waren im Frühling 2018 in der kleinen DIAF-Sonderausstellung „Porzellanien – Porzellan im DEFA-Animationsfilm“ in den Technischen Sammlungen Dresden zu bewundern. Gemeinsam mit ihrem Mann engagierte sie sich für den Dorfclub Pesterwitz, der zahlreiche kulturelle Veranstaltungen im Ort organisierte. Auch mit grafischen Arbeiten beschäftigte sich die Regisseurin, gestaltete Ausstellungen – und kümmerte sich um die Familie, zu der zuletzt drei Kinder, fünf Enkel und eine Urenkelin gehörten.

Tanja Tröger