Chronologie zum Animationsfilm in Deutschland 1940–49

"Walt Disney wird studiert, seziert, analysiert, mikros-kopiert." Innensichten der Deutschen Zeichenfilm GmbH, entworfen und zum Bilderalbum arrangiert von Gerhard Fieber, etwa 1943/44. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

»Walt Disney wird studiert, seziert, analysiert, mikros-kopiert.« Innensichten der Deutschen Zeichenfilm GmbH, entworfen und zum Bilderalbum arrangiert von Gerhard Fieber, etwa 1943/44. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Zusammenstellung: Ralf Forster, Rolf Giesen, Jeanpaul Goergen, Volker Petzold

Redaktion: Rolf Giesen und Volker Petzold

Nach dem Einfuhrstopp für amerikanische Cartoons beschließt Propagandaminister Joseph Goebbels, eine staatlich kontrollierte reichsdeutsche Zeichentrickfilmproduktion aufzubauen, die Disney langfristig Konkurrenz machen und den europäischen Markt auch mit abendfüllenden Programmen beherrschen soll. NS-Bürokraten und Gebrauchsgrafiker üben sich in staatlich verordneter Kreativität und planen unter dem von Goebbels geschaffenen Dach einer als „kriegswichtig“ apostrophierten „Deutschen Zeichenfilm GmbH“ auf dem Papier animierte Groß-Produktionen bis ins Jahr 1950. Aber trotz des beständigen Kopierens Disneyscher Spezialtechnik, trotz der Verpflichtung ausländischer Experten aus Frankreich und Holland und trotz des Aufbaus einer studioeigenen Ausbildungsstätte mit über 100 Lehrlingen bleibt die deutsche Aufholjagd im Zeichenfilm reine Illusion. Zu gering sind die Ressourcen, zu zersplittert läuft die Produktion zwischen Berlin, Dachau und Wien und zu kurz die Zeit, in der die Firma bestand. Heraus kommt bei dem vermessenen Nazi-Plan ein einziger Kurzfilm, für den im Lauf der Jahre rund fünf Millionen Reichsmark versenkt werden. Dagegen gibt es mit Fischerkoesen in Potsdam und der Bavaria-Trickfilmproduktion unter Hans Held kleine, wendigere Betriebe, die zum Teil beachtliche Leistungen erbringen, aber die Quantität ihrer Produktion reicht bei weitem nicht aus, um die Nachfrage der europäischen Kinos und der Front zu befriedigen.

So kommt kurz vor Kriegsende von Seiten der Wochenschau-Leitung der Vorschlag eines „Europäischen Zeichenfilm-Rings“ unter deutscher Aufsicht auf, der die Aktivitäten in den besetzten und verbündeten Ländern bündeln und koordinieren soll. Dies führt zwar nicht zu fertigen Filmen bis Kriegsende, beeinflusst aber die Nachkriegsproduktion in Frankreich, Belgien, Dänemark, den Niederlanden, der Tschechoslowakei und Italien, nur nicht im Nachkriegs-Deutschland.

1940. Umzug von Hans Fischerkoesen nach Potsdam

Das Potsdamer Studio von Hans Fischerkoesen im ehemaligen Gasthaus "Mühlenberggrotte" (nach 1955 "Weinbergterrassen"), Marienstraße/später Gregor-Mendel-Straße 29. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Das Potsdamer Studio von Hans Fischerkoesen im ehemaligen Gasthaus »Mühlenberggrotte« (nach 1955 »Weinbergterrassen«), Marienstraße/später Gregor-Mendel-Straße 29. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Umzug des Fischerkoesen-Studios von Leipzig nach Potsdam, 1940. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Umzug des Fischerkoesen-Studios von Leipzig nach Potsdam, 1940. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Hans Fischerkoesen zieht mit seinem Betrieb um nach Potsdam. Seine Ateliers befinden sich nun in der ehemaligen Ausflugsgaststätte „Mühlenberggrotte“, Marienstraße 29 (nach dem Krieg Gregor-Mendel-Straße), in der Nähe des Parks von Sanssouci. Er arbeitet jetzt vor allem für die „Zeichenfilm Sonderproduktion der Deutschen Wochenschau“.

 

1940. Werbefilm-Kaleidoskop

Privatfotografie vom Julklapp der Ufa-Werbefilm, Weihnachten 1940: vorn links Egon (Ewald) von Tresckow, dahinter Werner Bernhardy. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Privatfotografie vom Julklapp der Ufa-Werbefilm, Weihnachten 1940: vorn links Egon (Ewald) von Tresckow, dahinter Werner Bernhardy. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Ufa-Werbefilm bringt 1940 von Hans Fischerkoesen Der Bach Vo (Zensurfreigabe 17. August 1940, Werbung für Vobach-Zeitschriften) und Im Glückshimmel (Werbung für die Deutsche Reichslotterie), von Curt Schumann Am Kreuzweg (Werbung für Olbas-Tabletten) und von Piper Ein edler Wettstreit (Werbung für Chiffon-Parfüm).

Bei der Ufa erscheinen mit Ein guter Einfall und Mit Musike! Reklamen für Zigaretten aus dem Hause Bergmann von Egon (Ewald) von Tresckow, zudem animiert Tresckow gemeinsam mit Bernhard Huth die Werbung für Tabak von Hanewacker Etwas für Sie, meine Herren!

Ebenfalls bei Ufa-Werbefilm preist Ernst Kochel mit Scherben bringen Glück in Puppentrick Haushaltsgeräte der Firma Althoff an und legt sich in Mutti, was ist denn das? für die Aussteuer-Versicherung der Volksfürsorge ins Zeug. Auch in Puppentrick wirbt der Ufa-Werbetitel Gut betreut für die Sparkasse der Stadt Berlin. Wolfgang Kaskeline ist für die Epoche-Color-Film AG mit Werbe-Titel für Henkell-Sekt tätig: Nichts für Mucker und Perlen, während Boehner-Film aus Dresden mit Ruf der Pfennige Sparkassenwerbung betreibt. Aus dem Trickfilm-Atelier von Otto Waechter in Berlin kommen Die alte – und die neue …! (Einkaufswerbung), Ganz einfach! (Bekleidungswerbung) und Punktgenau (Werbung für die Firma Otto Schneider & Co., Ohlau).

Als verschollen müssen die Titel Der Bach Vo, Ein edler Wettstreit, Mutti, was ist denn das?, Die alte – und die neue …!, Ganz einfach! und Punktgenau angesehen werden.

 

1940. Filme von Louis (Luis) Seel

Die Tobis Filmkunst bringt die zweiminütige antibritische Tobis Karikatur Nr. 1 von Louis (Luis) Seel heraus. Von Seel ist auch ein Kalif Storch nach dem Märchen von Wilhelm Hauff überliefert, der möglicherweise im selben Jahr erschienen ist.

 

1940. Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt von Heinz Wolfgang Tischmeyer

Naturfilm Hubert Schonger in Berlin stellt den Gasparcolor-Trickfilm Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt fertig. Der von Heinz Tischmeyer gezeichnete Film basiert auf einem Gedicht von Friedrich Rückert (1813). Ein Nadelbaum wünscht sich statt der spitzen Nadeln goldene Blätter. Ein Bauer hat ein Auge auf die Goldblätter geworfen. Im Film wird er durch die „Stürmer“-Karikatur eines Juden ersetzt:

„Aber wie es Abend ward, ging der Jude durch den Wald mit großem Sack und großem Bart. Der sieht die goldenen Blätter bald. Er steckt sie ein, geht eilends fort und lässt das leere Bäumlein dort …“

Am Ende wünscht sich der kleine Baum seine Nadeln zurück.

Heinz Wolfgang Tischmeyer, der vor 1933 eine Zeitlang mit Georg Pal in Berlin gearbeitet hat, animiert den farbigen Film auf Schongers Rechnung in seinem eigenen Atelier.

Das Bäumlein, schrieb ein Blogger, sei von Gefahren umgeben, „…wie Nazi-Deutschland, das auch spitze Nadeln brauchte und einen Käfig mit starken Gitterstäben, weil die anderen immer seine Blätter rauben wollten“. (Hans Schmid: In der Mitte der Gesellschaft. In: Telepolis, 7.1.2012 [Aufruf 30.3.2020])

Publikation

  • DVD: Geschichte des deutschen Animationsfilms – Animation in der Nazizeit. Berlin (absolut Medien)

 

1940. Filme der Gebrüder Diehl

Die Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (RWU) vertreibt die 16mm-Fassung der Gebrüder Diehl-Puppenfilmproduktion Der gestiefelte Kater. Die Gebrüder Diehl werben für Schreibmaschinenpapier von Kabuco und Adler Schreibmaschinen: Adler Favorit Nr. 2.

Publikationen

  • Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995
  • DVD: Märchen Zauber – Die schönsten Märchen. Alive, 2016

 

1940. Animationen von Svend Noldan

Das Atelier Svend Noldan produziert zum Thema „Wohnungsverdunklung im Krieg“ den Lehrfilm mit Tricksequenzen Innen beleuchten – nach Außen verdunkeln! (Zensurfreigabe am 24. April 1940), der als verschollen gelten muss. Das Studio beteiligt sich zudem mit animierten Angriffs- und Verteidigungsplänen sowie mit Kartenanimationen am von Fritz Hippler kompilierten Kriegspropagandafilm Feldzug in Polen (Premiere am 8. Februar 1940). Desweiteren steuert es Kartenanimationen zum antisemitischen Hetz-Dokumentarfilm von Fritz Hippler Der ewige Jude bei (Uraufführung am 29. November 1940 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin).

 

4. November 1940. Uraufführung von Der Störenfried

Die Bavaria-Filmkunst bringt die martialische Tierfabel Der Störenfried von Hans Held, der in Babelsberg die Leitung eines von der Firma neu eingerichteten Trickfilm-Ateliers übernommen hat: Ein Rotfuchs wird von Wespen-Stukageschwadern, Igeln und anderen Tieren des Waldes in die Flucht geschlagen.

Der Störenfried besitzt eine Sonderstellung als der einzige offen militaristische Zeichentrickfilm, der während des Krieges in Deutschland produziert wurde.
(Dirk Alt: Frühe Farbfilmverfahren und ihr Einsatz durch die NS-Propaganda 1933–1940. Magisterarbeit im Fach Geschichte an der Leibniz-Universität Hannover, August 2007, S. 88)

Publikation

  • DVD: Geschichte des deutschen Animationsfilms – Animation in der Nazizeit. Berlin (absolut Medien)

 

1941. Werbefilm-Kaleidoskop

Montage aus Phasen- und Hintergrundzeichnungen von Werner Bernhardy zum Ufa-Werbefilm Afro auf Reisen (1941) für Bonbons der Afro-Werke Leipzig-Taucha. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Montage aus Phasen- und Hintergrundzeichnungen von Werner Bernhardy zum Ufa-Werbefilm Afro auf Reisen (1941) für Bonbons der Afro-Werke Leipzig-Taucha. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Von Ufa Werbefilm erscheinen 1941 die animierten Werbefilm-Titel

Die Epoche Color Film AG beauftragt Louis (Luis) Seel mit der Herstellung von Fan-Tai-Tip (Werbung für Fan-Tai-Körnchen) und Wolfgang Kaskeline mit Hinter den Kulissen (Werbung für die Frankfurter Illustrierte). Von Kaskeline stammt auch Das Nachtgespenst für den Auftraggeber Textilhaus Walter Ebel.

Das Trick-Atelier Otto Waechter wirbt mit dem Kurzfilm Parade für Ringia-Schuhe, für Milupa-Babynahrung produziert Walter Born Es wächst das Korn, es wächst das Kind nach einem Manuskript von Elly Heuss-Knapp.

Im selben Jahr erscheinen von Gerhard (Gert) Krüger die für Heinefilm Bonn und Berlin hergestellten Werbefilme Der Zauberschrank (Werbung für Damenkleidung) und Zum Neuen Jahr (Werbung für Möbel der Firma Herrmann).

Die Bewegtbild-Materialien zu den Filmen Herr Kolossal und wir, Der unsterbliche Wunsch, Emsig wie die Bienen, Im Blickpunkt, Fan-Tai-Tip, Hinter den Kulissen, Parade und Zum Neuen Jahr müssen als nicht überliefert betrachtet werden.

 

1941. Max und Moritz der Gebrüder Diehl

Im Atelier der Gebrüder Diehl in München-Gräfelfing entsteht (in diesem Fall nicht im Auftrag der RWU) eine Puppentrickfilmfassung der Streiche von Max und Moritz.

„Der Film [… ] gehört zu den bemerkenswertesten der Diehls. Max und Moritz ist ebenfalls ein Stummfilm und in Ausstattung und Dekors sehr einfach gehalten, die Hintergründe sind weitestgehend gemalt. Die Inszenierung ist von leichter Hand, die Animation durchgehend überzeugend, auch die der Puppengesichter … […] Insgesamt ist Max und Moritz durch die Plastizität der Puppen und die dramaturgisch-filmischen Akzentuierungen noch um einiges drastischer als die Vorlage von Wilhelm Busch.“
(Thomas Basgier: Die unentwegt Bewegenden – Die Gebrüder Diehl und ihre Filme. In: Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995, S. 54)

 

1941. Fritz & Fratz für den DEGETO-Schmalfilmschrank

Die für den DEGETO-Schmalfilmschrank produzierte Animationsserie Fritz & Fratz des Österreichers Johann Weichberger erscheint als 16mm-Version zunächst in zehn Teilen à 3 Minuten: Die blinden Passagiere, Der Spuk an Bord, Die wilde Jagd, Die kleinen Helden, Onkel Steffen in Seenot, Ein Hai greift an, Onkel bei den Menschenfressern, Dem Tode entronnen, Jumbo als Retter, Die Landung im Wunderland.

 

14. Februar 1941. Uraufführung des Kulturfilms Radium

In bewährter Zusammenarbeit mit Regisseur Martin Rikli gestaltet das Atelier Hans Neuberger die Trickszenen für den Kulturfilm Radium. Der Streifen passiert die Zensur am 29. März 1940 und erlebt seine Uraufführung am 14. Februar 1941 im Berliner Tauentzien-Palast.

Gedreht wurde vor allem in Joachimsthal (Jáchymov) in der Erzgebirgsregion, einem traditionsreichen Bergbauort mit wechselvoller deutsch-böhmischer Geschichte. Zur Zeit der Filmentstehung gehört das Gebiet zum von den Deutschen okkupierten „Sudetenland“. Die Aufnahmen schildern Eigenschaften und Wirkungen des Uran-Pechblende-Erzes mit seinen wesentlichen Elementen Uran und Radium. Einen solchen Film zu veröffentlichen in einer Zeit, in der die Nationalsozialisten bereits beginnen, an einem Atombomben-Projekt, der „Wunderwaffe“, zu arbeiten, ist zumindest erstaunlich. Auch weite Teile des sächsischen Erzgebirges bergen „Uranschätze“. Nach dem Krieg verkennen sogar die zunächst einrückenden Amerikaner das Ausmaß dieser Vorkommen. Ein fataler Irrtum, ohne den die Weltgeschichte womöglich anders verlaufen wäre. Wenig später dient die dortige Bergbauförderung („Wismut“) – ähnlich wie in Joachimsthal – der Urangewinnung für die sowjetische Kernwaffenproduktion und Atomindustrie.

Publikationen

  • Rainer Karlsch, Zbynek Zeman: Urangeheimnisse – Das Erzgebirge im Brennpunkt der Weltpolitik 1933–1960. Berlin 2002/2013
  • Eberhard Baage: Wismut-Uran und Stalins Kernwaffen. Die Wismut-Story. Berlin 2009

 

3. März 1941. Uraufführung von Die Wiesenzwerge

Der nach dem Buch von Ernst Kreidolf von Gerhard Krüger im Gasparcolor-Atelier im Auftrag von Naturfilm Hubert Schonger geschaffene Gasparcolor-Film Die Wiesenzwerge passiert die Zensur am 10. Februar 1941 und erlebt am 3. März im Kölner Capitol seine Uraufführung.

Das Plakat verspricht ein „Märchenland in Farben. Vorher: Ein großes Beiprogramm“. Den Verleih übernimmt Roland-Film:

„Wenn auch Farbfilme im Grunde genommen eine Rarität bedeuten, soll nun nicht gesagt werden, dass man auf diesem Gebiete untätig gewesen ist. Wie sehr auf diesem Gebiete erfolgreich gearbeitet wird, beweist die Farbenpracht, mit der der soeben herausgekommene Trickfilm Die Wiesenzwerge ausgestattet ist. Das Farbfilmverfahren (hier handelt es sich um Gasparcolor) ist in den letzten Jahren technisch sehr vervollkommnet worden und steht heute ebenbürtig neben denen des Auslandes und das Auge hat Zeit und Muße, sich an den Farben satt zu sehen. Auch was die Trickzeichnungen anbelangt, so kann gesagt werden, dass auch hierin ganz beachtliche Fortschritte zu verzeichnen sind. Gegenüber den früher sehr unbeholfen wirkenden Figuren weist die Arbeit von Gerhard Krüger eine Vielfalt in der Fantasie auf, die erstaunlich ist. Die Zeichnungen an sich, der Einfallsreichtum und die Aufnahmetechnik weisen gegenüber dem früher Gesehenen manche Vorzüge und Fortschritte auf. Was den Film selbst anbelangt, der mit seinen 434 m (volksbildend, jugendfrei, feiertagsfrei) als Beiprogrammfilm zum Spielfilm gedacht ist, so sei gesagt, dass er auf ein buntes Bilderbuch von Ernst Kreidolf, Köln, zurückgeht, das von zwei Zwergennachbarn berichtet, die zu einer Hochzeit in die nächste Dorfkirche fahren. Die Heuschrecken des einen Zwergenvaters waren nach der Rückkehr aber so hungrig, dass sie vom Nachbardorf das gesamte Grasdach abfraßen. Darob gab’s eine große Fehde zwischen beiden Zwergen und wenn sie am Abend nicht vor lauter Müdigkeit eingeschlafen wären und der gute Mond die beiden Lager in leuchtende Blumen verwandelt hätte, so kämpften sie heute noch.“
(Der Farbentrickfilm Die Wiesenzwerge gestartet. Gasparcolor-Verfahren: Beweis des Farbfilm-Fortschritts. In: Der Film, 1. März 1941)

  

30. Mai 1941. Zusammenarbeit von Gasparcolor und Tobis

Stefanie Steuer (links) und Heinz Tischmeyer bei der Deutschen Zeichenfilm GmbH. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Stefanie Steuer (links) und Heinz Tischmeyer, hier bei der Deutschen Zeichenfilm GmbH. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Jürgen Clausen, Geschäftsführer der Gasparcolor Werbefilm GmbH und der Gasparcolor Naturwahre Farbenfilm GmbH, tritt mit einem Memorandum an die Tobis heran und schlägt vor, abendfüllende farbige Puppentrickfilme herzustellen und ein Farbfilm-Studio einzurichten: ein Plädoyer für den dreidimensionalen Animationsfilm à la Georg Pal, gegen den „plakativ“ zweidimensionalen. Zwar arbeitet Clausen eine Zeitlang mit der Tobis auf dem Gebiet des Farbfilms zusammen, aber die Firma wie überhaupt die im Film tonangebenden Funktionäre entscheiden sich gegen den Puppen- und für den zweidimensionalen Zeichenfilm im Disney-Stil.

 

Louis Seel bei der Arbeit an "Der Berggeist Rübezahl". ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Louis Seel bei der Arbeit an »Der Berggeist Rübezahl«. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Typenfiguren zu "Der Berggeist Rübezahl". ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Typenfiguren zu »Der Berggeist Rübezahl«. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

So kauft die Tobis Filmkunst den vom Maler, Zeichner und Bühnenbildner Bernhard Klein (1888–1967) quasi im Alleingang gezeichneten Kurzfilm Sonntagsabenteuer (Zensurfreigabe am 26. März 1941; nach 1945: Der treulose Wecker) für den Verleih ein und richtet ein Trickfilm-Studio in Berlin-Dahlem, Unter den Eichen ein. Zu den Mitarbeitern gehören neben Klein Stefanie Steuer und Heinz Tischmeyer. Die künstlerische Leitung wird Louis (Luis) Seel übertragen. Erstes Projekt ist Der Berggeist Rübezahl. Das Projekt wird nicht fertiggestellt.

Publikation

  • Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012

 

8. Juni 1941: Eintrag in Goebbels-Tagebuch

„Farbentrickfilm Gulliver. Eine amerikanische Produktion. Sehr gut, sehr witzig, sehr gekonnt. Ich muss das auch bei uns erreichen und werde mich trotz des Krieges auch um diese Frage kümmern. Die Leute, die das können, sind auch bei uns vorhanden. Man muss sie nur finden.“
(Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Band 4: 1.1.1940-8.7.1941. München 1987)

 

Juli 1941. Einstellung von Quick macht Hochzeit

Die Arbeiten an dem 1940 begonnenen Ufa-Farbtrickfilm Quick macht Hochzeit, in dessen Mittelpunkt die Figur eines Frosches steht, werden eingestellt. Mit Ausnahme von Kurt Stordel, der für die künstlerische Gestaltung verantwortlich zeichnete, und seinem Trickkameramann Erwin Kramp werden die Ufa- und die Tobis-Belegschaft komplett von der Deutschen Zeichenfilm GmbH i.G. übernommen.

Publikation

  • Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012

 

7. August 1941. Gründung der Deutschen Zeichenfilm GmbH

"Walt Disney wird studiert, seziert, analysiert, mikros-kopiert." Innensichten der Deutschen Zeichenfilm GmbH, entworfen und zum Bilderalbum arrangiert von Gerhard Fieber, etwa 1943/44. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

»Walt Disney wird studiert, seziert, analysiert, mikros-kopiert.« Innensichten der Deutschen Zeichenfilm GmbH, entworfen und zum Bilderalbum arrangiert von Gerhard Fieber, etwa 1943/44. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Am 25. Juni 1941 wird im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda die Errichtung einer Deutschen Zeichenfilm-Gesellschaft beschlossen. Sie wird direkt auf Veranlassung des Reichsministers Joseph Goebbels gegründet mit dem Ziel, in Europa eine Organisation zu schaffen, die Walt Disney und seinen Zeichentrickfilmen definitiv Konkurrenz machen könnte. Die Firma soll laut Satzung künstlerisch hochstehende Zeichenfilmschöpfungen aller Art herstellen und vertreiben.

Die Notarielle Beurkundung zur Gründung der Deutschen Zeichenfilm G.m.b.H. geschieht am 7. August 1941 beim Amtsgericht Berlin Charlottenburg (Nr. 119 der Urkundenrolle für 1941):

„Vor mir, dem unterzeichneten Notar des Kammergerichts mit dem Amtssitze im Bezirk des Amtsgerichts Berlin Rechtsanwalt Dr. Günther Donner erschienen heute von Personen bekannt:

Rechtsanwalt, Bruno Pfennig (Cautio Treuhandgesellschaft, Stellvertreter von Dr. Max Winkler)

Kaufmann, Direktor Fritz Kuhnert (Ufa)

Prokurist, Fritz Dannehl (Ufa)

Die Erschienenen erklären: Die durch uns vertretenen Gesellschaften, nämlich die Universum-Film A.G. und die Cautio Treuhandgesellschaft m.b.H., beide mit Sitz in Berlin, errichten hiermit eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung

‚Deutsche Zeichenfilm Gesellschaft mit beschränkter Haftungʻ

Handelsregister Eintrag Amtsgericht Berlin-Charlottenburg Abt. B Nr. 62 HRB 85 Nz.“
(Dokument Bundesarchiv, Kopie in DIAF/Sammlung J. P. Storm)

 

Zeichenfilm-Geschäftsführer Karl Neumann, aus einem von Gerhard Fieber entworfenen und arrangierten Bilderalbum, etwa 1943/44. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Zeichenfilm-Geschäftsführer Karl Neumann, aus einem von Gerhard Fieber entworfenen und arrangierten Bilderalbum, etwa 1943/44. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Die Deutsche Zeichenfilm bezieht ihr Domizil zunächst in Berlin in der Rosenthaler Straße 11–12.

Geschäftsführer wird Karl Neumann, der kaufmännischer Angestellter und Prokurist in verschiedenen Fleischfabriken an der Ostsee gewesen und seit 1931 Mitglied der NSDAP ist. 1931 wegen nationalsozialistischer Propaganda entlassen, macht Neumann sehr schnell Karriere als Gaupropagandaleiter und wechselt am 15. Oktober 1934 als Referent in das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda nach Berlin. Der weitere Werdegang: im April 1936 Ernennung zum Oberregierungsrat, am 1. Oktober 1939 Führungsposition in der Deutschen Propagandaatelier GmbH, im März 1940 Übernahme der Kulturfilmproduktion. Da animierte Kurzfilme in Deutschland unter der Rubrik „Kulturfilm“ subsumiert werden, fällt Goebbels’ Wahl für den Chefposten der Zeichenfilm GmbH auf ihn.

Kurt Blümel, Gerhard Fieber und Sergej Sesin (v. l.). ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Kurt Blümel, Gerhard Fieber und Sergej Sesin (v. l.). ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Aus der Kulturfilmzentrale nimmt Neumann den Dramaturgen Frank Leberecht mit. Als Zeichenfilm-Experte steht ihm im engeren Umfeld nur der technische Leiter Dr. Werner Kruse zur Seite, der jedoch aufgrund politischer Unstimmigkeiten nur ein Jahr bleibt. Zum Einstand bringt Kruse als Überläufer einen von ihm angefangenen Werbefilm für Hexona in die neue Firma ein. Chefzeichner sind zunächst die Grafiker und Werbefilmer Gerhard Fieber, Gustav Tolle, Heinz Tischmeyer, der aus Sowjetrussland stammende Sergej (Serge, Sergei) Sesin, der Holländer Jan A. Coolen und der von Kruse aus Frankreich verpflichtete Robert Salvagnac. Kurt (Curt) Blümel, der Vater des späteren DDR-Animationsfilmregisseurs und privaten Filmherstellers Peter Blümel, wird Chef der Farbabteilung und gestaltet die Hintergründe. Im Jahre 1943 wird noch Wolfgang Kaskeline hinzustoßen.

Publikationen

  • Carsten Laqua: Wie Micky unter die Nazis fiel. Walt Disney und Deutschland. Hamburg 1992
  • Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998
  • Günter Agde: Goebbels-Gründung und DEFA-Erbe. Beinahe vergessen: Die Deutsche Zeichenfilm GmbH und ihr Nachlaß (1942 bis 1947) mit einem Nachtrag 1950. In: Film und Fernsehen, Nr. 3+4, 1998, S. 36–42
  • Ulrich Stoll: Hitlers Traum von Micky Maus – Zeichentrick unterm Hakenkreuz. 1999 (Dokumentarfilm, arte/WDR)
  • Jens Harder: Slapstick im Gleichschritt – Zeichentrickfilme aus dem „Dritten Reich“. Diplomarbeit Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Hochschule für Gestaltung 2002
  • Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012
  • Rolf Giesen: Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Frankenthal 2020
  • Herma Kennel: Als die Comics laufen lernten. Der Trickfilmpionier Wolfgang Kaskeline zwischen Werbekunst und Propaganda. Berlin 2020

 

26. November 1941. Wolfgang Kaskeline klagt über unzureichende Arbeitsbedingungen bei der „Epoche“

„Mit den freien Mitarbeitern, die ihm [Wolfgang Kaskeline] von der Epoche zur Seite gestellt werden, klappt es nicht. Etliche von ihnen sind unerfahren, inkompetent, gar intrigant. Wolfgang Kaskeline, laut Vertrag Produktionsleiter, werden Mitarbeiter vorgesetzt, die aus Unfähigkeit und mangelnder Sachkenntnis, vielleicht auch aus Boshaftigkeit Fehldispositionen vornehmen, die sie dann Kaskeline anlasten. Sobald dieser solche Vorgänge bei der Firmenleitung offenlegt, wird er von den freien Mitarbeitern bedroht, genötigt, verleumdet, es wird der Versuch unternommen, ihn zum Schweigen zu bringen. […]
Mit Schreiben vom 26. November 1941 reicht er bei der Epoche seine Kündigung ein.
Führende Mitarbeiter der Firma sind alarmiert. Schnellstens soll Kaskeline besänftigt werden, damit die Epoche ihn nicht verliert. […]
Wolfgang Kaskeline gibt nach und erklärt sich – in der Hoffnung auf eine bessere Zusammenarbeit – bereit zu bleiben.“
(Herma Kennel: Als die Comics laufen lernten. Der Trickfilmpionier Wolfgang Kaskeline zwischen Werbekunst und Propaganda. Berlin 2020, S. 141 f.)

  

Dezember 1941. Uraufführung des Films Die Druckluftbremse

Der Lehrfilm Die Druckluftbremse (Teil des Films Der Motorwagen) von Ewald-Film Berlin, hergestellt im Auftrag des Oberkommandos des Heeres (Berlin), erlebt im Dezember 1941 in den Kamera-Lichtspielen Berlin seine Uraufführung, Zensurfreigabe war am 8. Dezember 1941. Die Animationssequenzen stammen von Erwin Huschert.

 

1942. Werbefilm-Kaleidoskop

Hans Fischerkoesen stellt im Auftrag der Ufa einen Kurzfilm mit dem Titel Vergißmeinnicht (Fewa-Feinwaschmittel von Henkel) her. Vereint ist mehr von Curt Schumann würdigt das Reinigungsmittel Vim von Sunlicht (Zensurfreigabe 12. Dezember 1942), Du und drei, ebenfalls von Schumann, ein Ersatz-Waschmittel von Henkel.

Gleichfalls bei der Ufa wirbt Süße Geheimnisse von Egon (Ewald) von Tresckow und Bernhard Huth für Opetka-Einkochmittel, vom gleichen Gespann stammen zudem die Cinzano-Werbung Melodie des Südens und auch noch Eine Morität – ganz privat.

Gerhard (Gert) Krüger produziert für Heinefilm Prinzeß Neugierde, Im Himmel ist Hochbetrieb (Werbung für die Pommersche Bank), Nikolaus in Sorgen (Werbung für die Firma Fahning) und Was sich jeder merken muß (Werbung für Gold- und Silberwaren).

Kurt Stordel verliert den Anschluss bei den großen Firmen. Er ist für die Döring-Film-Werke in Berlin tätig mit Ferien in Sonnensee (Werbung für Mipax-Mückenmittel) und Krach im Päckchen (Werbung für die Reichspost und das richtige Packen von Feldpostpaketen). Außerdem animiert er für Foto-Vogt, Stettin, Teile für den Aufklärungsfilm über den Aufbau der Ernährungswirtschaft Ordnung schafft Brot (Zensurfreigabe 26. November 1942).

Die Epoche-Color-Film AG mit Wolfgang Kaskeline bringt Eine Frau spricht zu den Frauen mit Bekleidungswerbung, Commerz-Film Der Sparstrumpf mit Werbung für die Raiffeisen-Genossenschaft, Tiller-Film einen Puppentrickfilm für die Sparkassen: Zu Wasser geworden. In Dresden wirbt Boehner-Film für „Königs“ Surrogat-Kaffee: Achtung, Frau’n! – wählt gelb-rot-braun und mit Was man liebt, das soll man schonen (Animation Curt Dahme und Friedrich Wollangk) für das Modehaus Esders. Die Gebrüder Diehl bleiben ihrem Kunden Kabuco mit dem Kurzfilm Füllhalter und Zwerg treu.

Die Filme Prinzeß Neugierde, Im Himmel ist Hochbetrieb, Nikolaus in Sorgen, Was sich jeder merken muß, Ferien in Sonnensee, Ordnung schafft Brot und Eine Frau spricht zu den Frauen gelten als verschollen.

 

1942. Peterle’s Abenteuer für den Degeto-Schmalfilmschrank

Eine Serie in vier Folgen, Peterle’s Abenteuer von Johann Weichberger, erscheint im DEGETO-Schmalfilmschrank: Die beiden Ausreißer, Peterle im Zirkus, Der kleine Jäger, Ein guter Fang.

 

1942. Film John Bull in Nöten

Als Puppenfilm-Test entsteht für die Tobis, möglicherweise noch aus dem Bestand von Jürgen Clausen, der fünfminütige antibritische Propagandafilm John Bull in Nöten in Gasparcolor.

 

12. Oktober 1942. Zensurfreigabe von Zinnsoldaten – Zinnfiguren

Der Lehrfilm der Dr. Edgar Beyfuß-Film Nachf. Berlin Zinnsoldaten – Zinnfiguren wird von der Zensur als jugendfrei und künstlerisch wertvoll freigegeben. Der kurze Film (15 Minuten) hat eine erstaunlich lange Produktionsgeschichte:

„Anfang 1940 beginnen im Berliner Radius-Trickatelier die Dreharbeiten zu dem Kultur-Beiprogrammfilm Zinnsoldaten im Zeitgeschehen (R: Th. N. Blomberg). Der Film entsteht im Einvernehmen mit dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) sowie der Heeresfilmstelle. Zusätzlich wird er auf die Wehrmacht-Propagandafilm-Liste gesetzt. Der Kurzfilm soll einen Bogen spannen vom beliebten Kriegsspielzeug für Jungen, das in keinem Kinderzimmer fehlt, bis zur Gegenwart zu Beginn des dritten Kriegsjahres, in dem viele Soldaten – gleich Zinnsoldaten – an der Front kämpfen. Nur wenige Wochen zuvor ist ein mit dem Prädikat ‚volksbildendʻ versehener Märchenrealfilm Der standhafte Zinnsoldat im Kino angelaufen.“
(Ron Schlesinger: Rotkäppchen im Dritten Reich. Die deutsche Märchenfilmproduktion zwischen 1933 und 1945. Ein Überblick. Gefördert mit einem Stipendium der DEFA-Stiftung. Berlin 2013, S. 101)

 

1. November 1942. Die Deutsche Zeichenfilm expandiert

Herbert Sonnenfeld, Blick auf die Jüdische Mädchenschule und Orthodoxe Synagoge Kaiserstraße, Berlin ca. 1935; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. FOT 88/500/174/011, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin

Herbert Sonnenfeld, Blick auf die Jüdische Mädchenschule und Orthodoxe Synagoge Kaiserstraße, Berlin ca. 1935; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. FOT 88/500/174/011, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin

Die Mitarbeiterzahl der Deutschen Zeichenfilm GmbH steigt von Juni 1942 bis September 1943 von 72 auf 263. Hinzu kommen 119 Auszubildende und Praktikanten, auch eine räumliche Expansion ist unausweichlich. Eine „Lösung“ bietet sich an mit der Schließung aller jüdischen Schulen im Zuge der Deportationen in Deutschland und damit zugleich in Berlin zum 30. Juni 1942. Dadurch wird auch die jüdische Knabenvolksschule auf dem Areal der Synagoge im Vorderhaus, Kaiserstraße 29/30, nahe dem Alexanderplatz „frei“, die bis 1932 die jüdische Mädchenmittelschule beherbergt hat. Die Synagoge selbst war bereits im November 1938 während der „Reichskristallnacht“ verwüstet worden.

Die Deutsche Zeichenfilm mietet das ohnehin zwangsenteignete Schulgebäude bereits am 13. Juli 1942 an (in deren Unterlagen benannt als „Judenschule“ oder „Judengrundstück“), der Zuzug erfolgt nach Umbauten am 1. November 1942. Zwischenzeitlich insistiert das Erziehungsministerium, um das Gebäude für Schul- oder Lehrerbildungszwecke weiterzunutzen, doch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda erklärt die Kriegswichtigkeit des Unternehmens, „weil die herzustellenden Filme für die politische Werbung und Volksaufklärung im Dienste der Kriegsspropaganda bestimmt sind“.

Offensichtlich behält die Deutsche Zeichenfilm trotz Umzuges die Adresse Rosenthaler Straße bis mindestens März 1943 bei. Zur gleichen Zeit nimmt deren Lehrwerkstatt, die zuvor in der Rosenthaler Straße 3 beheimatet war, ihre Unterkunft direkt am Alexanderplatz, Haus Nr. 2 ein. Dabei handelt es sich um einen der beiden so genannten „Behrens-Bauten“: das „Alexanderhaus“. Hauptmieter ist zu jener Zeit das „Kaufhaus Horn“, der „Nachfolger“ der nach 1933 faktisch zwangsenteigneten Berliner Warenhaus-Marke „Jonass & Co.“. Deren jüdischer Besitzer Hermann Golluber musste nach der Machtergreifung der Nazis noch die von jenen begehrte Immobilie in der Lothringer Straße (heute Torstraße), Ecke Prenzlauer Allee räumen und ins „Hochhaus Alexander“ umziehen.

Publikationen

  • Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998
  • Günter Agde: Goebbels-Gründung und DEFA-Erbe. Beinahe vergessen: Die Deutsche Zeichenfilm GmbH und ihr Nachlaß (1942 bis 1947) mit einem Nachtrag 1950. In: Film und Fernsehen, Nr. 3+4, 1998, S. 36–42
  • Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012
  • Rolf Giesen: Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Frankenthal 2020
  • Jörg Fehrs: Von der Heidereutergasse zum Roseneck – Jüdische Schulen in Berlin 1712–1942. Berlin 1993
  • Martin Mende 2008: https://www.diegeschichteberlins.de/forum/1208249695-synagoge-und-schule-in-der-kaiserstr-heute-jackobystr.html [Aufruf 30. März 2020]
  • Christoph Kreutzmüller, Kaspar Nürnberg (Hg.): Verraten und Verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933–1945. Ausstellungskatalog. Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin/Lehrstuhl für Zeitgeschichte 2008

 

22. Dezember 1942. Gründung der Mars-Film GmbH

Zahlreiche Animationsfilmer sind mit Zulieferungen für die militärische Lehrfilmproduktion betraut:

„Die Mars-Film ist u. a. eingesetzt, um die bisher mit den Wehrmachtsteilen arbeitenden Unternehmen der deutschen Filmwirtschaft zu überwachen und eine einheitliche Produktion im Interesse der Wehrmacht sicherzustellen. Zu diesem Zweck sind mit folgenden Ringfirmen Generalvertragsbestimmungen abgeschlossen.

Boehner-Film, Dresden
Fischerkösen, Potsdam
Technik-Film Nar & Polley, Berlin
Trickfilm-Atelier Dr. Stier, Prag
Trickfilm-Atelier Schumann, Haynau [heute Chojnów]
Ewald-Film, Berlin
Sigma-Film, Berlin.

In diesen Verträgen haben sich die Ringfirmen u.a. verpflichtet, Bestellungen nur von der Mars-Film entgegenzunehmen, keine Ansprüche zu stellen, wenn ihre Betriebe nicht voll ausgenutzt werden.“
(Neue Revisions-, und Treuhandgesellschaft mbH, Bericht über die Prüfung der Jahresabschlüsse zum 31.5.1943 und 31.5.1944 der Mars-Film GmbH Spandau, Berlin 13.3.1945. In: Bundesarchiv, R 109 I, 2506)

 

Einzelbild aus einem militärischen Lehrfilm zur Schießausbildung, Darstellung der Ballistik von Geschossen. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Einzelbild aus einem militärischen Lehrfilm zur Schießausbildung, Darstellung der Ballistik von Geschossen. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

„Eine wichtige Aufgabe des Animationsfilms war die Erstellung anschaulicher, bewegter Grafiken für militärische Lehrfilme. In Berlin oblag die Herstellung dieser Lehrfilme der Mars-Film GmbH, die die Aufgaben der Heeresfilmstelle und der Marine-Hauptfilmstelle, die aufgelöst worden waren, übernahm. Die Mars-Film galt als kriegswichtiger Betrieb und hatte sogar eine eigene SS-Produktionsgruppe.“

Die beteiligten Animationsfilmer bleiben in den militärischen und teilweise geheimen Filmprojekten stets anonym:

„Ueber dem Film steht nicht der Name eines Regisseurs, ihn kennen nur die Eingeweihten. Kein Vorspann nennt die Mitarbeiter am Werk. Schlicht und soldatisch einfach sagt der Titel: ‚Das Oberkommando des Heeres zeigt…ʻ“
(Major Martin Steglich: Der militärische Lehrfilm. In. Film-Kurier, Nr. 71, 5.9.1944)

 

„Die Werbefilmer, die nun für die Mars-Film GmbH arbeiteten, besser: arbeiten mußten, setzten ihre langjährigen Erfahrungen mit Tricks aus ihren Werbefilmen ein, insbesondere zeichnerisch und tricktechnisch schematisierende Darstellungen technischer Abläufe (etwa bei Motoren und Antriebsgeräten), ballistischer (Geschosse), kartographischer (Geländevermessungen) und chemischer (Nebelerzeugung) Vorgänge.“
(Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998, S. 137)

 

Die Mars Film vergibt Subaufträge an Boehner-Film Dresden, Technik-Film Nar & Polley, Major Hans Ewald (Ewald-Film) und Sigma-Film in Berlin, das Atelier von Curt Schumann in Haynau (Niederschlesien, heute: Chojnów), das Trickfilm-Atelier Dr. Stier in Prag und nicht zuletzt auch an das Fischerkoesen-Filmstudio in Potsdam. Wohl aufgrund seiner Mitwirkung an Produktionen der Mars-Film wird Hans Fischerkoesen nach dem Zweiten Weltkrieg, von 1945 bis Mitte 1948, im ehemaligen KZ Sachsenhausen interniert, das zum NKWD-Speziallager Nr. 7 umfunktioniert worden war.

Publikationen

  • Major Martin Steglich: Der militärische Lehrfilm. In: Film-Kurier, Nr. 71, 5.9.1944
  • Günter Agde: Sachsenhausen bei Berlin. Speziallager Nr. 7 1945–1950. Berlin 1994
  • Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998
  • André Eckardt: Im Dienst der Werbung. Die Boehner-Film 1926–1967. Berlin 2004
  • Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012

 

1943. Werbefilm-Kaleidoskop

Für die Epoche-Color-Film AG und den Auftraggeber Henkel gestaltet Wolfgang Kaskeline vier Spots für Dallita-Einweichmittel:  … lau bis badewarm, Nach zwei Stunden (beide Zensurfreigabe am 13. Januar 1943), Genau wie Mutti … und Nur zum Einweichen. Er ist auch für die Ton-Lichtbild-Reklame AG (Tolirag) tätig.

Hans Fischerkoesen wirbt mit der Ufa für die Deutsche Klassenlotterie mit Vom Glück!, konzentriert sich dann aber angesichts der durch die Kriegslage knapper werdenden Werbefilm-Aufträge auf militärische Lehrfilme. Kurt Stordel hält sich mit einem kleinen Auftrag für Leinsamen in Schlesien über Wasser: Eine gute Lehre.

 

1943. Neues von den Gebrüdern Diehl

Die Gebrüder Diehl-Filmproduktion stellt den Märchen-Kurzfilm Dornröschen für die RWU fertig. Fast beendet haben die Brüder auch die Arbeit am Puppenfilm Die Wichtelmänner, da wird das Negativ bei einem Bombenangriff zerstört. Der Film wird 1968 noch einmal gedreht.

 

1943. Aktivitäten von Hans Held

Hans Held (Mitte) im Studio in Den Haag. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Hans Held (Mitte) im Studio in Den Haag. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Die Bavaria-Filmkunst präsentiert den Agfacolor-Kurzfilm Die Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen – Eine Winterreise von Hans Held. Held hat auch eine kurze Kanonenritt-Szene in dem Ufa-Farbfilm Münchhausen animiert, der am 3. März zum 25-jährigen Bestehen der Ufa im Ufa-Palast am Zoo uraufgeführt wird.

Zwei weitere Projekte, die Hans Held im Zeichenfilm-Studio in Den Haag anstößt, sind Die gestohlene Krone und Das Gespenst.

Vorzeichnung für Die Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen – Eine Winterreise (1943) von Hans Held. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Vorzeichnung für Die Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen – Eine Winterreise (1943) von Hans Held. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Das Atelier in Den Haag teilt er sich mit Fischerkoesen. Es wird von dem holländischen Produzenten Egbert van Putten übernommen, der dort zwischen 1942 und 1943 den 20-minütigen Van den Vos Reynaerde realisiert hat, der nur als Fragment von zwölf Minuten überliefert ist. Die Tierfabel wurde entsprechend der von Robert van Genechten im nationalsozialistischen Geist umgeschriebenen mittelalterlichen Vorlage antisemitisch gedeutet.

Publikation

  • DVD: Geschichte des deutschen Animationsfilms – Animation in der Nazizeit. Berlin (absolut Medien)

 

1943. Aktivitäten von Josef Pfister

In Prag stellen Richard Dillenz und Josef Pfister eine sehr naturalistische Schwarzweiß-Version des Poems Der Zauberlehrling von Goethe für die AFIT, das Prager Studio für Trickfilm, her. Vermutlich ist an der Herstellung auch der von der Zeichenfilm GmbH ausgebootete Louis (Luis) Seel beteiligt, dessen Spur sich hier verliert. Pfister schließt einen Kurzfilm Orpheus am Scheidewege an.

 

1943. Das Strich-Punkt-Ballett von Herbert Seggelke entsteht

Herbert Seggelke aus München realisiert den abstrakten Dreiminuten-Film Strich-Punkt-Ballett, der ohne Kamera direkt auf dem Filmmaterial entsteht.

Publikation

  • DVD: Geschichte des deutschen Animationsfilms – Animation in der Nazizeit. Berlin (absolut Medien)

 

1943. Militärischer Lehrfilm Nebelverwendung im Infanteriekampf

Der militärische Lehrfilm Nebelverwendung im Infanteriekampf wird von der Esser-Film, Berlin im Auftrag der Mars-Film als Lehrfilm Nr. 413 für die Ausbildung mit Kampfgeräuschen produziert. Es ist eine Neufassung des Lehrfilms mit Animationssequenzen Beispiele für die taktische Verwendung von künstlichem Nebel aus der Produktion Stier-Film Prag.

 

1943. Kaskeline bei der Deutschen Zeichenfilm

„Seit kurzem dient Wolfgang Kaskeline zwei Auftraggebern: Für das Unternehmen Deutsche Zeichenfilm DZF entwirft er die Hauptphasen für den Film Hänschen klein, für die Epoche ist er trotz seiner Kündigungen, die von der Firma nicht akzeptiert wurden, weiterhin tätig. Er schreibt Drehbücher, macht Entwürfe und komponiert die musikalische Begleitung der Filme.“
(Herma Kennel: Als die Comics laufen lernten. Der Trickfilmpionier Wolfgang Kaskeline zwischen Werbekunst und Propaganda. Berlin 2020, S. 154)

 

23. März 1943. Zensurfreigabe von Die Bremer Stadtmusikanten

Der Kurz-Animationsfilm Die Bremer Stadtmusikanten von Heinz Tischmeyer aus der Produktion von Naturfilm Hubert Schonger wird von der Zensur freigegeben.

 

16. August 1943. Regelungen für Trickfilmzeichner durch die Reichsfilmkammer

„Filmzeichner – Trickfilmzeichner.

Nach der bisherigen Regelung wurden Trickfilmzeichner vorbildungsmäßig als Gebrauchsgraphiker angesehen, die Lernenden in den Zeichenfilmbetrieben wurden mithin als Lehrlinge im Gebrauchsgraphikergewerbe eingestellt. Bei den Vorarbeiten für die Berufsordnung der Filmzeichner hat sich ergeben, dass in Zukunft ein Unterschied zwischen Trickfilmzeichner und Filmzeichner vorbildungsmäßig nicht mehr gemacht werden kann. Es wird sich daher empfehlen, in Zukunft Lehrlinge im Gebrauchsgraphikergewerbe nicht mehr einzustellen, sondern nur noch Filmzeichnerlehrlinge. Die Letzteren sind künstlerischer Nachwuchs und unterstehen mithin nicht der ausbildungsmäßigen Betreuung durch die Gauwirtschaftskammer, sondern der Nachwuchsbetreuung durch die Fachschaft Film. Die abzuschließenden Lehrverträge sind daher auch nicht der Gauwirtschaftskammer, sondern der Fachschaft Film zuzuleiten.“
(Bundesarchiv: Reichsfilmkammer, Fachgruppe Kultur- und Werbefilm, Rundschreiben Nr. 4/43, 16. August 1943)

 

1. Oktober 1943. Uraufführung von Verwitterte Melodie

Holzfigur des Hauptcharakters aus Verwitterte Melodie: Die Wespe tanzt auf einem Plattenspieler. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm, Foto: T. Tröger

Holzfigur des Hauptcharakters aus Verwitterte Melodie: Die Wespe tanzt auf einem Plattenspieler. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm, Foto: T. Tröger

Die Leitung der Deutschen Wochenschau unter Heinrich Roellenbleg sieht den Bedarf an animierten Kurzfilmen durch die nur schleppend anlaufende Fabrikation der Deutschen Zeichenfilm GmbH nicht gedeckt und handelt auf eigene Faust. Im Intercine Wochenschau-Kino in Brüssel wird als erster Auftragsfilm der Wochenschau Verwitterte Melodie (Arbeitstitel: Scherzo) uraufgeführt (und dann als Beifilm zur Terra-Produktion Geliebter Schatz eingesetzt). Hergestellt worden ist der Kurzfilm nach einer Idee von Horst von Möllendorff (1906–1992), einem Karikaturisten und früheren freien Mitarbeiter der Zeichenfilm GmbH, im Atelier von Hans Fischerkoesen in Potsdam. Zusätzliche Arbeiten werden in Den Haag ausgeführt.

Verwitterte Melodie erzählt von einer kleinen Wespe, die sommerselig summend über eine Wiesenlandschaft fliegt. Da entdeckt sie, verwittert und schon halb in die Erde verwachsen, ein vergessenes Koffer-Grammophon. Sie umkreist es und landet mit ihrem Stachel auf der Grammophonplatte. Der Stachel der Wespe funktioniert wie eine Grammophonnadel und erzeugt ein paar klingende Akkorde. Die Wespe beginnt, mit ihrem Stachel auf der Platte zu laufen und lockt allerlei Wiesengetier an. Der swingende Rhythmus reißt sie alle mit.

Zeichenphase auf Folie zu Verwitterte Melodie. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Zeichenphase auf Folie zu Verwitterte Melodie. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Einige Aufnahmen mit Tiefenwirkung hat Fischerkoesens Kameramann Kurt Schleicher nach dem Table-Top-Verfahren von Max Fleischer als Kombination von 2D-Animation und Modellen gedreht.

Publikation

  • DVD: Geschichte des deutschen Animationsfilms – Animation in der Nazizeit. Berlin (absolut Medien)

 

4. Oktober 1943. Zensurfreigabe von Armer Hansi

Der einzige Agfacolor-Kurzfilm, der bis Kriegsende von der Deutschen Zeichenfilm GmbH fertiggestellt und in den Kinos gezeigt wird, wird von der Zensur „jugendfrei“ und „künstlerisch wertvoll“ freigegeben: Armer Hansi (Arbeitstitel: Die Geschichte vom kleinen Kanarienhahn, der in die Freiheit flog), nach einer Idee von Hermann Krause unter Leitung von Frank Leberecht entstanden, erzählt von einem entflogenen Kanarienvogel, dem die Freiheit so viel Verdruss bereitet, dass er sich zurück nach dem Käfig sehnt:

„Vom Lockruf einer Meisin verzaubert, befreit sich Hansi, der einsame kleine Kanarienhahn, aus der sorglosen Enge seines Bauers, um es in der bunten, fremden Natur den wilden Vögeln gleichzutun. Eine weite Skala der Enttäuschungen zieht den kleinen romantischen Abenteurer aus den luftigen, reinen Himmelshöhen bis hinunter zur harten, schmutzigen Erde. Die Nacht bricht herein mit ihren unbekannten Gefahren. Wäre Hansi nicht von der hungrigen Katze verfolgt worden, hätte er wohl nie den Weg zurück in die Geborgenheit seiner Mansarde erreicht.“
(Zensurkarte B 59427)

Als Hauptzeichner fungieren Gerhard Fieber, Heinz Tischmeyer und Sergej Sesin. Einige Elemente dieses Films, zum Beispiel Szenen mit Bäumen, deren kahle Äste nach Hansi greifen, werden aus einer dem Propagandaministerium vorliegenden Kopie des Disney-Films Snow White and the Seven Dwarfs Bild für Bild kopiert und „gekinoxt“ (rotoskopiert).

Die Premiere des Farbfilms findet auf der Reichswoche für den deutschen Kulturfilm München, 12.18. November 1943, statt. Er wird später im Beiprogramm zu Die Feuerzangenbowle eingesetzt.

Publikationen

  • Filmzeichner berichten über ihre Arbeit. In: Film-Kurier, 24.12.1943
  • Jens Harder: Slapstick im Gleichschritt – Zeichentrickfilme aus dem „Dritten Reich“. Diplomarbeit Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Hochschule für Gestaltung 2002
  • Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012
  • Rolf Giesen: Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Frankenthal 2020
  • DVD: Geschichte des deutschen Animationsfilms – Animation in der Nazizeit. Berlin (absolut Medien)

 

4. November 1943. Der „Film-Kurier“ besucht die Deutsche Zeichenfilm GmbH

„Um die nötigen Zeichner heranzubilden, richtete daher die Deutsche Zeichenfilm G.m.b.H. Lehrklassen ein, in denen begabte junge Menschen in dreijähriger Lehrtätigkeit ausgebildet werden. Hier lernen zeichnerisch begabte Menschen zunächst einmal nach der Natur zeichnen, also: abbilden; dann kommen Bewegungsstudien dran, dann perspektivisches und anatomisches Zeichnen, dann farbige Versuche, und so werden schließlich alle Studien durchgegangen bis zum karikaturistischen Zeichnen, das man ja erst lernen kann, wenn man alles andere beherrscht. [sic!] Als Lehrer sind bekannte und bereits an Akademien oder Kunstgewerbeschulen bewährte Künstler gewonnen worden, die sich mit Eifer und schöner Begeisterung nun in den Dienst der modernsten aller Künste stellten. Zu den Schülern gehören neben soeben schulentlassenen jungen Menschen auch vor allem Kriegsversehrte, die aus anderen Berufen kommen und sich hier auf eine neue und befriedigende Tätigkeit umschulen lassen, aber auch Kunstschüler erhalten hier ihren letzten Schliff in bezug auf die besonderen Erfordernisse des Zeichenfilms. Diese besonderen Erfordernisse aber sind im wesentlichen: letzte Klarheit einer jeden Kontur.“
(ej: Vom armen Hansi und von Schnuff, dem Nieser. Besuch bei der Deutschen Zeichenfilm G.m.b.H. In: Film-Kurier, Nr. 139, 4.11.1943)

 

12.–18. November 1943. Voraufführung von Der Schneemann

Mitarbeiter von Hans Fischerkoesen (vorn links) vor dem Studio in Potsdam. In der 1. Reihe 3. von links Produktionsleiter Westerkamp. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Mitarbeiter von Hans Fischerkoesen (vorn links) vor dem Studio in Potsdam. In der 1. Reihe 3. von links Produktionsleiter Westerkamp. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Der Zeichentrickfilm Der Schneemann, Hans Fischerkoesens zweiter Agfacolor-Kurzfilm für die Wochenschau GmbH, entsteht in Potsdam und Den Haag. Nach der deutschen Besetzung hat sich in Den Haag (Nederland Film) ein neuer Produktionsstandort für gezeichnete Animationsfilme etabliert, an dem Teile des Films gefertigt werden. Der Standort erlangt aber insbesondere durch den dort hergestellten antisemitischen farbigen Zeichenanimationsfilm Van den Vos Reynaerde (Reineke Fuchs, 1943) unrühmliche Bekanntheit.

Eine Voraufführung von Der Schneemann findet im Rahmen der Reichswoche für den Deutschen Kulturfilm, 12.–18. November 1943, statt, die Zensurfreigabe erfolgt am 14. Januar 1944:

„Ein modernes, heiter-sinnliches Märchen vom Schneemann, der einmal den Sommer erleben wollte. Nach mancherlei tragikomischen winterlichen Erlebnissen hat er in einem Eisschrank den Juli abgewartet. Nun stürzt er sich jubelnd in die nie geschaute Sommerpracht. Wenn die Erfüllung seines Wunschtraumes auch nur ein kurzes Glück bedeuten konnte, es hat sich gelohnt! Und mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen zerschmilzt sein Herz vor lauter Seligkeit – und mit ihm der Schneemann.“
(Reichswoche für den Deutschen Kulturfilm, München 1943, 12. bis 18. November. Presse-Almanach, S. 31)

Originalmanuskript von Horst von Möllendorff zu Der Schneemann (1944). ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Originalmanuskript von Horst von Möllendorff zu Der Schneemann (1944). ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Der Pressezeichner und Illustrator Horst von Möllendorff ist mit seinen Arbeiten für Fischerkoesens Trickfilmatelier in Potsdam zum begehrtesten und bestbezahlten Ideenlieferanten des deutschen Trickfilms bis Kriegsende aufgestiegen:

„Um auf einen Einfall zu kommen, braucht man zweierlei: einmal die offenen Augen, mit denen man durch die Welt geht, und die Phantasie. Mit meinen Augen habe ich einmal einen Schneemann gesehen, der umgeben war von vorwitzig aus dem Schnee herausguckenden Schneeglöckchen. Und in meiner Phantasie ist dieses Bild zum Einfall geworden. Der Schneemann, der die Blumensprache des Sommers noch niemals erlebt hat, dem eben habe ich in meiner Phantasie den Sommer gezeigt. Der Schneemann erlebt in dem Zeichenfilm den Sommer.“
(Reichssender: Rundfunkinterview mit Dr. Jürgen Petersen, Januar 1944. Petersen arbeitete als Journalist für Zeitungen und den Rundfunk, schrieb auch sogenannte PK-Berichte/für die „Propaganda-Kompanie“. Nach dem Krieg war er für den NWDR, den Hessischen Rundfunk und schließlich bis zu seiner Pensionierung 1974 als Direktor des kulturellen Programms des Deutschlandfunks tätig.)

„Die Ideen zu den beiden Filmen, die Fischerkösen für die Wochenschau bisher gezeichnet hat – Verwitterte Melodie [1943] und Der Schneemann –, stammen von Horst von Möllendorff. Sie zeigen, daß man im deutschen Zeichenfilm den Versuch macht, trotz seines leichten, spielerischen Stils, der im wesentlichen von der überraschenden Bewegung und dem Auflösen der menschlichen Erfahrungswelt in Vorgänge, die unseren Gesetzen nicht mehr entsprechen, lebt, doch immer – scheinbar unbewußt und nebenbei – eine moralische Linie, ja sogar, wie im Schneemann, eine kleine Lebensphilosophie auszudrücken.“
(Hans-Hubert Gensert: Gang durch ein Zeichenfilm-Atelier. Aus dem Arbeitsbereich von Hans Fischerkösen. In: Film-Kurier, Nr. 2, 7.1.1944)

Der Film startet offiziell erst am 19. Dezember 1944 im Beiprogramm des Hauptfilms Der Engel mit dem Saitenspiel (Herstellungsgruppe Heinz Rühmann) im Marmorhaus Berlin-Charlottenburg und in den U.T. Sternlichtspielen Berlin-Neukölln. Er erzählt von einem Schneemann, der den Sommer erleben möchte und in einem Kühlschrank überwintert, um in die strahlende Julisonne hineinzutanzen und – zu schmelzen:

„Das ist der Sommer meines Lebens,
Wie schön bist du im grünen Kleid,
Wer dich gesehn, lebt nicht vergebens,
Mein Herz zerschmilzt vor lauter Seligkeit!“

Letztlich ein Film, der die Todessehnsucht, die viele Deutsche befallen hat, emotional thematisiert. Es ist ein wehmütiger Film, der vom Sterben erzählt und in die grausame Endphase eines unmenschlichen Krieges passt. Auch draußen ist es Winter. Einen Sommer wird Hitlers Drittes Reich nun nicht mehr erleben.

Gesamtleitung und Regie: Hans Fischerkoesen / Manuskript: Horst von Möllendorff / Animation: Rudolf Bär, Leni Fischer, Egon (Ewald) von Tresckow, Susanne Birkner. Holländischer Animator: Hill Beekman / Kamera: Kurt Schleicher / Musik: Rudolf Perak

Die Figur des Schneemanns kreierte Fischerkoesen bereits Anfang 1939 für den Coca-Cola-Werbefilm Die erfrischende Pause (Ufa, 1939). Als neue „Leitfigur“ für Coca Cola symbolisiert der Schneemann hier den vorzugsweise eiskalten Genuss des Getränkes. (Deutsche Werbung, 1. Aprilheft 1940, S. 215)

Publikationen

  • Hans-Hubert Gensert: Gang durch ein Zeichenfilm-Atelier. Aus dem Arbeitsbereich von Hans Fischerkösen. In: Film-Kurier, Nr. 2, 7.1.1944
  • De Studio in het Koetschuis. De Fischerkösen-Teekenfilmindustrie. In: Cinema & Theater, 27.5.1944
  • Mette Peters, Egbert Barten: Meestal in‘t verborgene. Animatiefilm in Nederland 19401945. Abcoude 2000
  • Jens Harder: Slapstick im Gleichschritt – Zeichentrickfilme aus dem „Dritten Reich“. Diplomarbeit Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Hochschule für Gestaltung 2002
  • DVD: The Golden Age of Cartoons. Cartoons for Victory! Steve Stanchfield and Thunderbean Animation 2006
  • Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012
  • Rolf Giesen: Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Frankenthal 2020
  • DVD: Geschichte des deutschen Animationsfilms – Animation in der Nazizeit. Berlin (absolut Medien)

 

22. November 1943. Zusammenschluss der deutschen Zeichenfilmhersteller abgelehnt

Logo-Entwurf für einen deutschen Zeichenfilm-Ring (Kopie), ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Logo-Entwurf für einen deutschen Zeichenfilm-Ring (Kopie), ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

In einem Brief von der Cautio Treuhand an Dr. h.c. Max Winkler vom 22. November 1943 kommentiert das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda die Konkurrenz, die der Deutschen Zeichenfilm GmbH mit dem im Auftrag der Deutschen Wochenschau durch Fischerkoesen und seinen neuen Film Der Schneemann (Idee: Horst von Möllendorff) erwachsen ist:

„Sehr verehrter Herr Bürgermeister!

Der Herr Minister hat am 20.11. den Zeichentrickfilm Der Schneemann besichtigt. Der Film hat ihm sehr gut gefallen. Bei dieser Gelegenheit hat Herr Roellenbleg die Frage nochmals angeschnitten, ob die verschiedenen Gruppen von Zeichenfilmherstellern unter der Deutschen Zeichenfilm GmbH. zusammengeschlossen werden sollten, wie dies der Wunsch von Oberregierungsrat Neumann ist. Der Herr Minister hat sich zu dieser Frage dahin geäußert, dass er eine Unterstellung der verschiedenen Zeichenfilmhersteller unter die Deutsche Zeichenfilm GmbH.  n i c h t  wünscht. Er halte im Gegenteil im jetzigen Stadium eine selbständige Entwicklung dieser Gruppen für richtiger, da sie einen gesunden künstlerischen Wettbewerb entfalten würden.“
(Bundesarchiv/Bestand Zeichenfilm GmbH, Kopie in DIAF/Sammlung J. P. Storm)

 

1944. Puppentrickfilme verschiedener Hersteller

In den kleineren Firmen entstehen mehrere Puppentrickfilme, darunter Der kleine Däumling (Naturfilm Hubert Schonger) und Erstürmung einer mittelalterlichen Stadt um das Jahr 1350, eine aufwändige Produktion von Ferdinand Diehl mit einem Massenaufgebot an Puppen:

„Einer der eigentümlichsten Filme der Gebrüder Diehl […]. Wenn man so will, handelt es sich um das Beispiel eines enthistorisierten Historienfilms. Die Vorarbeiten begannen schon 1942. Durch den Krieg hatte sich die Situation im Studio erheblich verkompliziert. Fast alle männlichen Mitarbeiter waren eingezogen worden, es herrschte zunehmend Materialmangel und Kohlenknappheit, immer häufiger gab es Fliegeralarm. Die Vorbereitungen für den Film schleppten sich hin, aber die Diehls waren mit äußerster Akribie in Recherchen vertieft. Bis Ende 1943 führten sie eine umfangreiche Korrespondenz mit dem Historischen Museum in Dresden, mit dem Konservator der Stadt Köln und mit verschiedenen Restauratoren. Dabei ging es um Fragen, welches Kleidungsstück ein Ritter über dem Panzerhemd, dem Lentner, trug, um wieviel Finger breit das eine kürzer war als das andere, auf welcher Seite ein Armbrustschütze den Bolzenköcher befestigt hatte oder wie der Baumbestand in einer Kleinstadt des Jahres 1350 ausgesehen haben mag.

Der Film verzichtet dann völlig auf die Herausstellung von ‚Individuenʻ, aber auch weder die Gruppe der Belagerer noch die der Belagerten werden in irgend einer Weise charakterisiert oder gar historisch definiert. Augenscheinlich ging es hauptsächlich darum, eine Studie in mittelalterlicher Waffentechnik abzuliefern. Über sechzig Puppen finden im Film Verwendung, und zum ersten und einzigen Mal wird Ferdinand Diehl bei der Animation von zwei Assistenten unterstützt.“
(Thomas Basgier: Die unentwegt Bewegenden – Die Gebrüder Diehl und ihre Filme. In: Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995, S. 52)

 

1944. Lotte Reiniger wieder in Deutschland

Ende 1943 kehrt die Silhouettenfilmerin Lotte Reiniger aus familiären Gründen nach Berlin zurück. Still und leise arbeitet sie hier 1944 am Märchen-Kurzfilm Die goldene Gans, der nach dem Krieg aufgeführt wird. Umstritten ist, ob es bereits im gleichen Jahr zu einer Aufführung des fertigen Films kommt.

 

1944. Fritz & Fratz für den Degeto-Schmalfilmschrank

Mit Der geheimnisvolle Tempel und Auf Tigerjagd setzt der Degeto-Schmalfilmschrank die Serie Fritz & Fratz von Johann Weichberger fort.

 

1944. Animation im besetzten europäischen Ausland

Marten Toonder, 1972, Quelle: Wikimedia Commons, GaHetNa (Nationaal Archief NL) 925-4008, Hans Peters (ANEFO), Lizenz: Creative Commons 1.0

Marten Toonder, 1972, Quelle: Wikimedia Commons, GaHetNa (Nationaal Archief NL) 925-4008, Hans Peters (ANEFO), Lizenz: Creative Commons 1.0

Aktiver als die deutschen Hersteller sind in dieser Zeit bereits die Animatoren im besetzten europäischen Ausland, die auf deutsche Rechnung arbeiten. Eine besondere Rolle spielen dabei die Ideen des Horst von Möllendorff. In Amsterdam produziert der Puppenfilmer Joop Geesink im Auftrag der Deutschen Wochenschau den von Horst von Möllendorff entwickelten Brummis Nachtmusik, in Den Haag A. C. J. Holla für die Bavaria den Kurzfilm Engeltje. Nach einer weiteren Story des unermüdlichen Möllendorff und auf Grundlage eines Figurenentwurfs von Joop Geesink stellt Marten Toonder den farbigen Zeichenfilm Das musikalische Auto so gut wie fertig.

Die qualitativ hochwertigsten Zeichenfilm-Produktionen jenes Jahres entstehen in der Prag-Film AG nominell unter der Leitung des Horst von Möllendorff, der aber nur die Ideen liefert und sich sonst während der Herstellung kaum blicken lässt: Jiři Brdečka ist es, der eine Gruppe um sich schart, die nach dem Krieg, verstärkt durch Jiří Trnka, als „Brüder im Trick“ (Břatri v Triku) bekannt wird. Diese Künstler gestalten in deutschem Auftrag Hochzeit im Korallenmeer (Svatba v karálovém moři) und Klein, aber oho! (Neposlusný zajícek). Hochzeit im Korallenmeer passiert die deutsche Zensur am 14. Juni und die des damaligen Reichsprotektorats Böhmen und Mähren am 13. November 1944: Ein sternhagelvoller Oktopus entführt die Braut und tanzt, mit schlängelnden Tentakeln, einen Kosakentanz, wie ein Rotarmist. Die Front rückt näher.

In mährischen Zlín gestaltet Karel Zeman derweil für die DESCHEG, die Deutsche Schmalfilmvertriebs GmbH, den Puppenfilm Weihnachtstraum (Vánocní sen), der am 22. Dezember 1944 von der deutschen Zensur freigegeben und später vom tschechischen Hersteller für den Nachkriegseinsatz umgearbeitet wird.

 

2. Juni 1944. Zensurfreigabe für Vogelhochzeit

Boehner Film Dresden beauftragt Kurt Stordel mit der Herstellung eines Spots für die Sparkasse Dresden: Vogelhochzeit. Der Film wird am 2. Juni 1944 von der Zensur freigegeben.

 

7. Februar 1944. Europäischer Zeichenfilmring unter deutscher Kontrolle

Logo (Briefkopf) der Toonder Bouman Film-Producties Amsterdam, 1943. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Logo (Briefkopf) der Toonder Bouman Film-Producties Amsterdam, 1943. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Heinrich Roellenbleg und Dr. Hans Karbe von der Deutschen Wochenschau fordern in einer Denkschrift mit Anschreiben an Dr. h.c. Max Winkler, Cautio Treuhand, die Einrichtung eines Europäischen Zeichenfilm Rings und die Zusammenfassung der europäischen Trickfilm-Studios unter deutscher Kontrolle: Fischerkoesen (Potsdam und Den Haag), Bavaria (München und Berlin-Den Haag), das Zeichenfilmatelier der Prag-Film, Joop Geesink (Amsterdam), Toonder Bouman (Amsterdam), Les Gemeaux (Paris), André Rigal (Paris), Raymond Jeannin (Paris), Dansk Favre og Tegne Film (Kopenhagen), Descheg (Zlín), Phlippart (Brüssel) sowie die ehemalige Bassoli-Gruppe (Rom).

Publikation

  • Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012

 

13. Juli 1944. Künstlerische und wirtschaftliche Effektivität der Deutschen Zeichenfilm GmbH beanstandet

Erneut wendet Heinrich Roellenbleg sich am 13. Juli 1944 an Max Winkler und weist auf die seiner Meinung nach geringe künstlerische Effektivität der Deutschen Zeichenfilm Gesellschaft hin:

„Neben Herrn Oberregierungsrat NEUMANN, der sich in Dingen der reinen Organisation, in der Errichtung des Produktionsapparates, im Aufziehen der Lehrwerkstatt m.E. bestens bewährt hat, fehlt in der Firmenleitung eine tatkräftige, künstlerisch empfindende und auf den Zeichenfilm eingestellte produktive Persönlichkeit. Es hat sich herausgestellt, dass die einzelnen Atelierleiter der Deutschen Zeichenfilm GmbH nicht über die notwendige souveräne Art und geistige Überlegenheit verfügen, um einen Stoff selbständig zu gestalten. Ideenmässig sind sie in allzu geringem Umfange schöpferisch. Sie sind zwar tüchtig in ihrem Beruf, jedoch ist die Mehrzahl lediglich als ausführende Zeichner und Leiter eines Ausführungsateliers anzusprechen. Die objektive Beurteilung der Qualität und der künstlerische Instinkt, in welcher Richtung ein Thema zu führen ist, fehlt den meisten.“
(Dokument Bundesarchiv, R 109/1/1734, Kopie in DIAF/Sammlung J. P. Storm)

Wenige Monate später moniert sogar der Rechnungshof des Deutschen Reiches bei Joseph Goebbels die mangelnde Wirtschaftlichkeit der Deutschen Zeichenfilm GmbH. Auslöser war ein Prüfbericht der „Neuen Revisions- und Treuhandgesellschaft“ vom 6. November 1943. Am 17. November 1944 mahnt der Präsident an, bei „Wiederaufnahme des Betriebs“ der zwischenzeitlich stillgelegten GmbH die „Zahlung überhöhter Gehälter“ zu vermeiden, was „besonders bedenklich in Zeiten“ sei, „in denen, wie den jetzigen, jeder Volksgenosse zur Wahrnehmung einer der Allgemeinheit dienenden Tätigkeit verpflichtet ist“. In der Anlage des Schreibens wird das ernüchternde Fazit gezogen:

„Die Leistungen der GmbH stehen im auffallenden Gegensatz zu den von ihr verbrauchten Mitteln. Die GmbH hat in der Zeit vom 7. August 1941 bis zum 25. Juli 1943, d.h. in rd. 2 Jahren, einen Zeichenfilm von 438 m Länge fertiggestellt.“
(Dokument Bundesarchiv, Kopie in DIAF/Sammlung J. P. Storm)

 

4. August 1944. Stilllegung der Deutsche Zeichenfilm GmbH

Zwischen November 1943 und Frühjahr 1945 werden beide Adressen der Deutschen Zeichenfilm GmbH, Kaiserstraße und Alexanderplatz, durch mehrmalige Bombardierungen stark in Mitleidenschaft gezogen. Bereits am 22. November 1943 trifft es in der dritten Welle der alliierten Angriffe die Lehrwerkstatt im Alexanderhaus, die restlos ausbrennt. Sie zieht zunächst in die Kaiserstraße um, wo Ateliers und Lehrwerkstatt am 23. Mai 1944 von einer leichten Sprengbombe getroffen werden.

Im Mai 1944 zählt die Deutsche Zeichenfilm GmbH 94 Mitarbeiter, acht Lehrkräfte und 151 Lehrlinge. Noch Anfang Juni 1944 meldet der Unternehmensvorstand Karl Neumann dem Propagandaminister Joseph Goebbels folgende optimistische Produktionssituation:

„Atelier Fieber: dieser Film, der den Arbeitstitel Schnuff, der Nieser [später: Purzelbaum ins Leben] hat. Es handelt sich um groteske Abenteuer einer Hündin mit ihren fünf Jungen. Fertigstellung etwa August/September d.J. Im Atelier Kaskeline: Ein Musikfilm Walzermärchen (Arbeitstitel), der auf humoristische Weise die Entstehung des Walzers (des 3/4 Taktes aus dem 4/4 Takt) behandelt. Fertigstellung gegen Ende des Jahres.
Im Atelier Sesin: Das Feuermännchen (Arbeitstitel), eine tänzerische Humoreske, deren Hauptpersonen ein Feuermännchen und ein Wassertropfen sind. Fertigstellung gegen Ende des Jahres. Atelier Tischmeyer bereitet einen Film vor, der das Lebendigwerden von Gasthaus-Schildern (z.B. ‚Weißer Hirsch‘, ‚Zur Sonne‘, ‚Zum roten Ochsen‘ usw.) zum Gegenstand hat. Fertigstellung gegen Ende des Jahres.
Atelier Coolen bereitet einen Film vor, dessen Mittelpunkt die sympathische Figur eines kleinen Bären ist. Fertigstellung Anfang nächsten Jahres.“
(Karl Neumann an Joseph Goebbels, 5.6.1944, Bundesarchiv, R 55, 663, Fiche 3)

Foto des plastischen Vorlagemodells zu Purzelbaum ins Leben (begonnen als Schnuff der Nieser) von Gerhard Fieber. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Foto des plastischen Vorlagemodells zu Purzelbaum ins Leben (begonnen als Schnuff der Nieser) von Gerhard Fieber. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Die Deutsche Zeichenfilm GmbH dezentralisiert der Luftangriffe wegen ihre Produktion und teilt Arbeitsgruppen in verschiedene Orte auf. Gerhard Fieber hat bei Neumann durchgesetzt, dass ihm ein eigenes Team zur Verfügung steht. Mit diesem soll er in dem zum Ausweichatelier umgerüsteten Künstlerheim Moosschwaige in Dachau, ganz in der Nähe des Konzentrationslagers, den farbigen Kurzfilm Schnuff, der Nieser herstellen, der als Beginn einer Serie von Zeichenfilmen um den titelgebenden Hundewelpen gedacht ist, der sich ins Leben niest. Auch andere Filme werden zwischen Wien (Tischmeyer) und Berlin (Kaskeline, Walzermärchen) werden angefangen, aber keiner wird vor Kriegsende fertig.

Im August 1944 wird die Arbeit der Deutschen Zeichenfilm GmbH stillgelegt, ab September 1944 ruht die Produktion.

„Betr. Deutsche Zeichenfilm G.m.b.H.

Sie wird im Rahmen des totalen Krieges ihre Arbeit völlig stilllegen. Um diesen wertvollen Arbeitskörper geschlossen zu erhalten, wird der Betrieb in seinen eigenen Betriebsräumen im Rahmen der Abteilung Waffenkonstruktion des Rhein-Metall-Borsig-Konzerns arbeiten. Der Leiter der Deutschen Zeichenfilm GmbH haftet dafür, dass auch nebenbei nicht die Zeichenfilm-Arbeit weitergeführt wird.“
(Reichspropagandaamtsleiter Parbel. Berlin, den 4. August 1944. Bundesarchiv: Schreiben Leiter Film/Reichsfilmintendant Exekutivstab Organisation)

Von der kriegsbedingten Stilllegung der Zeichenfilm GmbH ausgenommen sein sollte allein Gerhard Fiebers Atelier in Dachau.

Am 10. April 1945, während des letzten großen amerikanischen Angriffs, erleidet das Gebäude in der Berliner Kaiserstraße eine fast totale Zerstörung.

 

8. November 1944. Zensurfreigabe für Das dumme Gänslein

Arbeit an Das dumme Gänslein des Studios Fischerkoesen. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Arbeit an Das dumme Gänslein des Studios Fischerkoesen. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Als letzter (und schwächster) Beitrag einer Reihe von drei Kurzfilmen für die Deutsche Wochenschau passiert Hans Fischerkoesens Das dumme Gänslein die Zensur. Der Streifen gelangt im Februar 1945 zur Aufführung.

Publikation

  • DVD: Geschichte des deutschen Animationsfilms – Animation in der Nazizeit. Berlin (absolut Medien)

 

14. Mai 1945. Verhaftung von Karl Neumann

Karl Neumann, Geschäftsführer der Deutschen Zeichenfilm GmbH, 1940. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Karl Neumann, Geschäftsführer der Deutschen Zeichenfilm GmbH, 1940. ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Karl Neumann, vormaliger „Betriebsführer“ der Deutschen Zeichenfilm GmbH, wird von sowjetischen Soldaten in Berlin-Tegel verhaftet:

„Vor den Toren von Berlin, in Weesow bei Werneuchen im Kreis Barnim, richtet der NKWD ein aus fünf großen Bauerngehöften zusammengefasstes Internierungslager ein. Dort werden von Juni bis August 6000 Menschen eingesperrt.

Gleich im Juni hat sich hier ein Häftling namens Karl Neumann auf der Toilette erhängt. Er hat hier eingesessen aufgrund einer nicht näher spezifizierten Denunziation. Jede Hilfe kommt für ihn zu spät.“
(Rolf Giesen: Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Frankenthal 2020, S. 11)

Archiv

  • Erklärung von Gisela Rippin, geb. Neumann, vom 17.10.1999. Dokument in DIAF/Sammlung J. P. Storm

 

11. Dezember 1945. Belastung und Begabung des Horst von Möllendorff

Vom Magistrat der Stadt Berlin wird dem Politischen Prüfungsausschuss für die Kulturschaffenden der Brief eines Herrn Robert Mewes aus Bernau vorgelegt, der Horst von Möllendorff belastet:

„Kürzlich las ich in der ‚Täglichen Rundschauʻ oder ‚Deutschen Volkszeitungʻ einige Artikel über Käthe Kollwitz, Heinrich Zille und Otto Nagel. In dieser Folge las ich auch Berichte über die Karikaturisten Herbert Sandberg, der KZ-Häftling war, und über den humoristischen Zeichner Pinguin, der ein Schüler der Käthe Kollwitz und Otto Nagel’s war. Nun sieht man in der ‚Berliner Zeitungʻ, die von der Stadt herausgegeben wird, immer wieder Zeichnungen eines Herrn von  M ö l l e n d o r f f . Pg. oder nicht Pg., jedenfalls hat dieser Möllendorff während der Nazizeit in der sächsischen Wochenzeitschrift ‚Lustige Weltʻ die herrlichsten Nazipropagandazeichnungen veröffentlicht. Er verherrlichte den Nazismus und machte alles Antifaschistische lächerlich; er verherrlichte den Krieg und und hetzte gegen alle Gegner der Nazis. War dieser Möllendorff jemals Soldat? Nein, weil ihn die Nazis brauchten. Lesen Sie die alten Nummern der ‚Lustigen Weltʻ und Sie werden Möllendorff als äußerst aktiven Nazipropagandisten wiederfinden. Die Stadt Berlin aber lässt es sich nicht nehmen, diesen Mantelträger zu ihrem Hauszeichner zu machen. Die Antifa-Bewegung machen Sie damit zum ohnmächtigen Radauverein. Fragen Sie M. selbst oder seine Kollegen, und Sie werden meine Feststellung bestätigt haben.“
(Dokument aus dem Bundesarchiv/Bestand Zeichenfilm GmbH, Kopie in DIAF/Sammlung J. P. Storm)

Tatsächlich agiert Horst von Möllendorff vom 25. Juli 1945 an als ständiger Karikaturist der „Berliner Zeitung“. Besonders beliebt ist seine Comic-Strip-Serie „Berlin ohne Worte“, daneben bringt er häufig auch politische Satiren aufs Papier, in denen vor allem das gerade abgeschlossene Kapitel der deutschen Geschichte gegeißelt wird. Am 13. Oktober 1946 wird im Berliner Künstlerhaus „Die Möwe“ eine Ausstellung zur politischen Karikatur eröffnet, zu der auch der oben erwähnte Herbert Sandberg eine Eröffnungsrede hält. Horst von Möllendorff als an der Exposition Beteiligter wird wenig später vom Zentralorgan der SED „Neues Deutschland“ ausdrücklich anerkennend hervorgehoben:

„Es sind unter diesen Künstlern keine Daumiers, aber es gibt unter ihnen einige, die den Sinn ihrer Aufgabe begriffen haben. Einer dieser Künstler hat tiefen Humor, der – man möchte sagen – den neuralgischen Punkt immer zu treffen versteht. Es ist: Horst von Möllendorff.“
(kd: Karikatur als politisches Kampfmittel. Interessante Ausstellung im „Haus der Künstler“. In: Neues Deutschland, Nr. 148, 15.10.1946)

Die Karikaturen von Horst von Möllendorff in der „Berliner Zeitung“ erscheinen bis in das Jahr 1947 hinein. Im gleichen Jahr bringt der Zeichner „Berlin ohne Worte“ beim in Berlin-Friedenau ansässigen Pontes-Verlag gesammelt in Buchform heraus. Auch hierfür gibt es Lob vom „Organ“:

„So zeichnen zu können, so allein mit dem Zeichenstift das Zwerchfell der Betrachter dieser Bilder erschüttern zu können, ohne daß es eines Wortes der Deutung oder Erklärung oder eines hinzugefügten Wortwitzes bedürfte, ist nicht nur eine große Begabung, sondern verrät vor allem ein außergewöhnliches Können.“
(-g-: Berlin ohne Worte. In: Neues Deutschland, Nr. 39, 15.2.1948)

 

17. Dezember 1945. Internierung von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen wird als mutmaßlicher Nazi-Kollaborateur verhaftet und mit seinem Chefzeichner Rudolf Bär zweieinhalb Jahre in Sachsenhausen interniert.

„Überstellungsliste der operativen Gruppe des Kreises Potsdam ins Speziallager des NKWD:

‚Beer [sic!], Rudolf, geb. 1901 in Leipzig, Deutscher, mittlere Bildung [d. h. ohne Hochschulreife], Mitglied der NSDAP seit 1933, aus Angestelltenverhältnissen stammend, verheiratet, wohnhaft in Potsdam

Er war seit Anfang 1943 bis April 1945 stellvertretender Abwehrbeauftragter in der Firma Fischer, wo er Fälle von Sabotage und antifaschistischer Propaganda enttarnte.ʻ

‚Fischer, Hans, geb. 1896 in Badkesen [sic!], Deutscher, parteilos, mittlere Bildung, aus Angestelltenverhältnissen stammend, wohnhaft in Potsdam

Er war Eigentümer der Firma ‚Fischer‘, die Filme für die Kriegsflotte und die Armee herausgab, wo er zudem von 1943 bis April 1945 Abwehrbeauftragter war.ʻ“
(Daten übermittelt von Dr. Enrico Heitzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten)

Das Atelier Fischerkoesens dürfte zwischen 1946 und Fischerkoesens Rückkehr Juli/August 1948 wesentlich von seiner Schwester Leni Fischer mit Unterstützung des Kameramanns Kurt Schleicher am Leben erhalten worden sein. In dieser Zeit entstehen zwei kurze schwarzweiße Zeichentrickwerbefilme unter der Marke der DEFA.

Publikation

  • Ralf Forster, Volker Petzold: Im Schatten der DEFA. Private Filmproduzenten in der DDR. Konstanz 2010
  • Rolf Giesen: Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Frankenthal 2020

 

19. Dezember 1945. „Initiativbewerbung“ von Gerhard Fieber

Der bei Kriegsschluss eingezogene und nach kurzer Internierung nach Berlin zurückgekehrte Gerhard Fieber dient sich bei den verantwortlichen Stellen mit einem Schreiben als „Nachlassverwalter“ der Deutschen Zeichenfilm GmbH an:

„Als ich wiederkam aus der Kriegsgefangenschaft – das war ’45 im Juni oder Juli –, da hatten schon ein paar bei mir zu Hause angefragt, wo ich denn sei, wann ich käme. Sie wollten weitermachen. Und da hatte der Treuhänder damals, [Alfred] Feldes, der von den Engländern eingesetzte Treuhänder der Ufa, seinen Schwager Christensen als Treuhänder der Deutschen Zeichenfilm eingesetzt. Und entschuldigte sich bei mir, als ich mich meldete: Wenn ich eher da gewesen wäre, hätte er mir [statt Christensen] den Job gegeben. Und der machte mich damals zum künstlerischen Leiter. Das lag aber alles in Ost-Berlin. Und das kam über Nacht. Dann wurde es DEFA, und dann wurde die ganze Deutsche Zeichenfilm einkassiert.“
(Gerhard Fieber im Gespräch mit J. P. Storm, 25. Juli 1988 in Schlangenbad)

Tatsächlich schreibt Fieber [„i.A. Fieber“] unter diesem Datum [19.12.] und mit Briefkopf „Deutsche Zeichenfilm G.m.b.H.“, Hankestr. 3, Berlin C 2 an die Zentralverwaltung für Volksbildung und schlägt vor, im Rahmen eines Halbjahres-Arbeitsprogramms die Hundegeschichte Schnuff, der Nieser für die neuen politischen Kräfte fertigzustellen, und bietet gleichzeitig neue kurze Projekte an:

„V o r s c h l a g
Halbjahres Arbeitsprogramm der ‚Deutschen Zeichenfilm G.mb.H.ʻ

Februar – Juli 1946.
1. Fertigstellung des farbigen Zeichenfilms Purzelbaum ins Leben,
Länge: ca. 250 m, Spieldauer 9 Min. 20 Sek.
Eine lustige Hundegeschichte.
Idee und Gestaltung: Gerhard Fieber.
Drehbuch: Horst von Möllendorff, Fieber.
Musik: Friedrich Schröder. (Aufnahme: Deutsches Tanzorchester, Barnabas von Geczy)
Kamera: Kurt Drews

Dieser Film ist in der Fertigstellung begriffen, Musik und farbige-schwarz-weiß Bildproben stehen zur Verfügung. Noch benötigte Mittel zur Fertigstellung: ca. 30.-40.000.– RM. Arbeitsdauer bis zur endgültigen Fertigstellung 3 – 4 Monate. Filmmaterial Agfacolor vorhanden. Schwarz-Weiß-Rohfilm ebenfalls. Papier und Folien ca. 30.000 Bogen vorhanden. Farben und Tuschen ebenfalls vorrätig. Arbeitsgruppe A: Film Purzelbaum ins Leben ca. 25 Leute.

Beiliegend eine Drehbuchskizze und Typen. Original-Drehbuch wird Mitte Januar 46 aus Verlagerungsort Bayreuth nach Berlin gebracht und eingereicht.

  1. Die Herstellung von neuen Schwarz-Weiß-Zeichentrickfilmen von ca. 30 m Länge je Film. Spieldauer 1 Min. 7 Sek. Evtl. Standard-Titel Pulsschlag Berlin (Berlin ohne Worte).
    Gestaltung: Gerhard Fieber.
    Musik: (Evtl. die Pulsschlagvertonung des Rundfunks)
    Kamera: Kurt Drews
    Themen: Aktuelle Begebenheiten glossiert in Komik und Wirklichkeit.
    1. Der U-Bahnschreck (Ein tägliches Erlebnis)
    2. Bazillen (Schwarzhandel unter der Lupe)
    3. Alle ran (Holzaktion auf vollen Touren)
    4. Vitamin B (Beziehungen)
    5. Wir packen an (Aufbau)
    6. Der Nächste, bitte (Höflichkeit)“
    (Bundesarchiv, Kopie in DIAF/Sammlung J. P. Storm)

Das gesamte Phasenmaterial von Schnuff, der Nieser, Negative, Geräte usw., ist nach Berlin überführt worden, hat aber nach Einlagerung in Berlin kriegsbedingte Brandschäden erlitten.

 

Januar 1946. Uraufführung des antifaschistischen Aufklärungsfilms Dob, der Stallhase

Animationsfilm-Fabel über den Nationalsozialismus

Sergej Sesin, ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Sergej Sesin, ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Der Exil-Russe und vormalige Chefzeichner und Atelierleiter der Deutschen Zeichenfilm GmbH Sergej Sesin gestaltet das Porträt seines Stallhasen Dob als Gleichnis auf den Durchschnittsbürger, während die NS-Macht durch eine Hyäne symbolisiert wird. „Die Moral von der Geschicht: Diene nicht dem Bösewicht.“ (Schlusskommentar)
Es handelt sich möglicherweise um den ersten deutschen Nachkriegsfilm.

Der fünfminütige Dob, der Stallhase ist von Sergej Sesin noch kurz vor Kriegsende begonnen worden:

„Eine moderne, satirische Fabel, die den nachdenklich-schmunzelnden Betrachter von allen Nazi-Zwangsvorstellungen befreien will. […] ‚Führer ist die Hyäne, Zackig mit gestäubter Mähne.ʻ Sie personifiziert die faschistische Bestie, die von früh bis spät die Tiere zu letzter Kraftanstrengung antreibt. Zwischendurch frißt sie sich weidlich voll. ‚Auch wer vegetarisch speist, wird mitunter fett und feist.ʻ […] Dob ist der kleine Mann, der pflichteifrig allen Nazi-Befehlen Folge leistet und fleißig in der ‚Fabrik für Trug und Trickʻ arbeitet. Daß die Knall-und-Fall-Fabrik in die Luft fliegt, ist die Moral von der Hasengeschichte.“
(Berliner Illustrierte, Nr. 3, 1946, S. 67)

Die Story deutet darauf hin, dass Sesin Kenntnis von Disneys Der Fuehrer’s Face und von George Orwells im gleichen Jahr erschienenen Buch „Die Farm der Tiere“ gehabt haben muss.

Publikationen

  • Der erste deutsche Film nach dem Kriege ist fertiggestellt. In: Berliner Illustrierte, Nr. 3, 1946
  • Schatten des Krieges. Innovation und Tradition im europäischen Kino 19401950. Katalog Cinefest VI. Internationales Festival des deutschen Film-Erbes, Hamburg 2009
  • DVD: Schatten des Krieges. Innovation und Tradition im europäischen Kino 19401950. Eine historische Filmsammlung, absolut Medien 2009

 

19. Februar 1946. Debüt-Ausgabe der Wochenschau Der Augenzeuge mit Animationsfilmsujet

Gerhard Fieber stellt mit dem verbliebenen Personal der Deutschen Zeichenfilm GmbH für die Wochenschau der späteren DEFA Der Augenzeuge Nr. 1/1946 mit Der U-Bahn-Schreck ein Sujet über das Gedränge in der Berliner U-Bahn her. Der animierte Beitrag für den Augenzeugen ist etwa eine Minute lang.

„Auf einem U-Bahnhof reiht sich in das Gedrängel ein Mann mit einer Badewanne ein, der mit Gewalt in den Zug will und Empörung und Verletzungen auslöst. Als der Bahnhofsvorsteher das Abfahrtszeichen gibt, gelingt es den Mitfahrenden, ihn wieder nach draußen zu befördern. Verzweifelt schaut er aus seiner Wanne, zudem der Vorsteher noch die Dusche daran öffnet.“
(Annotation der DEFA-Stiftung)

Publikationen

  • Günter Jordan: Am Anfang war das Wort. Debatten um den Trickfilm 19461954. In: Die Trick-Fabrik. DEFA-Animationsfilme 19551990. Berlin, Dresden 2003, S. 63 f.
  • DVD: Der Augenzeuge – die 40er Jahre, Icestorm Entertainment 2004

 

1. April 1946. Die DEFA i.Gr. übernimmt die Deutsche Zeichenfilm GmbH

Leiter der neuen DEFA-Abteilung Zeichenfilm wird Gerhard Fieber, Sitz ist Hankestraße 3 in Berlin-Mitte, wohin die Deutsche Zeichenfilm nach Kriegsende übersiedelt war.

Angegliedert ist ein Zeichen-Film-Studio mit dreißig Schülern. „Der Unterricht im Freihandzeichnen, Akt- und Porträtzeichnen und in der Bewegungsdynamik ist systematisch aufgebaut. Die Ausbildung dauert zwei Jahre. Im letzten Semester arbeiten die Schüler im Atelier, um schneller den Übergang von der Schule zum eigentlichen Filmbetrieb zu finden.“ (-th: Purzelbaum ins Leben. Erster Zeichenfarbfilm der DEFA. In: Neues Deutschland, Nr. 175, 15.11.1946)

Der bei der Deutschen Zeichenfilm GmbH unter dem Arbeitstitel Schnuff, der Nieser begonnene Zeichenanimationsfilm wird Ende 1946 als Purzelbaum ins Leben vollendet. An Eigenproduktionen entstehen noch die beiden SED-Wahlwerbefilme Hans Klein und Bazillen – Schwarzhandel unter der Lupe, beide in Schwarz-Weiß.

Ende 1946 wird die Herstellung von Animationsfilmen aus materiellen und finanziellen Gründen eingestellt.

Publikationen

  • Günter Jordan: Am Anfang war das Wort. Debatten um den Trickfilm 19461954. In: Die Trick-Fabrik. DEFA-Animationsfilme 19551990. Berlin, Dresden 2003, S. 63 f.
  • Ralf Schenk: Eine kleine Geschichte der DEFA. Berlin 2006, S. 18

 

16. Mai 1946. Uraufführung von Fyrtøjet (Das Feuerzeug) in Kopenhagen

Uraufführung des abendfüllenden Agfacolor-Zeichenfilms Fyrtøjet (Das Feuerzeug) nach Hans Christian Andersen, der Ende 1942 von Dansk Farve – og Tegne Film A.S. in Zusammenarbeit mit der Ufa-Auslandsabteilung begonnen wurde. Die Dänen retteten das Negativ aus einem Berliner Kopierwerk im Sommer 1944. Die deutsche Beteiligung wird nach dem Krieg verschwiegen. Der Film erscheint im Verleih der Palladium. Der Gestalter des Films ist Svend Methling (1891–1977), der eigentlich Schauspieler und Spielfilm-Regisseur ist.

(Dansk Tegnefilms Historie: www.tegnefilmhistorie.dk)

 

3. August 1946. Kritik an der Deutschen Zeichenfilm GmbH

In einem Schreiben an einen Herrn Rosen kritisiert Bernhard Klein, der 1944 von der Gestapo interniert worden war und in einem Lager der Organisation Todt Zwangsarbeit leisten musste, die Verantwortlichen der Deutschen Zeichenfilm GmbH scharf :

„Es waren keine Anzeichen dafür vorhanden, dass von den fünf Hauptzeichnern der Zeichenfilm-Ges. einer etwa mehr konnte als die andern, sie waren allesamt Anfänger gegenüber dieser künstlerischen Aufgabe und z. T. überhaupt nicht künstlerisch interessiert. Die Einschätzung entstand mehr nach politischen Gesichtspunkten. Zwei waren Ausländer, einer wirklicher Antifaschist [Werner Kruse], einer unangenehm unentschieden mit gelegentlichen antisemitischen Bemerkungen, der 5. aber, der Zeichner Gerhard Fieber war mit den Nationalsozialisten dick verbrüdert, sympathisierte mit der jederzeitigen Anzeigebereitschaft des Betriebsobmannes, vertrat mit Überzeugung alle auf Sieg gestellten Propaganda-Dummheiten und verbreitete diese Wahnideen, und machte auch in mehreren Exemplaren Spottzeichnungen auf die Juden, als der Judenstern eingeführt wurde: eine Straße mit Stürmertypen, der Stern gelb überbetont, Überschrift: ‚Es leuchten die Sterneʻ“
(Kopie des Dokuments aus den Bundesarchiv, DIAF/Sammlung J. P. Storm)

 

November 1946. Purzelbaum ins Leben kommt in die Kinos

Es ist der erste farbige Zeichentrickfilm der DEFA und der einzige sogenannte Überläufer aus dem Bereich des Animationsfilms:

„Nach einer sich über sechs Monate hinziehenden Arbeit wurde der Zeichenfarbfilm Purzelbaum ins Leben jetzt von der Zeichenfilmabteilung der DEFA fertiggestellt. […] Nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes ist der Purzelbaum der erste Zeichenfarbfilm, der hergestellt wurde. Bis dahin waren nur vier kleinere Schwarzweiß-Zeichenfilme aufgenommen worden. […] Der Film […] behandelt in lustiger Weise das Schicksal einer Hundefamilie, deren Jüngster ‚Nies‘ sich von der Mutterbrust ‚wegniest‘ und, wie die Alte und seine Geschwister, bei dem Versuch, ihn zurückzuholen, von einem Hundefänger gefangen werden. Schließlich werden sie aber doch mit Mühe und Not von dem Faulsten der Hundefamilie, dem ‚Gähnerʻ, der ständig gähnt, aus den Händen des Räubers befreit.“
(-th: Purzelbaum ins Leben. Erster Zeichenfarbfilm der DEFA. In: Neues Deutschland, Nr. 175, 15.11.1946)

Dass die Deutsche Zeichenfilm und das Material NS-Hinterlassenschaften sind, verschweigt man. Und ebenfalls, dass die Auflösung der Abteilung Zeichenfilm und damit die Entlassung aller Beschäftigten und Schüler zu Ende des Monats bereits beschlossene Sache ist. Der neunminütige Farbfilm Purzelbaum ins Leben ist die letzte Arbeit Fiebers für die DEFA. Der Zeichner wird Berlin sehr bald verlassen und in die Westzonen übersiedeln.

Publikationen

  • Günter Jordan: Am Anfang war das Wort. Debatten um den Trickfilm 19461954. In: Die Trick-Fabrik. DEFA-Animationsfilme 19551990. Berlin, Dresden 2003, S. 63 f.

 

1947. Noch ist es Zeit von Wolfgang Kaskeline

Der Werbespot Noch ist es Zeit von Wolfgang Kaskeline für GLOBOL-Mottenschutz erscheint im Phönix-Film-Verleih G. Kiesewetter.

 

11. September 1947. Deutsche Erstaufführung von Der neue Gulliver in Berlin

Die sowjetische Langmetrage-Mischfilmproduktion (Kombination Puppentrick mit einem realen Hauptdarsteller) Der neue Gulliver (OT: Nowyj Gulliwer, Mosfilm 1935) von Alexander Lukitsch Ptuschko wird in einer deutschen Fassung gezeigt, hergestellt von Georg Rothkegel im DEFA-Studio für Synchronisation. Die Sprecher sind Frank Scholze (der „reale“ Gulliver), Hugo Schrader, Eduard Wandrey, Karl Hellmer, Albert Venohr, Erich Dunskus, Walter Altenkirch, Lotte Alberti, Hans Grothusen und Christian Bleihöffer. Musikalische Bearbeitung der deutschen Fassung: Hans Otto Borgmann.

„Alexander Ptuschko, der Regisseur des uns bekannten Märchenfilms Die steinerne Blume, zeigt mit seinem Trickfilm Der neue Gulliver, der im Hause der Kultur der UdSSR anlief, daß man die Wahrheit als Traum packender gestalten kann, als wenn man sie in die Fesseln realen Geschehens legt. Es ist ein moderner Märchentraum, die wirksame und eindeutige Karikatur der Monarchie von gestern, die uns hier gezeigt wird und die sicher in ähnlicher Form noch irgendwo in der Welt existiert. Swifts Satire ‚Gullivers Reisen’, die vor 200 Jahren Aufsehen machte und sich auf die Verspottung zeitgenössischer Zustände beschränkte, liefert diesem Film revolutionärer Prägung nur noch den Grundgedanken. Der neue Gulliver ist ein Knabe, der sich im Traum nach einer Schiffskatastrophe zu einem Zwergenvolk verschlagen sieht, das von einem tyrannischen König und seinen ein Parasitendasein führenden Höflingen beherrscht wird. Wie Gulliver, ein Freund der Unterdrückten, bei den Zwergen die Revolution entfacht, die zum Sturz des Königstums führt und die Geknechteten von ihren Ausbeutern befreit, das ist der Inhalt dieses Films, dessen satirische Wirkung in der virtuosen Regie des Puppenspiels liegt. […]“
(St.: Der neue Gulliver. In: Neues Deutschland, Nr. 214, 13.9.1947)

 

6. Oktober 1947. Kurt Weiler im Larkins Studio

Kurt Weiler (1921–2016) beginnt eine Tätigkeit als Phasenzeichner, Schnitt- und Regieassistent im Lehr- und Werbefilmstudio von William Larkins in London. Eingestellt wird er von Art Director Peter Sachs, den Weiler bereits 1940/41 auf der Isle of Man kennengelernt hat. Beide waren dort nach Kriegsausbruch als Deutsche kurzzeitig interniert, nachdem Weiler 1939 seiner jüdischen Herkunft wegen nach Großbritannien flüchten musste.

Kurt Weiler bleibt im Studio bis zum 22. Juli 1950, danach geht er zurück nach Berlin. In der DDR avanciert er in den folgenden Jahrzehnten zu einem der renommiertesten deutschen Animationsfilmregisseure.

Archiv

  • Kurt Weiler: Handschriftlicher Lebenslauf. DIAF/Nachlass Kurt Weiler

Publikationen

 

1948. EOS-Film in Göttingen gegründet

Die Firma EOS-Film von Gerhard Fieber entwickelt sich rasch zum wohl größten deutschen Zeichenanimationsfilmstudio der Wirtschaftswunderjahre.

Das Göttinger Studio am Hainholzweg 19 debütiert mit dem rund zehnminütigen werbefreien Zeichentrickfilm Die Geistermühle (1949). Bekanntheit erlangt es mit dem abendfüllenden Animationsfilm Tobias Knopp, Abenteuer eines Junggesellen (1950). Daneben entstehen zahlreiche Informations- und Werbefilme.

Publikationen

 

1948. Werbefilme von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen geht nach Remagen, wo die IFU Internationale Film-Union ein Kopierwerk unterhält, und nimmt die Produktion wieder auf. Interessanterweise veröffentlicht auch die DEFA einen Werbefilm des Ateliers Fischerkoesen für die Firma „Singoli-Kraftfahrzeugbedarf“ Schwenningen a. Neckar: Des Widerspenstigen Zähmung.

 

1948. Lothar Barke beginnt Studium als Trickfilmzeichner an der Meisterschule für das Kunsthandwerk Berlin-Charlottenburg

Der spätere Regisseur im DEFA-Studio für Trickfilme Dresden, Lothar Barke (1926–2010), startet nach seiner Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft ein Studium an der West-Berliner Zeichentrickklasse. Vermutlich im gleichen Jahr begründet hat die Klasse Bernhard Klein, der seit 1945 als Professor für Bühnenbild an der Meisterschule für das Kunsthandwerk Berlin-Charlottenburg berufen ist. Lothar Barke ist offensichtlich einer der ersten Studenten und wird dort bis 1950 ausgebildet werden, während Klein 1955 emeritiert wird.

„Obwohl der Beruf des Filmzeichners gut bezahlt wird und Aufstiegsmöglichkeiten bietet, leidet er doch stark unter Nachwuchsmangel. Das mag vielleicht auch daran liegen, daß die Werbefilmfirmen, die Zeichentrickfilme herstellen, selbst keine Lehrlinge ausbilden. Zu diesem Zweck wurde vor zwölf Jahren eine Filmzeichnerklasse an der Berliner Meisterschule für das Kunsthandwerk […] ins Leben gerufen. Anfangs [war sie] ein ‚Anhängselʻ der Bühnenbildner …“
(Dieter Witzke: Trickfilmzeichner – ein umworbener Beruf. Deutschlands einzige Ausbildungsstätte liegt in Berlin. In: Der Tagesspiegel, 21.10.1962)

Archiv

  • Biographie: Lothar Barke [o.V., o.D.]. In: DIAF-Archiv

Publikationen

 

13. Juli 1948. Uraufführung von Der Herr vom andern Stern

Der Herr vom andern Stern, der als Comedia-Produktion in den Ateliers der Bavaria unter der Regie von Heinz Hilpert mit Heinz Rühmann als Außerirdischem entstand, erlebt seine Uraufführung in der Filmbühne Wien in Berlin. Der Spielfilm, bei dem Rühmann auch als Produzent fungiert, enthält eine kurze animierte Sequenz von Heinz Tischmeyer.

 

August 1948. Walt-Disney-Ausstellung in Berlin

„In der Truman-Hall in Berlin sah man einige Tage lang eine Ausstellung jener humorvollen Tierfiguren, die Walt Disney in seinen freudespendenden Trickfilmen schuf. Die Ausstellung […] vermittelte gleichzeitig einen, wenn auch nur kleinen Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers […] Allgemein aber blieb das Bedauern, dass man uns leider Walt Disneys Filme weiterhin vorenthält.“
(-rd.: Walt Disney-Ausstellung in Berlin. In: Die neue Filmwoche, Nr. 33, 14.8.1948, S. 296)

Erst im März 1950 wird in der Bundesrepublik Deutschland der abendfüllende Disney-Klassiker Schneewittchen und die sieben Zwerge (OT: Snow White and the Seven Dwarfs) gezeigt. Die deutsche Fassung, „die aber infolge der amerikafeindlichen Filmpolitik des unseligen Regimes nicht mehr zu uns gelangte“, war bereits 1937 entstanden.
(Filmblätter, Nr. 10, 10.3.1950, S. 192)

 

15. November 1948. Amerikanische Lizenz für Ferdinand Diehl zur Puppenfilmproduktion

„Wie Ferdinand Diehl in diesem Zusammenhang mitteilt, wird er mit seinen Brüdern sofort mit der Herstellung eines abendfüllenden Puppenfilmes beginnen […].“
(H.A.: Produktionslizenz für die Gebrüder Diehl. In: Die neue Filmwoche, Nr. 48, 27.11.1948)

Diehl hatte die Zeit bis zur Erteilung der Filmlizenz mit seiner „HofBühne“ überbrückt, einem Handpuppen-Wandertheater.

Publikation

  • Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995, S. 55

 

21. Dezember 1948. Uraufführung von Kurt Stordels Rotkäppchen

Der 18-minütige Zeichentrickfilm Rotkäppchen aus der von Berlin nach Inning am Ammersee übersiedelten Schongerfilm-Produktion wird in Köln uraufgeführt. Regie führt Kurt Stordel, der auch als Zeichner fungiert.

 

1949. Produktionen von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen veröffentlicht Bilder ohne Worte und animiert Teile des Industriefilms Sinfonie eines Autos von Ulrich Kayser und Hans Liesfeld, dem im November die FSK-Prüfung erteilt wird und der als Beifilm im Münchner Union-Film-Verleih erscheint. Die DEFA-Produktion Brandenburg bringt in diesem Jahr noch einen Fischerkoesen-Film, der für die AGGA-Nährmittelfabrik in Leipzig wirbt: Alles Gute gelingt auch!

 

1949. Marketing-Streit der Gebrüder Diehl

Noch vor dem Krieg hatten die Gebrüder Diehl damit begonnen, Szenen aus dem Familienleben ihrer Igelpuppen (aus Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel) für Postkarten zu verwerten. Eine dieser Karten, auf der der Igel in ganzer Größe zu sehen war, setzte Eduard Rhein, damals Chefredakteur der „Hörzu“, 1949 auf die Titelseite des Blattes und stellte das Tier als firmeneigenen Redaktionsigel vor. Dabei wurden die eigentlichen Erfinder, die Gebrüder Diehl, weder erwähnt noch bezahlt. Als Ferdinand Diehl der Vereinnahmung der Igelpuppe durch den Springerkonzern gewahr wurde, musste er in einem langwierigen Rechtsstreit die Lizenzgelder für die Überlassung der Rechte an der Figur einklagen.

(Holger Wilmesmeier: Meckimorphosen – Vom Buxtehuder Swinegel zum Hamburger Re(d)aktionsigel. In: Mecki, Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Frankfurt am Main 1994, S. 79)

 

1. Januar 1949. Langmetrage-Projekt Kalif Storch

Hans Held versucht mit der Burg-Film in Hamburg und dem Projekt Kalif Storch an seine Karriere als Zeichenfilmer anzuknüpfen. „Der Spiegel“ berichtet darüber:

„In der Hamburger Oberstraße hängt an einem Gartenzaun ein Schild ‚Burg-Filmʻ. Im Villenkeller sitzt ein Stab von Zeichnerinnen und Zeichnern: sie übertragen Hans Helds Phantasiefiguren für den ersten [sic!] deutschen Nachkriegs-Zeichen- und Trickfilm Hans Georg Dammanns auf Zellophanpapier.

Hans Held, früher Trickfilmzeichner bei der Bavaria-Film, kam nach Kriegsende aus Holland via Aurich nach Hamburg, und dort lief ihm ein breitschultriger, blonder Hüne über den Weg: der Exproducer der früheren Ufa-Wochenschau, Hans Georg Dammann. Beide hatten keinen Job, aber eine gute Idee. Das Ergebnis: die ‚Burg-Filmʻ in der Oberstraße.

Dort werden in diesen Tagen, angestrahlt von vier vielwattigen Lampen, Szenen für den 300-m-Streifen Kalif Storch nach Wilhelm Hauffs Märchen aufgenommen. Held und Dammann wollen keine Walt-Disney-Kopien. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen vom Trickfilm und auch ihre eigenen Erfahrungen […]

Seit der welterobernden Micky sind Tiere immer noch die beliebtesten Trickfilmstars. Man überträgt ihnen menschliche Eigenschaften. Es genügt nicht, nur irgendwelche Fabelwesen zu karikieren, meint Damann. Der Trick eines guten Trickfilmstars ist, dass er im Ausdruck menschlich reagiert, in den Bewegungen tierisch realistisch bleibt.

Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wenn zum Beispiel in Kalif Storch der in Adebar verwandelte dicke Würdenträger sich nicht vom Boden erheben kann, wird er mit einem Katapult aus Palmenzweigen hochgeschleudert. […]

Walt Disney brauchte für seinen abendfüllenden Schneewittchenfilm mit 60 Zeichnern und Zeichnerinnen zwei Jahre. Burg-Filme sollen zehn Minuten Laufzeit haben. Held will sie mit 20 Helfern in je drei bis vier Monaten schaffen.“
(Fräulein Mabel fällt aus dem Rahmen. Alles per Trick. In: Der Spiegel Neujahr 1949, 1. Januar 1949, S. 23)

Das ambitionierte Produktionsprogramm von Hans Held kommt nicht zustande. Es werden noch Filmaufnahmen von Heinz Erhardt mit Trickfilmzeichnungen eines Fräulein Mabel für einen gleichnamigen Kurzfilm kombiniert, den das NWDR-Versuchsfernsehen ausstrahlt: „Als gezeichnetes Pin-up-Girl steigt es mit plastischen Formen aus dem Rahmen und singt mit seinem Funkpropagandisten ein Duett.“ Dann macht Burg-Film mit regulären Kulturfilmen für das Beiprogramm der Kinos weiter, die einfacher herzustellen sind als Animationsfilme.

 

8. Februar 1949. Farbige sowjetische Zeichentrickfilme in Ost-Berlin

Sovexportfilm zeigt im Filmtheater am Friedrichshain vor 1.200 Kindern den Kurzfilm Das Lied der Freude und Ritt ins Wunderland (OT: Konjok-Gorbunok, 1947, Regie: Iwan Iwanow-Wano).

„Es ist uns zwar in den letzten Jahren nicht mehr vergönnt gewesen, amerikanische Zeichentrickfilme hier zu sehen, aber selbst wenn man die beiden sowjetischen Streifen mit amerikanischen und deutschen früherer Zeit vergleicht, kann man um den Eindruck nicht umhin, daß ihre Technik noch im Hintertreffen liegt, obwohl beide Filme neueren Datums sind.“
(-nh-: Farbige sowjetische Zeichentrickfilme. In: Die neue Filmwoche, Nr. 9, 5.3.1949, S. 143)

„Da man zur Premiere des Sovexportfilmes Ritt ins Wunderland gestern abend im ‚Filmtheater Friedrichshainʻ fast nur Kinder geladen hatte, was ein ausgezeichneter Einfall war, sieht sich der Rezensent einer leichten Aufgabe gegenüber. Denn was bleibt ihm zu berichten, wenn die Kinder Wunderpferde, Wundervogel, König, Bösen Minister und den Jungen Iwan, der mit allen meisterhaft umgeht und so natürlich die Königstochter gewinnt, begeistert aufnahmen?

Er überlegt dabei, daß man hier den Trickfilm seines nur spielerischen und grotesken Charakters entkleidet hatte und ihn für die Fabel, für das Volksmärchen gebraucht, wie es an auch dem noch einfallsreicher und humorvoller gestalteten Vorfilm Das Lied der Freude zu sehen war.

Den starken Farben nahm man alles Grelle und bekam schöne Stimmungseffekte. Die deutschen Sprecher chargierten teilweise zu stark, so daß sie nur schwer verständlich waren.“
(n.r.: Ein farbiger Zeichentrickfilm. In: Vorwärts – Berliner Volksblatt, 9.2.1949, S. 3)

„Phantasievoll bis in die letzte Schattierung ist hier eine Märchenwelt aufgebaut und ausgestattet. Doch wird die enge Verbindung zur Wirklichkeit nie außer acht gelassen. Auf diesem Grundsatz beruht die Seltsamkeit und Eindringlichkeit des sowjetischen Märchenfilms. Dabei wäre es grundverkehrt, anzunehmen, daß der kindlichen Phantasie nicht genügend Spielraum bliebe. Für den Ritt Ins Wunderland möchte man fast einschränkend sagen, daß durch die Verbindung zwischen dem sehr phantastischen Inhalt der Tricktechnik und der effektvollen Farbigkeit ein beinahe zu großer Anspruch an die Aufnahmefähigkeit des deutschen Kindes gestellt wird, an das – vorläufig noch – viel Fremdes und nicht so schnell zu Erfassendes herangebracht wird.“
(Melis: Erste Begegnung mit dem Sowjet-Zeichentrickfilm Ritt ins Wunderland im Lichtspieltheater Friedrichshain. In: Neues Deutschland, Nr. 34, 10.2.1949)

Publikation

  • Volker Petzold: Konjok-Gorbunok. In: Lexikon des Kinder- und Jugendfilms. Meitingen 1998 ff. (50. Erg.-Lfg. April 2016)

 

12. April 1949. Deutsche Erstaufführung von Das goldene Schlüsselchen in Ost-Berlin

Der sowjetische Kombinationsfilm (Verbindung von Realaufnahmen mit Puppentrick) Das goldene Schlüsselchen (OT: Solotoi kljutschik, 1939, Regie: Alexander Ptuschko) wird von Sovexportfilm erstmals in Deutschland und in deutscher Sprache gezeigt. Alexej Tolstoi lieferte die literarische Vorlage mit dem Helden Burattino als eine Adaption des italienischen Klassikers „Pinocchio“ von Carlo Collodi.

„Hinter diesem Märchenspiel von Alexej Tolstoi steckt mehr, als die jugendlichen Zuschauer erkennen können. Für sie siegt [..] wieder einmal das Gute über die Mächte des Bösen. Der Erwachsene jedoch entdeckt so manche Feinheit, die die schlechten und guten Menschen detailliert. Denn man bedenke doch: der schlichte Mensch verkörpert stets die positiven Kräfte, das Negative wandert meist Hand in Hand mit Habgier, Geldsucht. Und dazwischen ein paar Typen, die man getrost in die Wirklichkeit projizieren kann. Wenn zum Schluß die guten Kinder in ein freies Land reisen, in dem es keine ausbeuterischen Theaterdirektoren gibt und keine Prügel – ist das nur ein Feenreich? […] Die DEFA-Synchronisation erwies sich wieder einmal als wertmindernd, zumal sie sich übereifrig bis auf die Musik ausdehnte. Gute Sprecher (Otto Hopf, Karl Hellmer, Franz Weber, Michael Günther) vermochten nicht darüber hinwegzutäuschen, daß sie vom Märchentonfall nichts verstehen.“
(N.P.: Das goldene Schlüsselchen – Ein neuer sowjetischer Märchenfilm. In: Vorwärts – Berliner Volksblatt, 19.4.1949)

„Vor dem Film-Theater am Friedrichshain hatte sich eine große Schar kleiner Besucher eingefunden. Mit kleinen, energischen Fäusten kämpften sie im Regen, um endlich zum Eingang zu gelangen. Es war Premierentag des sowjetischen Märchenfilms Das goldene Schlüsselchen. […] Der Film ist ein Märchenspiel, wie man es sich nur wünschen kann: Voll Spannung, Musik und guter Laune. Schon allein filmtechnisch ist er eine ganz ausgezeichnete Leistung. Hier leben richtige Menschen und Holzpuppen (als Trickaufnahmen in den eigentlichen Streifen hineinkopiert) lustig nebeneinander. Wir sehen aus der Puppenperspektive entzückende Landschaften wie die geheimnisvolle Welt der Baumwurzel und das Wundermeer an einer einfachen Straßenpfütze, die viele unglaubliche Geschöpfe in sich birgt. Der Film ist einfallsmäßig von so übersprudelnder Phantasie, daß fast jede Szene, jedes Bild laute Beifallsstürme auslöst.
[…]

Wer in diesem Märchenfilm das goldene Schlüsselchen erhält und damit den Sieg davonträgt, fragt ihr? Es ist der kleine Buratino, der tapfere, pfiffige Junge, der nicht auf Geld und auf Eroberung aus ist, sondern nach mehr Wissen und nach einem freien fröhlichen Leben. Ein großes Luftschiff trägt ihn am Ende in die weiten Wolken, und vor den Geldgierigen und Tyrannen wird die Tür zu dem Wunderland vor der Nase zugeschlagen.“
(Eva Schwarz: Das goldene Schlüsselchen. In: Junge Welt – Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend, 20.4.1949)

Publikation

  • Horst Müting: Das goldene Schlüsselchen. Bemerkungen zu einem sowjetischen Märchenfilm. In: Neue Film-Welt, 9/1949, S. 4 f.
  • Volker Petzold: Solotoi kljutschik. In: Lexikon des Kinder- und Jugendfilms. Meitingen 1998 ff. (50. Erg.-Lfg. April 2016)

 

19. April 1949. Disney-Comics in Europa

Das dänische Verlagshaus Gutenberghus (Egmont H. Petersen) unterzeichnet mit Disney einen Vertrag über die Herausgabe von Comics zuerst für Skandinavien, später auch für das deutsche Territorium.

 

Juni/Juli 1949. Themenheft „Werbefilm und Diapositiv“ der Zeitschrift „Die Werbung“

Die siebente Ausgabe der in Pinneberg bei Hamburg erscheinenden Fachzeitschrift für werbliche Planung und Gestaltung bringt Beiträge u. a. über die Werbefilmproduktion der Tolirag sowie über Lotte Reiniger.

 

Sommer 1949. Spielverbot von Werbefilmen aufgehoben

Die Regelung gilt für die amerikanische und die britische Besatzungszone. Damit eröffnet sich den Animationsfilmern wieder eines ihrer wichtigen Arbeitsfelder.

 

Sommer 1949. Johannes Hempel in München

Der aus Bautzen stammende Maler, Bühnen- und Kostümbildner Johannes Hempel (1917–1998) geht im Sommer 1949 nach München, um dort im Auftrag einer Firma „München-Film“ als Filmarchitekt für den nie fertiggestellten Spielfilm Herz unter Glas zu arbeiten. Prägend in dieser Zeit wird für ihn eine Begegnung mit dem Werk der Gebrüder Diehl, das in ihm die Begeisterung für die Puppentrickfilm-Herstellung auslöst. Es bleibt allerdings unklar, ob Hempel die Diehls persönlich trifft, zumindest ihr Atelier inspiziert oder sich nur deren Filme im Kino anschaut. Im Februar 1950 nach Bautzen zurückgekehrt, widmet Hempel sich unverzüglich einem eigenen kleinen Filmprojekt. Zwei, drei Jahre später wird er der erste Puppentrick-Regisseur der DEFA.

Publikationen

  • Johannes Hempel. In: CineGraph. Lexikon zum deutschsprachigen Film. München 1984 ff. (Lg. 52, 2013)
  • Ralf Forster, Volker Petzold: Im Schatten der DEFA. Private Filmproduzenten in der DDR. Konstanz 2010

 

August 1949. Die Ewald-Filmgesellschaft zieht von Berlin nach Düsseldorf

„Sie wird in Kürze mit der Herstellung neuer kraftfahrtechnischer Lehr- und Verkehrserziehungsfilme beginnen, die sich vorwiegend aus Zeichen- und Modell-Trick-Aufnahmen zusammensetzen und mit denen sie bereits in früheren Jahren mehr als zweitausend Fahrschulen des In- und Auslandes bei dem Unterricht der Fahrschüler unterstützte.“
(Trickfilm-Produktion in Düsseldorf. In: Die neue Filmwoche, Nr. 36, 10.9.1949, S. 463)

Die von Hans Ewald gegründete Firma besteht in Düsseldorf bis 1991.

Publikation

  • Hans Ewald sen. In: CineGraph. Lexikon zum deutschsprachigen Film. München 1984 ff.

 

17. September 1949. Der Griff nach dem Atom in München

Sendlingertor-Lichtspiele München, 1915, historische Ansichtkarte, Herausgeber: Ludwig Schiessl's Nachfg., Kunstanstalt, München, Quelle: Kinowiki

Sendlingertor-Lichtspiele München, 1915, historische Ansichtkarte, Herausgeber: Ludwig Schiessl’s Nachfg., Kunstanstalt, München, Quelle: Kinowiki

Der Kurzfilm mit Animationsteilen Der Griff nach dem Atom des Instituts für Wissenschaftliche Filme Erlangen läuft in einer Pressevorstellung im Filmtheater Sendlinger Tor in München.

„Dieser auf der Biennale 1949 in Venedig ausgezeichnete Kulturfilm hat es sich zum Ziel gesetzt, dem wissenschaftlich nicht vorgebildeten Publikum die Vorgänge in der Kleinwelt der Atome nicht nur erlebbar, sondern sie durch Trickfilmzeichnungen, Modelle und eine teils sichtbar demonstrierende und teils dokumentarisch dem Bild überlagerte Erklärerstimme auch in allen ihren Zusammenhängen begreiflich werden zu lassen.“
(Horst Axtmann: Der Griff nach dem Atom. Erste deutsche Aufführung des sechsten Kulturfilms Erichs Menzels. In: Die neue Filmwoche, Nr. 40, 8.10.1949, S. 530)

Griff nach dem Atom ist gepumpt. Es ist der Titel des Buches ‚Der Griff nach dem Atomʻ Hanns Reich-Verlag, 164 S., 5.60 DM), verfaßt von Drehbuchautor Otto Willi Gail. Erich Ponto spielt einen Einstein-weisen Physiker, Edith Herdeegen eine aufzuklärende Dame. Ponto bläst friedliche Seifenblasen von Molekül-Dünne, ‚das feinste, was Menschen erzeugen können’. Der Trickfilm bläst weiter, bis in dem billionfach vergrößerten Trick-Atom der Kölner Dom Platz hat, mit einem erbsengroßen Klümpchen darin, dem Atomkern. Elektronen umwirbeln Atomkerne, atomare Heinzelmännchen wuchten Kernstücke heraus. Atomkanonen ballern auf Urantrauben. Kettenreaktionen zucken wie Sternwerfer. Später zeichnet der Physiker Ponto der wißbegierigen Dame ein Atomkraftwerk aufs Papier. Ein Dampfer fährt mit einem Fingerhut Uran über den Ozean und eine Rakete mondwärts.“
(Auf wissenschaftlichen Beinen. Hauptdarsteller Das Atom. In: Der Spiegel, 39/1949, S. 30)

Die Zeichenfilmentwürfe stammen von Hans Schütz, der auch für weitere wissenschaftliche Filme des Instituts die Animationen anfertigt.

 

23. November 1949. Uraufführung von Hand und Hände in West-Berlin

Der von Wolfgang Kaskeline für Artur Brauners CCC produzierte Zwölfminuten-Film Hand und Hände erscheint im Schorcht Filmverleih und wird im Kiki in Berlin uraufgeführt.

 

Dezember 1949. Werbefilm der Gebrüder Diehl

Die Gebrüder Diehl knüpfen an ihre Kabuco-Werbung an mit Weihnachtssorgen.

 

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