Chronologie zum Animationsfilm in Deutschland 1930–39

Entwurf für einen ungenannten Farb-Reklamefilm der Ufa Werbefilm, etwa Ende der 1930er Jahre, ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Entwurf für einen ungenannten Farb-Reklamefilm der Ufa Werbefilm, etwa Ende der 1930er Jahre, ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Zusammenstellung: Ralf Forster, Rolf Giesen, Jeanpaul Goergen, Volker Petzold

Redaktion: Rolf Giesen, Volker Petzold

 

Die Herstellung von Animationsfilmen in Deutschland ist in diesem Jahrzehnt primär auf Werbung fokussiert. Für die Ufa arbeiten Wolfgang Kaskeline (bis 1937), Hans Fischerkoesen, Werner Kruse, E. von Tresckow und Curt Schumann. Experimentierwillige Künstler wie Oskar Fischinger und Lotte Reiniger sind in der Minderzahl, verlassen das Land. Auch Julius Pinschewer, einer der Mentoren des animierten Werbefilms, und der Ungar Georg Pal gehen, als die Nazis an die Macht kommen. Sie sind Juden. Die Einführung des Ton- und des Farbfilms trägt zum globalen Siegeszug amerikanischer Cartoons, insbesondere aus der Walt-Disney-Produktion, bei: Auch in Deutschland tritt die Mickey Mouse mitsamt Merchandising ab 1930 ihren Siegeszug an. Wladislaw Starewitsch (Ladislas Starewich) kann in Deutschland mit seinen Puppentrickfilmen nicht Fuß fassen, die Brüder Diehl gelten als Außenseiter und finden eine Nische bei der Reichsstelle für den Unterrichtsfilm. Adolf Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels sind begeisterte Disney-Fans. Trotzdem werden die Verhandlungen über eine deutsche Verleihlizenz für Disneys Technicolor-Märchen Schneewittchen und die sieben Zwerge (Snow White and the Seven Dwarfs) noch vor Kriegsbeginn abgebrochen.

 

1930. Werbetrickfilme von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen aus Leipzig arbeitet zunächst noch für die Ton- und Lichtbildreklame AG, Berlin, (Tolirag), an den Werbetrickfilmen Das ideale Auto (Autowerbung) und Zurück zur Natur (Zensurfreigabe 22. Mai 1930, Werbung für elektrische Küchengeräte), beginnt dann aber seine Zusammenarbeit mit der Ufa. Es entstehen Selbsthilfe (Werbung für das Wäschehaus Nebel & Sander), Das Stehaufmännchen (Werbung für die staatliche Lotterie) und Tanztee! (Zensurfreigabe 17. November 1930).

Bis auf Tanztee! gelten alle Filme als verschollen.

 

1930. Werbetrickfilme von Wolfgang Kaskeline

Auch Wolfgang Kaskeline, bis dahin bei der Epoche-Color-Film AG unter Vertrag, geht zur Ufa. Seine Filme werden jetzt angekündigt unter dem Signet „Ufa Kaskeline“: Eine kleine Teufelei (Werbetrickfilm für die Wäscherei Hayungs), Die Kunst aller Länder (Werbung für das Auktionshaus Schlüter), Der Schlüssel zur Freude (Werbung für SABA-Radios), Eine wichtige Mission (Zensurfreigabe 22. November 1930, Werbung für Continental-Reifen). Alle Filme gelten als verschollen.

 

1930. Werbefilme von Curt Schumann und Werner Kruse

Für die 1929 neugegründete Dux-Film, Berlin, produziert Curt Schumann Bildfilm (Wäscherei) und Moment-Aufnahme (Werbung für Kodak). Werner Kruse vollendet dort die Werbung für „Urania“-Feinmechanik Fräulein Hurtig – die Kanone.

 

1930. Filme von Rudi Klemm

Rudi Klemm, 1941/42. ©DIAF/Nachlass Rudi Klemm

Rudi Klemm, 1941/42. ©DIAF/Nachlass Rudi Klemm

Für die Pinschewer-Film-AG dreht Rudi Klemm Chad GadjoDas Lämmchen. Ein altjüdisches Sinngedicht. Der Streifen erlebt am 14. Mai 1930 im Berliner Marmorhaus seine Uraufführung. Weiterhin entsteht für Pinschewer der Klemm-Film Die drei Ritter.

 

1930. Beiprogrammfilme von Paul N. Peroff

Die Ufa bringt drei Beiprogrammfilme von Paul N. Peroff heraus: Der quakende Narr, Die Meistersinger (beide assistiert von Leo von/Leon Malachowski, Zensurfreigabe für beide 12. April 1930) sowie Russische Symphonie (Zensurfreigabe 29. August 1920).

 

1930. Aus der Urzeit der Erde von Hans Ewald entsteht

Das Ewald-Atelier in Berlin, 1925 bereits beteiligt an Wunder der Schöpfung, bringt den Lehrfilm Aus der Urzeit der Erde heraus. Es ist die First National-Produktion The Lost World (1925), in Deutschland im Januar 1926 von der Ufa als Die verlorene Welt herausgebracht, die Major a. D. Hans Ewald dazu inspiriert, wie der Amerikaner Willis O’Brien mit beweglichen Gummifiguren vorsintflutlicher Lebewesen und Dinosaurier Augenblicke prähistorischen Lebens in einem Kurzfilm nachzugestalten.

 

7. Januar 1930. „Die Weltbühne“ lobt den Trickfilmzeichner Wolfgang Kaskeline

Umschlag der „Weltbühne“, hier vom 12. März 1929, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Umschlag der „Weltbühne“, hier vom 12. März 1929, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Wolfgang Kaskeline beginnt um 1922 seine Karriere als Trickzeichner. 1927 wird er von der Werbekunst Epoche übernommen. Später leitet er die Trickfilm-Ateliers der Ufa-Werbefilm.

„Der Mann, der seit einiger Zeit mit den einfachsten schwarzen Flächen und Balken, nahezu aus den Beständen des Setzkastens, die packendsten Plakate und Inserate für die Manoli-Zigaretten entwirft, ist offenbar eine große Begabung. Und Wolfgang Kaskeline, der Trickfilmzeichner der Werbefilm-‚Epoche’ verdiente es, daß seine geschickten Montagen einer würdigern Muse als der Orientteppich- und der Lebensversicherungsbranche dienstbar gemacht würden.“
(Die Weltbühne, XXVI, Heft 2, 7.1.1930, S. 77: Antworten).

Publikationen

Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998

Rolf Giesen: Lexikon des Trick- und Animationsfilms. Berlin 2003

 

17. Januar 1930. Zensurfreigabe für den ersten Mickey-Mouse-Film in Deutschland

Der erste für Deutschland angekaufte Mickey-Mouse-Film, der siebenminütige Streifen von Ub Iwerks The Barn Dance, passiert die Zensur. Londoner Partner haben die Verleihverträge für die Südfilm A.-G. (die spätere Bayerische Filmgesellschaft, dann Bavaria) ausgehandelt, die bereits einige von Disneys AliceCartoons auf den deutschen Markt gebracht hat. The Barn Dance läuft mit seinem Originaltitel im Vorprogramm zu dem Ufa-Spielfilm Wenn Du einmal Dein Herz verschenkst im Berliner Kino Universum.

„Im Tonfilm-Beiprogramm des Universums eine angenehme Überraschung. Die erste Tonfilm-Micky-Groteske lief an. Man hat damit nicht zuviel versprochen: Der Tonfilm-Mäuserich tanzte sich schnell in alle Herzen. In breiter, behäbiger Strichart von dem Amerikaner Walter Disney gezeichnet, kontrastiert der kleine Micky sehr geschickt mit seinem Vetter Felix. Urkomisch, wie er mit dem Ballon in der Hose dahertanzt. Die Geräusch- und Musikillustration ist witzig genug, so daß das Publikum über das Schnarchen, Heulen und Krächzen hell auflacht.“
(Film-Kurier, Nr. 17, 18.1.1930)

„Micky ist in der Tat ein Tonfilmwunder. Ein Tier, das im Jazz-Rhythmus lebt. Jeder Schritt ein Step, jede Bewegung eine Syncope. […] Bild und Ton decken einander.“
(Film-Kurier, Nr. 43, 18.2.1930)

Publikationen

Jörg-Peter Storm, Mario Dreßler: Im Reiche der Micky Maus (Dokumentation zur Ausstellung – Walt Disney in Deutschland 1927–1945 – im Filmmuseum Potsdam). Berlin 1991

Carsten Laqua: Wie Micky unter die Nazis fiel. Walt Disney und Deutschland. Hamburg 1992

 

Februar 1930. Die Disney-Maus stellt sich in Deutschland vor

Fast wie der kommende Diktator Hitler wird die Disney-Maus in einer ganzseitigen Anzeige der Südfilm A.-G. im Film-Kurier vorgestellt:

An mein Volk!

Heil sei dem Tag, an dem ich euch erschienen!

Es war ein Sieg auf der ganzen Linie!“
(Film-Kurier, Februar 1930)

 

26. Februar 1930. Gustav Berloger in den Vorstand der Südfilm A.-G. gewählt

Der Kinobesitzer und Verleihfachmann Gustav Berloger wird in den Vorstand der Südfilm A.-G. gewählt. Bis in die Nachkriegszeit hinein, dann bei der RKO Filmgesellschaft, wird er großen Einfluss auf die Präsentation der Disney-Filme in Deutschland haben.

Publikation

Jörg-Peter Storm, Mario Dreßler: Im Reiche der Micky Maus (Dokumentation zur Ausstellung – Walt Disney in Deutschland 1927–1945 – im Filmmuseum Potsdam). Berlin 1991, S. 32

 

10. März 1930. Zensurfreigabe für Kirmes in Hollywood

Kirmes in Hollywood, eine Pinschewer-Produktion von Gerda und  Hedwig Otto , wirbt mit den Puppentrick-Konterfeis von Buster Keaton und Emil Jannings für Nestlé.

 

17. März 1930. Sondervorstellung mit Mickey Mouse und Silly Symphonies

Die Südfilm A.-G. lädt die Berliner Kinobesitzer zu einer Sondervorstellung ins Marmorhaus. Begeistert aufgenommen werden die Kurzfilme Ein Schiff streicht durch die Wellen (Steamboat Willie), Das Dampfroß steigt, Jedermann seine eigene Jazzband, Im Tiervarieté (The Opry House) sowie Die Geisterstunde (The Skeleton Dance) und Im wunderschönen Monat Mai (Springtime).
(Filmwoche Nr. 12, 1930)

 

10. April 1930. Patentsschutz für „Mickey“ und „Minnie Mäuse“

Die Firma Geo. Borgfeldt & Co. A.-G. in Fürth/Bayern lässt „Mickey“ und „Minnie Mäuse“ beim Reichspatentamt schützen. Disney geht fortan auch in Deutschland gegen Hersteller vor, die ohne Lizenz arbeiten.

Publikation

Jörg-Peter Storm, Mario Dreßler: Im Reiche der Micky Maus (Dokumentation zur Ausstellung – Walt Disney in Deutschland 1927–1945 – im Filmmuseum Potsdam). Berlin 1991, S. 174

 

27. Mai 1930. Uraufführung von Die Jagd nach dem Glück

Der Spielfilm von Rochus Gliese, Die Jagd nach dem Glück, erlebt seine Uraufführung. Er enthält Schattenspielszenen, optische Silhouetten-Effekte von Lotte Reiniger und Berthold Bartosch.

 

15. Juli 1930. Zensurfreigabe für Flip als Jazztänzer

Der erste Film der US-amerikanischen Zeichentrick-Serie Flip der Frosch kommt nach seiner Zensurfreigabe am 15. Juli 1930 im Sommer in die deutschen Kinos. In der sechsminütigen Episode Flip als Jazztänzer (USA 1930, Flip the Frog: Fiddlesticks) führt der Frosch verschiedene Tänze auf. Im Vorfeld zeigt die Nowik & Roell Film GmbH Berlin in Anzeigen eine kleine Mickey Mouse, die einen übergroßen Frosch als ihren „Nachfolger“ vorstellt: Flip der Frosch vom bei Disney ausgeschiedenen Zeichner Ub Iwerks und von Celebrity Pictures: „Ub Iwerks, der geniale Schöpfer und Zeichner der ‚Micky-Maus’ erlaubt sich seinen neuesten Tonfilmstar Flip, den Frosch vorzustellen. Flip, der Frosch ist bereits in Berlin eingetroffen.“

 

August 1930. Karl Ritter für Disney

Bis November 1931 wird Karl Ritter, Grafiker und Texter bei der Südfilm und NSDAP-Mitglied, speziell für Disney-Produktionen zuständig sein. Er ist verantwortlich für die Disney-/Mickey Mouse-Kampagne des Verleihs in Text und Bild.

Publikation

William Gillespie: Karl Ritter: His Life and ‘Zeitfilms‘ under National Socialism. German Films Dot Net, Potts Point, Australien 2014, S. 11

 

7. August 1930. Studie Nr. 2 (Tanzende Linien) von Oskar Fischinger wird zensiert

Der aus gezeichneten Linien bestehende abstrakte Animationsfilm Studie Nr. 2 (Tanzende Linien) ist zum Elektrola-Schlager „Vaya, Veronika“ synchronisiert. Er wird auch als Werbefilm für das Label eingesetzt.

Studie Nr. 2 gehört in eine Reihe von 14 Kurzfilmen, die Oskar Fischinger zwischen 1930 und 1933 nach klassischen und populären Melodien animiert. Die meisten werden als Vorfilme in den Kinos eingesetzt und in mehrere Länder exportiert.

„Die neue künstlerische Aufgabe, die sich Fischinger stellt, ist die filmische Erfassung der Synkopenmusik, ist die Illustrierung des Jazz durch sichtbare optische Gestaltung. Es ist dies nichts anderes als die Umkehrung des Weges, den andere beschritten, als sie stumme Filme mit Begleitmusik ausstatteten. […] Oskar Fischinger lässt seltsame optische Gebilde, die trotz ihrer Flächigkeit immer aufs neue die Empfindung der dritten Dimension hervorrufen, auf der Projektionswand sich bewegen, und dadurch steigert er, unterstreicht er den Rhythmus.“
(Paul Hatschek: Die Filme Oskar Fischingers. In: Die Filmtechnik, Nr. 3, 1931, 7.3.1931, S. 1)

Publikationen

Fritz Böhme: Tanz der Linien. In: Deutsche Allgemeine Zeitung, 18.8.1930

William Moritz: Oskar Fischinger. In: Optische Poesie. Oskar Fischinger. Leben und Werk. Frankfurt 1993, S. 22–35

William Moritz: Optical Poetry. The Life and Work of Oskar Fischinger. Bloomington and Indianapolis 2004

 

8. August 1930. Tonograph von Hans Fischerkoesen

Die Filmfachpresse berichtet über eine Apparatur zur Herstellung tönender Animationsfilme.

„Nach mehrmonatigen Laboratoriumsversuchen im Fischerkösen-Film-Atelier in Leipzig ist es dem bekannten Trickfilmzeichner Fischerkösen gelungen, einen Apparat zu konstruieren, der es ermöglicht, Ton-Trickfilme aller Art herzustellen. Der ‚Tonograph’, System Fischerkösen, bringt mithin ein vollständige Umwälzung in die tönende Zeichentrickfilmproduktion, der es zum erstenmale ermöglicht, hundertprozentige Tonfilme für die Reklamewerbung bereit zu stellen. […] Der ‚Tonograph’ ist zum Patent im In- und Ausland angemeldet.“
(Deutsche Filmzeitung, Nr. 32, 8.8.1930)

Ein Patent auf den „Tonograph“ ist allerdings nicht nachweisbar.

 

September 1930. Ufa-Werbefilm wirbt mit ihren Trickfilmern Hans Fischerkoesen, Wolfgang Kaskeline und Paul N. Peroff

Zu Beginn der 1930er Jahre hat sich die Werbefilmabteilung der Ufa als Marktführer etabliert. Ein Großteil ihrer kurzen Werbefilme, die im Vorprogramm der Kinos laufen, sind Animationsfilme.

„Ufa-Werbefilm zählt die besten Spezialisten ihres Faches zu ihren ausschliesslichen Mitarbeitern. Hans Fischerkösen, der Meister des Humors, der mit seinen humorvollen und wirkungsstarken Trickfilmen immer neue Erfolge erzielt; Wolfgang Kaskeline, der Schöpfer ausdrucksvollster Trick-Werbefilme, dessen phantasievolle Kombinationsfilme Rhythmus und Tempo der Zeit atmen; Paul N. Peroff, der besonders durch seine tönenden Beiprogramm-Filme bekannte Tier-Karikaturist amerikanischer Schule.“
(Die Reklame, 2. Septemberheft 1930, S. II)

Der Russe Paul N. Peroff hatte 1927 in New York seine eigene Firma für Zeichenanimationsfilme Peroff Pictures Inc. gegründet und einige kurze Animationsfilme (short reels) hergestellt (z. B. Santa Claus). Ende 1929 übersiedelt Peroff nach Deutschland. Er bringt einige fertige werbefreie Filme mit und lässt sie über die Ufa (Der quakende Narr) und den gerade aufkommenden 16mm-Sektor vertreiben (Die Abenteuer des Herrn Baron Münchhausen). In der Folge ist der „dritte Mann des deutschen Zeichentrickfilms“ unregelmäßig für die Ufa-Werbefilm tätig.

Publikationen

Jeanpaul Goergen: Discovering Paul N. Peroff. In. Animation Journal, Vol. 6, Nr. 2, Spring 1998, S. 54–53

Ralf Forster: Ufa und Nordmark. Zwei Firmengeschichten und der deutsche Werbefilm 1919–1945. Trier 2005, S. 146 f.

 

September 1930. Gerhard Huttula wechselt in das Ufa-Kopierwerk Afifa

Kaskelines Trickkameramann Gerhard Huttula wechselt in das Ufa-Kopierwerk Afifa, wo er an der neuen optischen Bank von Debrie, der Truca, arbeitet. Als André Debrie Huttulas aus Tanzaufnahmen von Leni Riefenstahl experimentell umkopierten Testfilm sieht, nimmt er die Filmrolle mit nach Frankreich.

Publikation

Rolf Giesen, Claudia Meglin: Künstliche Welten. Hamburg 2000, S. 82

 

14. Dezember 1930. Uraufführung vom Lotte Reinigers Zehn Minuten Mozart in London

Die Uraufführung von Lotte Reinigers Zehn Minuten Mozart als Tonfilm findet im Rahmen einer Filmveranstaltung der „Film Society“ (des renommierten Londoner „Filmclubs“) in London statt. Am 17. April 1931 passiert der Streifen die deutsche Zensur.

„Da ich Mozart über alles liebe, kristallisierte sich aus den Studien um die neue Kunst des Tonfilms bald der Wunsch, mit einer Huldigung für diesen geliebten Komponisten den neuen Abschnitt filmischer Arbeit zu beginnen. Bei dieser Arbeit ist die Musik das Primäre. Meinen Film lasse ich quasi das Ballett tanzen. Aus dem Schatz der von mir so geliebten Mozartschen Melodien wählten wir einige Stücke, die uns am reinsten auch dem musikfremden Publikum eine Ahnung dieses Genies zu vermitteln schienen. […] Meine Tendenz bei diesen Arbeiten ist, so bescheiden wie möglich mich hinter die Musik zu stellen und in möglichster Schlichtheit dem Publikum eine künstlerisch nicht wertlose Unterhaltung als Genuß für Auge und Ohr zu geben.“
(Lotte Reiniger in: Licht-Bild-Bühne Berlin, Nr. 21, 24. Januar 1931, Beilage „Film und Ton“, Nr. 4. Zit. nach: DVD: Lotte Reiniger – Musik und Zaubereien. absolut Medien, Begleitheft, 2006/2007)

Publikation

DVD: Lotte Reiniger – Musik und Zaubereien. absolut Medien, 2006/2007

 

16. Dezember 1930. Der Ungar Georg Pal debütiert im Animationsfilm

George Pal, 1979, Quelle: Wikimedia Commons, Alan Light, Lizenz: CC-BY 2.0

George Pal, 1979, Quelle: Wikimedia Commons, Alan Light, Lizenz: CC-BY 2.0

Im Trick-Atelier der Ufa Werbefilm arbeitet auch ein gebürtiger Ungar: György Pál Marczincsák, der sich in Deutschland Georg Pal nennt. Nach seinem Abschluss an der Budapester Akademie der Künste (Innenarchitektur) war Pal eine Zeitlang bei Hunnia Film beschäftigt, fand die technischen Bedingungen dort aber nicht ausreichend.

Gemeinsam mit Wolfgang Kaskeline gestaltet er für Ufa-Werbefilm den animierten Werbetonfilm Um die Erde für Continental-Reifen (Zensurfreigabe 16. Dezember 1930). Der Streifen gilt als verschollen.

Publikationen

Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998, S. 88, 99

Ralf Forster: Ufa und Nordmark. Zwei Firmengeschichten und der deutsche Werbefilm 1919–1945. Trier 2005, S. 154 f.

Rolf Giesen: Lexikon des Trick- und Animationsfilms. Berlin 2003

 

7. Dezember 1930. Erstmals in Deutschland „Micky Maus“-Strip

Die Kölnische Illustrierte Zeitung bringt als erste deutschsprachige den „Micky Maus“-Strip.

 

1931. Erste Buchveröffentlichung über den deutschen Animationsfilm

Der Dichter und Musikkritiker Eric Walter White publiziert in England bei Hogarth Press einen Essay über die Silhouettenanimationsfilme von Lotte Reiniger.

„Es ist schon wieder einmal so, daß wir vom Ausland her lernen können, wie stark deutsches Kunstwerk wirkt. Der Essay von White ist Zusammenfassung eines Vortrags, der etwa vor dreiviertel Jahren vor der Film Society gehalten wurde. Und er setzt darin Lotte Reiniger mit dem besten Amerikaner desselben Fachs gleich: Walt Disney, dem Schöpfer von Mickey Mouse.“
(Film-Kurier, Nr. 222, 22.9.1931)

Publikation

Eric Walter White: Walking Shadows. An Essay on Lotte Reiniger’s Silhouette Films. London 1931

 

1931. Publikation über „Micky Maus“

Im Man Verlag Berlin SW68 erscheint „Micky Maus – Ein lustiges Filmbildbuch“ (70 Seiten) mit Genehmigung der Südfilm. Die Verse, die auf den Cartoons „Tiervarieté“ und „Micky, der fidele Bauer“ basieren, hat Karl Fellner geschrieben. Einband von Beucke. Dr. M. Paul Block und Karl Ritter sind die Herausgeber.

 

1931. Werbetrickfilme von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen stellt 1931 im Auftrag der Ufa her:

  • Die andere Seite (Werbung für die Vorsorgeversicherung),
  • Große Wäsche (Waschmittelwerbung),
  • Melodie der Wellen (Werbung für Telefunken-Radios),
  • Der Überriese (Werbung für Vorwerk),
  • Was Ihr wollt (Zensurfreigabe 25. April 1931).

Die Titel Die andere Seite, Große Wäsche, Melodie der Wellen und Der Überriese gelten als verschollen.

Zudem fertigt Fischerkoesen Trickteile für den Kulturwerbefilm Der gläserne Motor.

 

1931. Neue Titel von Ufa-Kaskeline

Unter dem Signet Ufa-Kaskeline bringt die Ufa-Werbefilm 1931: Guten Appetit! (Werbung für Produkte von Oswald Borchers, höchstwahrscheinlich einem Bremer Fleischermeister) und Die kluge Hausfrau (Werbung für Einkauf mit Rückvergütung).

 

1931. Neue Filme von Curt Schumann

Curt Schumann animiert für Dux-Film, Berlin, den Werbetrickfilm für Valvo-Radioröhren Zu Hilfe. Material ist nicht überliefert.

Den von ihm unabhängig produzierten Kurzfilm Bimbo und der Autodieb verkauft er an die Degeto Film GmbH.

 

1931. Kurt Stordel baut Das Trickfilm-Magazin

Kurt Stordel kompiliert im eigenen Atelier Das Trickfilm-Magazin, um potentiellen Kunden seine Begabung auf dem Gebiet der Film-Animation vorzuführen. Der Erfolg der amerikanischen Felixund Mickey-Cartoons hat ihn zu diesem Schritt inspiriert. Das Magazin gilt als nicht überliefert.

 

17. Januar 1931. Zensurfreigabe für den Silhouettenfilm der Gebrüder Diehl Kalif Storch

Unter der Regie von Ferdinand realisieren die Ferdinand, Herrmann und Paul Diehl im eigenen Atelier und in zweijähriger Arbeit nach dem Vorbild von Lotte Reiniger ihr erstes Werk, den 20-minütigen Silhouettenfilm Kalif Storch, der am 17. Januar 1931 von der Film-Prüfstelle München freigegeben wird. Aus der Konkursmasse der Emelka, wo Ferdinand Diehl im Trickatelier beschäftigt war, haben sie sich 1928/29 eine Ernemann-Kamera gekauft, diese auf Einzelbildschaltung umgerüstet und einen eigenen Tricktisch gebaut. Kalif Storch kommt 1937 neu als Tonfassung heraus (Musik A.T. Gronauer).

Unter Auflicht gedreht, sind die Diehls mit den Ergebnissen unzufrieden und beginnen, mit Puppen zu experimentieren. Ferdinand, Hermann und Paul Diehl bleiben dem Genre Puppentrickfilm bis weit in die 1960er Jahre hinein treu.

„In einem Vorort Münchens, zwischen Wiesen und Wäldern, haben drei Idealisten des Films ein mit ganz eigenartigen technischen Finessen ausgestattetes Filmatelier eingerichtet. Es sind drei Brüder: ein Maler, ein Filmtechniker und ein Gelehrter, die hier buchstäblich unter Ausschluß der Öffentlichkeit an der Schaffung von Märchenfilmen arbeiten. […] Jetzt liegen zwei Werke dieses Ateliers fertig vor; zwei Märchen, denn diese Idealisten namens Diehl wollen dem deutschen Film ausschließlich Märchen liefern. Ein großer Zeichentrickfilm, Kalif Storch, hat eine ganz neue Wirkung dieser Filmgattung. Seine Bauten wirken plastisch und nicht flächig, wie sonst bei Märchenfilmen. […] Ein zweiter Film fürs Beiprogramm ist fertig. Diesmal ein Puppenfilm von einer bezaubernden Grazie und Lebendigkeit der Bewegung, wie wir sie nur aus den Filmen Starewitchs kennen.“
(Film-Kurier, Nr. 186, 11.8.1931)

Gemeint ist vermutlich der am 1. Dezember 1931 von der Münchner Film-Prüfstelle freigegebene, aber nicht überlieferte Kurzfilm Zwischpaduri der Strolch.

Publikation
Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995

 

1931. Werbetrickfilme von Georg Pal

Georg Pal, inzwischen einer der Chefzeichner der Ufa, arbeitet zusammen mit Wolfgang Kaskeline an Wer den Pfennig nicht ehrt (Werbung für die Württembergische Landesparkasse) sowie eigenständig an Der Bazillenschlucker (Werbung für Staubsauger Volta Salus) und Sauberkeit ist keine Hexerei (Werbung für Döbelner Seife). Mit den Titeln Jeder weiß (Werbung für Hotels von Boccaccio) und Zum Wohle (Werbung für Weine von Karl Gaißmaier) wendet er sich bereits von der zweidimensionalen Animation ab- und dem Puppentrick bzw. der Modellanimation zu. Gleichzeitig entwickelt er für den Scherl Verlag des Ufa-Herrn Alfred Hugenberg die Comic-Figur eines deutschen Spießers, die er „Habakuk“ nennt.

Die Streifen Sauberkeit ist keine Hexerei, Jeder weiß und Zum Wohle gelten als verschollen.

 

1931. Paul N. Peroff mit eigenem Atelier in Berlin

Paul N. Peroff gründet ein eigenes Atelier Peroff in Berlin-Wilmersdorf, Düsseldorfer Straße 74, wo er den Kurzfilm Die Froschprinzessin fertigt (Zensurfreigabe 2. März 1933). Als Ozaphan-Schmalfilme kommen von ihm in mehreren Teilen die Titel Afrika lacht und Die geknipste Jungfrau (Zensurfreigabe für beide 7. Dezember 1931) heraus.

 

3. Februar 1931. Uraufführung des Spielfilms Die Försterchristl von Friedrich Zelnik

Die Titel für den Spielfilm Die Försterchristl hat Oskar Fischinger gestaltet.

 

25. Februar 1931. Der Trickfilm wird interviewt – Wolfgang Kaskeline

Öffentliche Anerkennung für den Werbefilmer:

„Jedem Kinobesucher ist der Name Wolfgang Kaskeline bekannt, denn er findet sich auf den meisten Werbefilmen der Ufa. Wenn er auf der Leinwand erscheint, so weiß man schon, dass jetzt einer dieser amüsanten Reklame-Filme kommt, in denen sich Sachlichkeit und Humor, Groteske und Phantastik mischen, wo Farbe, Form und Ton, Szene und schematische Zeichnung in jener scheinbar so selbstverständlichen leichten Art und Weise zusammenwirken und einen Gesamteindruck erwecken, der, ganz abgesehen von seiner Propaganda-Wirkung, einen erfreulichen künstlerischen Genuss jedem empfindlichen Auge bereitet.“
(Der Trickfilm wird interviewt. In: Ufa-Feuilleton Nr. 8, 25. Februar 1931)

 

13. März 1931. SPD vs. Nazi-Partei

Die SPD fordert die NSDAP mit einem Spot von technisch leider geringer Qualität heraus: Ins dritte Reich (Zensurfreigabe 13. März 1931) von Karl Holtz und Alois Florath. Produzent ist der SPD-hauseigene Film- und Lichtbilddienst, Berlin.

 

19. März 1931. Max Fleischer-Cartoons in Deutschland

Max Fleischer. Screenshot aus dem Film "Betty Boop's rise to fame" (1934), in dem er sich selbst spielte. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Max Fleischer. Screenshot aus dem Film »Betty Boop’s rise to fame« (1934), in dem er sich selbst spielte. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Die deutsche Paramount-Niederlassung verleiht 25 kurze Zeichenanimations-Tonfilme der Max Fleischer-Serie Der tanzende Ball. Die singende Zeichnung.

Über diese „Screen Songs with the famous Bouncing Ball“ (Vorspann der US-Versionen) heißt es in der deutschen Fachpresse:

„Diese kleinen Trickfilme […] sind Meisterwerke, von den unerschöpflichen Einfällen des berühmten Karikaturisten Max Fleischer erfüllt. Sie werden nie versagen, wenn es gilt, das Publikum in angeregte Stimmung zu bringen. Diese Spitzenleistungen filmischer Kleinkunst enthalten illustrierte Filmschlager zum Mitsingen in deutscher Sprache, wie auch ganz auf Geräusch, Musik und Gesang gestellte Kartoons. Im Programm des Universums läuft einer dieser reizenden Trickfilme Hier wird gebaut, der das Publikum bei der Premiere zu spontanen Beifallsäußerungen animierte. Man darf prophezeien, daß die vielfältigen Abenteuer Bimbos bald so populär sein werden wie die Micky-Maus-Erlebnisse.“
(Neue Max Fleischer-Trickfilme. In: Der Kinematograph, Nr. 68, 21.3.1931)

Die Erfindung des Bouncing Ball von Max Fleischer im Jahre 1924 ging mit der Idee einher, stumme Animationsfilme und live im Kino dargebotene Musik zu verbinden. Durch die Handlung der Filme und dazu passend integrierte populäre Lieder, deren Strophen in Zwischentiteln angezeigt wurden, sollte das Publikum zum Mitsingen ermuntert und letztlich eine positive gemeinschaftliche Rezeption der Song Cartunes genannten Filme befördert werden. Um den Zuschauern eine Hilfestellung beim Gesang zu geben, hüpfte ein kleiner weißer Ball in den entsprechenden Liedzeilen, eine Art animierter Dirigent, der den Einstieg und den Takt beim Singen definierte.

Die Zensurfreigabe für den Siebenminüter Hier wird gebaut (USA 1930) erfolgt am 19. März 1931.

Publikationen

Gusti Schidlof: Die singende Zeichnung. In: Film-Kurier, Nr. 76, 31.3.1931

Leonard Maltin: Of Mice and Magic. A History of American Animated Cartoons. New York 1980, S. 99 f. (deutsche Übersetzung: Der klassische amerikanische Zeichentrickfilm. München 1980, S. 186 f.)

www.atos.org

 

30. April 1931. Patentanmeldung Georg Pal

Der Film-Kurier (Kinotechnische Rundschau) berichtet von einer Patentanmeldung Georg Pals (Nr. 646066, Klasse 57 A): Das sogenannte Naturfarbige Pal-Doll-Verfahren verbindet die Puppenanimation mit besonderen Haftelementen auf Glasscheiben, zur „Herstellung von ganz neuartigen Puppen-Trickfilmen.“ Es gestattet, „den Puppentrickfilm in jeder nur erdenklichen Einstellungsmöglichkeit und einer unbegrenzten Zahl von Bewegungsabschnitts-Kombinationen aufzunehmen“.

Das „Verfahren zur Herstellung kinematographischer Trickfilme“ wird ab 24. Dezember 1932 patentiert.

Publikation

„Verfahren zur Herstellung kinematographischer Trickfilme“ in der Datenbank des Deutschen Patentamtes: http://depatisnet.dpma.de

 

7. September 1931. Zensurfreigabe für Heggy-Peggy, ein neuartiges Puppenspiel

Karl Radlmesser, etwa 1928 in Berlin. Radlmesser, Jude, emigrierte nach Südamerika und verstarb dort Ende der 1930er Jahre. ©DIAF/Nachlass Rudi Klemm

Karl Radlmesser, etwa 1928 in Berlin. Radlmesser, Jude, emigrierte nach Südamerika und verstarb dort Ende der 1930er Jahre. ©DIAF/Nachlass Rudi Klemm

Ein Puppentrickfilm von Karl Radlmesser und der Werbekunst Epoche mit einer kleinen Zirkushandlung wird viel belacht.

Im Vorprogramm des Berliner Titania-Palasts läuft „eine Originalarbeit von Karl Radlmesser, der seit drei Jahren hier in Deutschland an schwierigen Trickfilm-Problemen arbeitet. In diesem Heggy-Peggy noch nicht größte Klasse, aber doch vielversprechend, namentlich durch die Einzelheiten der Kücken-Girls, deren drollige Arabesken auffallen. Diese derbere Puppenspielart hat nichts mit Starewitsch’ feiner Kunst zu tun, doch scheint sie recht im Volkstümlichen verwurzelt und fördernswert.“
(Film-Kurier, Nr. 210, 8.9.1931)

Über die von Radlmesser benutzte Tricktechnik ist nichts bekannt.

Publikation

Neuartiges Puppenspiel. In: LichtBildBühne, Nr. 218, 11.9.1931

 

15. Oktober 1931. Georg Pal gründet eigenes Studio

Nach nur einem Jahr verlässt Georg Pal die Ufa und gründet mit dem Kaufmann Paul Wittke junior in Berlin die Trickfilm Studio GmbH in der Nürnberger Straße, oberhalb des Femina-Palastes, die sich laut Anzeige auf „zeichenfilme, modellfilme und abstraktfilme“ spezialisiert (Die Reklame, 2. Septemberheft 1932, S. VII). Dort sollen, in vier Arbeitsgruppen, zweidimensionale Habakuk-Filme und dreidimensionale Modellanimation produziert werden. Habakuk wird begonnen, aber nicht beendet.

Georg Pal trennt sich 1932 wieder von seinem Partner Wittke.

Publikationen

Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998, S. 88, 99

Ralf Forster: Ufa und Nordmark. Zwei Firmengeschichten und der deutsche Werbefilm 1919–1945. Trier 2005, S. 154 f.

 

1. Dezember 1931. Zensurfreigabe für Zwischpaduri der Strolch

Mit Zwischpaduri der Strolch wechselt Ferdinand Diehl die Technik: vom Silhouetten- zum Puppentrickfilm.

 

1932. Filmarbeiten von Hans Fischerkoesen

Für den Ufa-Kulturfilm über das Bäckergewerbe Getrennt marschieren, vereint schlagen! von Arthur Bergen (Zensurfreigabe 14. Januar 1932) fertigt Hans Fischerkoesen die Zeichentrickeinlagen. Der Streifen gilt als nicht überliefert.

Im Auftrag der Ufa-Werbefilm produziert er Sonne ins Haus! (Werbung für Sonne-Briketts des Mitteldeutschen Braunkohlen-Syndikats) und Wettkampf der Sender (Zensurfreigabe 24. August 1932). Für Ufa-Kaskeline kreiert Fischerkoesen Die Krönung (Werbung für Muratti-Zigaretten).

 

1932. Werbetrickfilme von Wolfgang Kaskeline

Für die Ufa produziert Wolfgang Kaskeline 1932:

Alle Filme gelten als nicht überliefert.

 

19. Oktober 1932. Uraufführung des Programms „Tönende Handschrift“

In München wird das Programm „Tönende Handschrift“ uraufgeführt, einen Tag später läuft es im Marmorhaus in Berlin. Neben dem Dokumentarfilm Tönende Handschrift, das Wunder des gezeichneten Tones, in dem Rudolf Pfenninger sein Verfahren vorstellt, werden die Kurzfilme mit gezeichneten Tönen Pitsch und Patsch und Kleine Rebellion gezeigt. Zusätzlich laufen im Programm die Diehlschen Puppentrickfilme Barcarole mit der Musik von Jacques Offenbach und Serenade. Alle Arbeiten beruhen auf der „Tönenden Handschrift“ von Rudolf Pfenninger. Dieser hat in München mit gezeichneten Tönen experimentiert. Die Muster der Zackenschrift des Lichttonfilms werden auf lange Papierrollen gemalt und später auf die Tonspur übertragen. So entstehen synthetische Klänge.

Zur gleichen Zeit führen auch Oskar Fischinger, László Moholy-Nagy und der Russe Arsenij Avraamov Versuche mit gezeichnetem Ton durch. Der etwa dreiminütige Film von László Moholy-Nagy A.B.C. in Sound (1933) ist verschollen. Ausschnitte aus Fischingers Arbeiten werden erst 1972 unter dem Titel Ornament Sound Experiments (Experimente mit synthetischem Ton) veröffentlicht.

Publikationen

Nikolai Izvolov: The History of Drawn Sound in Soviet Russia. In: Animation Journal, Vol. 6, Nr. 2, Spring 1998, S. 54 f.

Jeanpaul Goergen: Das Wunder des gezeichneten Tons. Die „tönende Handschrift“ von Rudolf Pfenninger (D 1932). In: Filmblatt, Nr. 9, Winter 1998/99, S. 15–17

Thomas Levin: „Töne aus dem Nichts“: Rudolf Pfenninger und die Archäologie des synthetischen Tons. In: Friedrich Kittler, Thomas Macho, Sigrid Weigel (Hg.): Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kultur- und Mediengeschichte der Stimme. Berlin 2002, S. 313–355; auf Englisch als: Tones from Out of Nowhere: Rudolf Pfenninger and the Archaeology of Synthetic Sound. In: Grey Room 12 (Fall 2003): 32–79

William Moritz: Optical Poetry. The Life and Work of Oskar Fischinger. Bloomington and Indianapolis 2004

Jeanpaul Goergen: Lichtspiel und soziale Reportage. László Moholy-Nagy: Filme, Projekte, Vorschläge 1921–1934, in: László Moholy-Nagy. Kunst des Lichts, Madrid 2010, S. 247

www.centerforvisualmusic.org

 

23. Januar 1932. Premiere von L’Idée

Private Vorführung des 25-minütigen animierten Experimentalfilms L’Idée in Paris. Unter den Gästen sind Stefan Zweig, Klaus Mann und Henry van de Velde. Rudi Klemm ist mit dem Schöpfer des Films, Berthold Bartosch, nach Paris gegangen, wo der Film in Zusammenarbeit mit Frans Masereel und dem Komponisten Arthur Honegger entsteht. Klemm wirkt an den Animationen mit.

Publikation

Hans Emons: Film – Musik – Moderne. Zur Geschichte einer wechselhaften Beziehung. Berlin 2014

 

28. Februar 1932. Puppenfilm von Alexander Gumitsch

Der Kinematograph berichtet über einen Puppenfilm des Bildhauers Alexander Gumitsch, einem Schüler von Ignatz Taschner: Spuk im Äther. Offenbar arbeitet Gumitsch in einer Art Knetetechnik.
(Der Kinematograph, 28.2.1932)

 

16. März 1932. Start der Wupp-Serie der Gebrüder Diehl

Ferdinand Diehl versucht, auf dem Gebiet des Puppentrickfilms mit der „Grotesk-Figur“ Wupp einen neuen Beiprogramm-Star zu schaffen. Insgesamt entstehen sieben Episoden. Die beiden ersten, bereits 1931 von der Leo-Film AG, München, produzierten Titel Wupp als Hochtourist und Wupp verbessert den Weltrekord erhalten am 16. März 1932 von der Münchner Film-Prüfstelle ihre Zulassung. Im gleichen Jahr absolvieren noch vier weitere Episoden der Wupp-Reihe die Münchner Prüfprozedur: Noch von Ferdinand Diehl gedreht wird Kohlweißlings Töchter (Zensurfreigabe 25. April 1932), während Wupp spielt Schach (Zensurfreigabe 25. April 1932) und Wupp lernt Gruseln (Zensurfreigabe 25. August 1932) von Bruder Hermann in Szene gesetzt wird.

Die Filme mit Wupp werden der erste ökonomische Erfolg der Gebrüder Diehl. Im darauffolgenden Jahr entstehen noch Wupp filmt in Afrika und Nautilus (Nautilus Wupp fährt zum Nordpol). Weiterhin dreht Ferdinand Diehl 1933 den Kurzfilm Wiener Walzer. Bei all diesen Titeln wechseln die Diehls von hölzernen Puppengestellen zu Gelenkarmaturen aus Messing. Die Puppenköpfe gestaltet Diehls Bruder Hermann.

Publikation

Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995

 

12. April 1932. Zensurfreigabe für den Werbefilm Ein Gang durch die moderne Oberst-Fabrik von Georg Pal

Das Hauptaugenmerk Georg Pals gilt seinen dreidimensionalen Zigaretten-Werbefilmen für die Marke „Oberst“, die durch Vermittlung der Levante-Film GmbH Köln zustande kommen, zunächst Ein Gang durch die moderne Oberst-Fabrik. Auch Pals Kameramann, H[ugo] O[tto] Schulze, hat vorher für die Ufa gearbeitet. 1984, im Gespräch mit Rolf Giesen, hat er sich an die Arbeit erinnert:

„Dieser Film sollte jedoch nicht im üblichen Zeichentrick hergestellt werden, sondern in einer neuen Art von Modelltrick. Es sollte sich ein Tabakblatt zusammenrollen, in eine Art Papierhülse hineinrutschen, aufstehen, Kopf und Füße bekommen und oben am Kopf den typischen Helm. Dann sollten sich die 20 Zigaretten einer Schachtel zu einer Kompanie formieren mit einem ‚Oberst’ vorneweg, und diese Kompanie sollte durch eine futuristische Landschaft marschieren. Die futuristische Landschaft entstand aus Zigarettenkartons, und zwischen den Kartons verlief eine Art Broadway, über den die Zigaretten die ganze Länge des Studios marschierten, so etwa acht bis neun Meter lang. Die Zigaretten waren auf Hartfaserplatten montiert, die nach meiner Schätzung etwa ungefähr 40 Zentimeter [breit] und 1,20 Meter lang waren. Dabei wurden die Schrittphasen haargenau nach den Erfahrungen des Zeichentricks auf das Modell übertragen, d. h. für fast jede Schrittphase hatten wir eine eigene Platte mit aufmontierten Zigaretten, 16–18 Bretter voll. In die richtige Position gelegt wurden die Platten mithilfe von Anlageschienen, und wenn ein Marschtritt, 25 [24] Filmbilder, durchanimiert war, wurden die Bretter wieder von vorne gelegt, jedoch eine entsprechende Position weiter. Nachdem dieses Prinzip geklärt war, dachten wir, dass es ja langweilig wäre, wenn die Kamera während der Aufnahme stehen bliebe. Da habe ich gesagt: Das machen wir ganz anders. Ich hänge die Kamera an einem längs verlaufenden Laufkatzensystem auf und darüber noch eine zweite, quer verlaufende Laufkatze, so dass wir vorwärts und zurück sowie nach rechts und links fahren können. Auf diese Weise konnten wir der Zigarettenkompanie vorausfahren oder sie verfolgen. Und da ich obendrauf noch einen Kranz für die Kamera setzte, konnten wir auch schwenken. Die Konstruktion ging über das ganze Studio, also etwa sechs bis sieben Meter Breite und acht bis neun Meter Länge. Und dann waren wir noch ganz kühn und entschlossen uns, an die Objekte ranzufahren, wie man es beim Spielfilm gewohnt war. Zu diesem Zweck haben wir einen teleskopartigen Fahrstuhl gebaut und so die erste dreidimensionale Trickkamera realisiert.“

Der Film besteht aus Modellanimation (Stop-Motion bzw. Stop-Motion-Replacement), 2D-Animation und dokumentarischen Aufnahmen aus der Oberst-Zigarettenfabrik (teilweise Zeitraffer und Zeitlupe): Ein humanoides Tabakblatt, mit Mundphasen aus Knete und Drahtbeinen, führt in den Film ein und erklärt den Prozess der Zigarettenherstellung. Man sieht, wie die Figur einen Schluck aus einer Milchflasche nimmt, um gleich darauf zu erklären, dass sie keines Getränkes bedarf, sondern Feuchtigkeit aus der Luft nimmt, um schön geschmeidig zu sein. Wir sehen Frauen, die Tabakblätter sortieren, die dann maschinell geschnitten werden. In 2D-Animation kehrt das erklärende Tabakblatt sozusagen „aus dem Jenseits“ zurück und wird in eine Hülse aus Zigarettenpapier gestopft: „1000 Zigaretten in einer Minute!“ Wieder dreidimensional, bekommt die Zigarette Arme und Beine aus Draht, Hände und Füße aus kleinen Holzklötzchen oder Lehmklumpen. Ein Papierhütchen soll sie als Oberst ausweisen, der eine Kompanie aus anderen humanoiden Zigaretten mit Goldfilter befehligt: „Achtung, stillgestanden! Augen geradeaus! Abzählen!“ Nachdem abgezählt ist, formieren sich die Zigaretten-Soldaten in drei Kolonnen, zwei zu sechs, die dritte zu zwei Zigaretten, hinter dem „Oberst“ und marschieren (in Replacement-Animation) zu den Klängen des Bayerischen Defiliermarsches und Preußens Gloria, wobei die Kamera ihnen seitlich folgt bzw. sie auch frontal aufnimmt. Schließlich befiehlt der „Oberst“ die Marschkolonne und sich selbst in bereitstehende Zigarettenschachteln.

 

1. Mai 1932. Uraufführung des Silhouettenfilms Harlekin von Lotte Reiniger

Die Uraufführung des Lotte-Reiniger-Films Harlekin findet im U.T. am Kurfürstendamm in Berlin statt.

 

16. Juni 1932. „Die Zukunft der Micky-Maus“ von Bernd Diebold

Der Kunstkritiker und Avantgarde-Anhänger Bernd Diebold trägt den Text in einer Radiosendung in Frankfurt am Main vor.

Wirkliche Kunst im Kino führe – so Diebold – über die Animation, „weil die Animation vollkommene Bildgestaltung, ‚lebende Gemälde‘, ‚Musographie‘, ‚Augen-Musik‘, ‚optische Dichtung‘ und ‚Ornament-Tanz‘ ermögliche, wofür die populäre Disney-Figur ebenso Wegbereiter sei wie die absoluten Filme [Oskar] Fischingers.“

Publikation

William Moritz: Oskar Fischinger. In: Optische Poesie. Oskar Fischinger. Leben und Werk. Frankfurt 1993, S. 31

 

20. Dezember 1932. Uraufführung des Spielfilms Das Blaue vom Himmel

Der Aafa-Film Das Blaue vom Himmel von Viktor Janson eröffnet mit der Titelgrafik von Oskar Fischinger.

 

1933. Werbetrickfilme von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen produziert im Auftrag der Ufa die Filme Schall und Rauch (Zensurfreigabe 1. Februar 1933, Werbung für Ariston-Zigaretten) und Wohnung zu vermieten (Zensurfreigabe 25. März 1933, Werbung für Perwachs-Bohnerwachs). Der letztgenannte Titel gilt als verschollen.

 

1933. Werbetrickfilme von Wolfgang Kaskeline

Für die Ufa-Werbefilm gestaltet Wolfgang Kaskeline Für Sie! (Werbung für das Stoffhaus Michels), Palmenzauber (Zensurfreigabe am 31. März 1933, Uraufführung am 3. Februar 1934 im Berliner Gloria-Palast, Werbung für Palmin-Pflanzenmargarine), Die Schönste von Allen (Zensurfreigabe 11. Mai 1933, Sachtrick für Zigaretten Haus Bergmann) und Zwei Farben (Zensurfreigabe 28. April 1933, Werbung für Muratti Ariston Goldzigaretten).

Hervorzuheben ist die Zigarettenwerbung Zwei Farben, ein „Muratti-Trickfilm, der sich auf die Elemente der konstruktivistischen Kunst bzw. auf den Orphismus stützte und aus einer außergewöhnlich rasanten optischen Symphonie mit sich verschiebenden diagonalen Flächen, wirbelnden Ringen oder atomisierten, pulsierend tanzenden Sternen bestand.“
(Márton Orosz: The Hidden Network of the Avant-Garde: der farbige Werbefilm als eine zentraleuropäische Erfindung? In: Regarding the Popular: Modernism, The Avant-Garde and High and Low Culture. Berlin/Boston 2012, S. 354)

 

1933. Werbetrickfilme von Ewald (Egon) von Tresckow

Ewald (Egon) von Tresckow, ein Protegé von Paul Simmel, ist zusammen mit Friedrich W. Wintzer bei der Ufa vertreten mit Parole!, einem Werbefilm für Melder’s Kaffee. Der Film gilt als verschollen.

Im gleichen Jahr kreiert er gemeinsam mit Bernhard Huth die Gasanschluss-Werbung Die Flamme.

 

1933. Georg Pal verlässt Deutschland

Ende 1932 fertigt Georg Pal die weltweit ersten Werbefilme, in denen dreidimensional animierte „Muratti“-Zigaretten auftreten („Zigarettenballett“): Als Hokuspokus (Zensurfreigabe 24. März 1933) und Mitternacht anlaufen (beide Filme sind nicht überliefert), hat Pal Deutschland schon verlassen. Nach einem kurzen Intermezzo in Prag arbeitet er ab 1934 im niederländischen Eindhoven, wo für Philips seine innovativen Puppenanimationsfilme (Replacement-Animationen) in Gasparcolor entstehen; Der Zauberatlas (1935) und Vier Asse (Zensurfreigabe 13. November 1936) werden von der Ufa auch in den deutschen Kinos gezeigt.

1939 emigriert Georg Pal weiter in die USA, wo in Hollywood die Puppetoons für Paramount Pictures sowie Science-Fiction- und Fantasy-Filme entstehen.

Publikationen

Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998, S. 88, 99

Ralf Forster: Ufa und Nordmark. Zwei Firmengeschichten und der deutsche Werbefilm 1919–1945. Trier 2005, S. 154 f.

Ole Schepp, Fred Kamphuis: George Pal in Holland 1934–1939. Den Haag 1983

 

1933. Puppenanimationen von Alexander von Gontscharoff-Mussalewsky

Alexander von Gontscharoff-Mussalewsky animiert zwei Jim und Plim-Puppenfilme mit Hilfe, ein Löwe (Zensurfreigabe 31. Januar 1933) und Serenade.

 

1933. Priembacke-Filme erscheinen auf dem Heimfilm-Markt

16-mm-Heimkino-Kopie auf Ozaphan von Priembacke in Afrika, vermutlich aus den 1930er oder 40er Jahren, ©DIAF/Tanja Tröger

16-mm-Filmkopie von Priembacke in Afrika auf Ozaphan, Firma Kalle. Das neue, sehr dünne Sicherheits-Filmmaterial war vor allem fürs Heimkino gedacht. ©DIAF/Tanja Tröger

Der 16mm-Ozaphan-Filmvertrieb von KALLE übernimmt Svend Noldans Priembacke in Afrika, Priembacke und der Klabautermann und Priembacke und der Sägefisch für den Heimfilm-Markt.

 

1933. Werbefilme des Trickfilm-Ateliers Otto Waechter

Das Publikum geht mit – und beobachtet heißt ein Werbefilm des Trickfilm-Ateliers Otto Waechter für das Kaufhaus H. Joseph & Co., Berlin-Neukölln. Ein anderer Beitrag des Ateliers ist der Spot Der Umzug, eine Werbung für Möbeltransporte. Beide Titel gelten als verschollen.

 

30. Januar 1933. Machtantritt der NSDAP

 

16. März 1933. Uraufführung von Georg Wilhelm Pabsts Don Quichotte

Die Uraufführung von Georg Wilhelm Pabsts Don Quichotte findet im Metropol in Brüssel statt. Die Anfangssequenz hat Lotte Reiniger animiert.

 

24. März 1933. Paul Simmel stirbt

Paul Simmel, Anfang 1930er Jahre, Quelle: Neues Paul Simmel-Album, Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Paul Simmel, Anfang 1930er Jahre, Quelle: Neues Paul Simmel-Album, Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Selbstmord des unheilbar kranken Zeichners und Malers Paul Simmel, dessen Zeichenfilme bei der Ufa liefen: Sein Vermögen vermacht der Künstler den Kriegsblinden.

 

28. Juli 1933. Zensurfreigabe für Sissi von Lotte Reiniger

Die deutsch-österreichische Koproduktion Sissi von Lotte Reiniger passiert die deutsche Zensur. Der Film gilt als verschollen.

 

17. August 1933. Zensurfreigabe für Falsche Sparsamkeit von Svend Noldan

Das Atelier Svend Noldan stellt einen Werbefilm für Kali-Dünger her: Falsche Sparsamkeit, der aber als nicht überliefert gilt.

 

13. Oktober 1933. Ankauf von Filmen aus dem Disney-Studio

Der Ufa-Vorstand beschließt den Ankauf von je fünf Mickey-Mouse- und Silly-Symphony-Cartoons vom amerikanischen Verleih United Artists Corporation.

Publikation

Protokoll der Ufa-Vorstandssitzung, zit. nach: Jörg-Peter Storm, Mario Dreßler: Im Reiche der Micky Maus (Dokumentation zur Ausstellung – Walt Disney in Deutschland 1927–1945 – im Filmmuseum Potsdam). Berlin 1991, S. 68

 

25. Oktober 1933. Präsentation des Gasparcolor-Farbverfahrens

Der ungarische Chemiker Dr. Béla Gaspar (1898–1973) entwickelt das nach ihm benannte Farbverfahren Gasparcolor, das fast ausschließlich im Animationsfilm Verwendung findet.

Auf der 118. Sitzung der Deutschen Kinotechnischen Gesellschaft am 25. Oktober 1933 stellt der Erfinder sein Verfahren vor. „Nach einigen theoretischen Erwägungen schloss der Vortragende unter Beifall seine Ausführungen und zeigte einen nach seinem Verfahren hergestellten Farbenfilm, der, besonders die Aufnahmen von Fischinger, bei offener Szene mit großem Beifall aufgenommen wurde.“
(LichtBildBühne, 27.10.1933, Filmtechnisches Beiblatt)

Einer der ersten öffentlich aufgeführten Gasparcolor-Filme ist 1934 der zweiminütige abstrakte Werbefilm Alle Kreise erfaßt Tolirag für die Berliner Werbefirma Tolirag.

In Deutschland arbeiten neben Oskar Fischinger vor allem Hans Fischerkoesen und Wolfgang Kaskeline mit diesem Verfahren, das sich durch eine prägnante Farbsättigung und eine große Farbstabilität auszeichnet. In den Niederlanden sind es George Pal, in Großbritannien Len Lye und in Frankreich Claire Parker und Alexander (Alexandre) Alexeïeff.

Publikationen

Gert Koshofer: Color. Die Farben des Films. Berlin 1988, S. 49–52

William Moritz: Gasparcolor: Perfect Hues for Animation. In: Animation Journal, Vol. 5, Nr. 1, Fall 1996, S. 52–57

William Moritz: Optical Poetry. The Life and Work of Oskar Fischinger. Bloomington and Indianapolis 2004

VHS: Oskar Fischinger – volume 1 (RE:VOIR), Paris 1998

DVD: Oskar Fischinger. Ten Films. Center for Visual Music, Los Angeles 2006

 

1. Dezember 1933. King Kong in Deutschland

Nach einer Auseinandersetzung mit der Filmzensur und einigen Schnitten läuft im Deutschen Reich die RKO-Produktion Die Fabel von King Kong – Ein amerikanischer Trick- und Sensationsfilm mit Stop-Motion-Animationen von Willis O’Brien im Europa Filmverleih. Besonders Hitler findet an der Hollywood-Produktion großen Gefallen, wie Ernst Hanfstaengl bezeugt: „Er redete oft davon und ließ sie sich mehrfach vorführen.“
(Ernst Hanfstaengel: Zwischen Braunem und Weißem Haus. Memoiren eines politischen Außenseiters. München 1970)

 

4. Dezember 1933. Zensurfreigabe für Das Nachtgespenst von Julius Pinschewer

Als Das Nachtgespenst von der Zensur freigegeben wird, hat auch der Werbefilm-Pionier Julius Pinschewer bereits das Land verlassen. Es ist seine vorerst letzte deutsche Produktion.

Publikation

Rolf Aurich: Pinschewer, Julius. In: www.deutsche-biographie.de

 

1934. Werbefilme von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen realisiert für die Ufa Sichtbare Gedanken (Zensurfreigabe 23. Februar 1934), einen Realfilm mit animierten Figuren, der für Constantin No. 23-Zigaretten wirbt. Der Wegweiser (Zensurfreigabe 6. Oktober 1934, Werbung für C & A), ebenfalls für die Ufa entstanden, gilt als verschollen.

 

1934. Filme der Gebrüder Diehl

Die Gebrüder Diehl bringen 1934 heraus (alle von Bruder Ferdinand): Miniatur-Kabarett (auch Puppen-Kabarett, Uraufführung 25. April 1934 in Berlin), Sträfling Nr. 3 (Zensurfreigabe 20. Juli 1934), Nachtasyl (Zensurfreigabe 1. Oktober 1934) sowie Ski Heil (Zensurfreigabe 19. Dezember 1934).

 

1934. Dr. Werner Kruse mit eigenem Atelier

Dr. Werner Kruse eröffnet ein Zeichenfilm-Atelier in Berlin und unterschreibt einen Vertrag mit der Tolirag über die Herstellung von Werbefilmen. Kruse wirbt für Faber-Castell, Nürnberg, mit dem Tolirag-Spot Bleistiftstudie.

Publikation

Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998

 

1934. Gasparcolor-Erfinder verlässt Deutschland

Dr. Béla Gaspar kehrt Deutschland den Rücken. Er arbeitet zuerst in London, später in Hollywood. Seine Patente werden in Deutschland von Agfa „arisiert“.

 

1934. Filme der Tolirag

Oskar Fischinger animiert zwei ungemein populäre Werbefilme in Gasparcolor für die Tolirag: Muratti greift ein (Uraufführung 1. April 1934) und Alle Kreise erfasst Tolirag (Kreise, Uraufführung 15. August 1934). Ein weiterer Tolirag-Werbefilm von Fischinger wirbt für eine andere Zigarettenmarke: B 3, ein nicht namentlich gezeichneter Tolirag-Spot für das Fahrrad „Phänomen“: Hans im Glück, der als verschollen gilt.

„Die Agentur Tolirag (Ton- und Lichtbildreklame Ag.) – damals eine der offensten und progressivsten Reklamefilmherstellerinnen – vertrat den Standpunkt, dass die Farbe eine von zehn filmischen Eigenschaften darstellte, die die lebendigste Werbewirkung erzielten. Oskar Fischinger (zu dieser Zeit einer der Angestellten der Tolirag) war praktisch der erste Künstler, der ‚die Eigengesetzlichkeit der Farbe im Film verstanden hatte und von dem Rausch der Farben ergriffen war‘.“
(Márton Orosz: The Hidden Network of the Avant-Garde: der farbige Werbefilm als eine zentraleuropäische Erfindung? In: Regarding the Popular: Modernism. The Avant-Garde and High and Low Culture. Berlin/Boston 2012, S. 348)

 

1934. Werbefilme von Wolfgang Kaskeline

Wolfgang Kaskeline produziert 1934 für die Ufa: Märchen vom Orient (Werbung für Gebrüder Schoeller, Düren – Anker Teppiche), Schaumwein bringt Frohsinn (Werbung für Schaumwein-Industrie), Der Schwarzwald (Zensurfreigabe 9. März 1934, Werbung für SABA-Radios). Der Titel Der Schwarzwald gilt als verschollen.

 

1934. Spots von Ewald (Egon) von Tresckow und Bernhard Huth

Das Gespann Ewald (Egon) von Tresckow und Bernhard Huth animiert die Ufa-Spots Das Lied von der Mühle (Werbung für BP Olex Motorenöl) sowie Onkel Theodor amüsiert sich (Zensurfreigabe 13. Januar 1934, Werbung für Kempinski Haus Vaterland).

 

5. Januar 1934. Bilder aus den Stickstoffwerken der I. G. Farben-Industrie A.G.

Den Industriefilm mit Zeichentrickpassagen Bilder aus den Stickstoffwerken der I. G. Farben-Industrie A.G. stellt das Atelier Svend Noldan in Berlin her. Er gilt als verschollen.

 

14. Januar 1934. Uraufführung von Svend Noldans Was ist die Welt?

Uraufführung im Berliner Ufa-Palast am Zoo: Svend Noldan unternimmt in Was ist die Welt? eine Reise in das Reich der Naturwissenschaften, die er in fünfjähriger Arbeit zusammen mit Fritz Brunsch gestaltet hat. Die Premiere findet unter der Schirmherrschaft des Reichsverbands Deutsche Bühne statt; der Film selbst wird von der Filmabteilung der Reichspropagandaleitung der NSDAP vertrieben. Der Film erringt auf der Weltausstellung 1937 in Paris einen Grand Prix.

 

14. Februar 1934. Zensurfreigabe für Der Mensch fliegt. Träume und Wirklichkeit

Der Kulturfilm Der Mensch fliegt. Träume und Wirklichkeit der Albert Roever Film GmbH mischt Animation und Realfilm.

 

7. März 1934. Uraufführung des Spielfilms Annette im Paradies

Die deutsch-tschechoslowakische Koproduktion Annette im Paradies erscheint mit Titeln von Oskar Fischinger.

 

16. März 1934. Uraufführung von Das rollende Rad. Ein Film von Wagen und Straßen

Uraufführung von Das rollende Rad. Ein Film von Wagen und Straßen im Berliner Gloria-Palast: Lotte Reiniger hat den „volksbildenden“ Kurzfilm nach einer Idee von Egbert van Putten (aufgrund amtlichen Materials des Herrn Generalinspektors für das deutsche Straßenbauwesen) gedreht.

„Lotte Reiniger trägt diese technischen und geschichtlichen Dinge mit allem Charme und Schaureiz ihrer großen Scherenschnittkunst vor, umkleidet sie mit dem leichten Zauber dieser künstlerischen, unrealistischen Schwarz-Weiß-Gestaltung. Ein entzückendes Werkchen.“
(Film-Kurier, 19.3.1934. Zit. nach: DVD: Lotte Reiniger – Musik und Zaubereien. absolut Medien, Begleitheft, 2006/2007)

Publikation

DVD: Lotte Reiniger – Musik und Zaubereien. absolut Medien, 2006/2007

 

10. Juni 1934. Uraufführung von Carmen von Lotte Reiniger

Ein Carmen-Film mit Silhouetten, geschnitten und animiert von den kunstfertigen Fingern der Lotte Reiniger, läuft im Rahmen von Filmkunstwochen in Berlin (und im September in Venedig).

Publikation

DVD/BluRay: Lotte Reiniger: Die Abenteuer des Prinzen Achmed, mit Bonusfilm Das Geheimnis der Marquise in HD, Fridolfing (absolut Medien/arte Edition) 2018

 

Oktober 1934. Entwicklung von Tilo Voss

Die Ufa beauftragt den bekannten Illustrator und Comic-Zeichner Otto Waffenschmied (Otto Wawrzyckek, 1901–1971) mit der Entwicklung der Zeichenfilmfigur eines deutschen Elfen namens Tilo Voss. Unterstützt werden soll er von den Zeichnern Ewald (Egon) von Tresckow und Bernhard Huth. Das Projekt fällt schließlich durch.

Publikation

Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012, S. 10

 

24. Oktober 1934. Schnick und Schnorke

Im Auftrag der Volksfürsorge stellen Boehner-Film Dresden und Friedrich Wollangk den Werbefilm Schnick und Schnorke her.

 

20. November 1934. Uraufführung des Films Das gestohlene Herz von Lotte Reiniger

Das gestohlene Herz von Lotte Reiniger nach einer Fabel von Ernst Keienburg wird zum Tag der deutschen Volksmusik im Marmorhaus in Berlin uraufgeführt. Den Vertrieb hat die Reichsvereinigung deutscher Lichtspielstellen e. V. übernommen.

Publikation

DVD: Lotte Reiniger – Musik und Zaubereien. absolut Medien, 2006/2007

 

Dezember 1934. Bildergeschichten um „Vater und Sohn“

Die erste Folge der Bildergeschichten um „Vater und Sohn“ von e. o. plauen (Erich Ohser aus Plauen, 1903–1944) erscheint bei der „Berliner Illustrirten Zeitung“.

 

9. Dezember 1934. Walt-Disney-Filme feiern ihre Premiere in Deutschland

Im Verleih der Bayerischen Film GmbH läuft ein United-Artists-Programm: Die lustige Palette – Im Reiche der Micky Maus. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von vier Technicolor Silly Symphonies und zwei schwarzweißen Mickey Mouse-Kurzfilmen der Disney-Produktion: Der Rattenfänger von Hameln (The Pied Piper), Die Nacht vor dem Weihnachtsabend (The Night before Christmas), Die mechanische Micky Maus (Mickey’s Mechanical Man), Die drei kleinen Schweinchen (Three Little Pigs), Micky im Lande der Riesen (Giantland), Die Arche Noah (Father Noah’s Ark). Die Uraufführung findet im Marmorhaus in Berlin statt.

„Es war ein reizender Gedanke der Bayerischen, ein lustiges Weihnachtsprogramm aus den besten Walt-Disney-Filmen ihres Verleihs zusammenzustellen. Das Marmorhaus braucht auf Wochen hinaus keine Sorgen um das Repertoire zu haben, denn der Erfolg war überwältigend. Das Parkett widerhallte vom Jubel der Zustimmung, die allen Geschöpfen aus der Zeichenfeder Disneys zuteil wurde. Micky Maus und die übrigen Wesen der guten Laune Disneys geben sich ein Stelldichein auf der Leinwand. Die Filme sind der Gipfel der gezeichneten Groteske, sie sind nicht zu überbieten und nicht zu schlagen.“
(Kinematograph, 22. Dezember 1934)

 

1935. Werbefilme von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen in Leipzig ergänzt das Programm der Ufa-Werbefilm mit

Die letzten beiden Titel gelten als nicht überliefert.

 

1935. Werbefilme von Wolfgang Kaskeline

Als Ufa-Kaskeline-Filme erscheinen:

  • Alles (Werbung für die Volksstimme),
  • Feuer (Werbung für die Deutsche öffentlich-rechtliche Feuerversicherungsanstalt),
  • Quellen-Wunder (Zensurfreigabe 19. Februar 1935, Werbung für das Kur- und Heilbad Bad Nauheim),
  • Stoffmärchen (Werbung für C & A),
  • Zauber der Schönheit (Werbung für 4711 Kölnisch Wasser).

Die Titel Alles, Feuer und Stoffmärchen gelten als verschollen.

 

1935. Die letzten Filme von Lotte Reiniger in Deutschland

Im Jahre 1935 entstehen die vorerst letzten Filme von Lotte Reiniger in Deutschland: Kalif Storch (nach dem Märchen von Wilhelm Hauff), Der kleine Schornsteinfeger (Uraufführung 2. Juli 1935 im Berliner Capitol), Papageno (nach der Oper „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart, Uraufführung 11. August 1935 in der Kamera Unter den Linden in Berlin), Der Graf von Carabas (nach dem Märchen vom „Gestiefelten Kater“, Zensurfreigabe 15. November 1935), Galathea (zusätzlicher Titel: Das lebende Marmorbild, Zensurfreigabe 7. Dezember 1935, Uraufführung in London 8. März 1936).

„Ihr letzter Film Galathea ist am 14. Oktober [1935] fertiggestellt worden, im Ausland lief das kleine Werk schon mit gutem Erfolge an, in Berlin wurde es von keinem Verleiher angenommen. Ein Finanzkredit, den das Unternehmen mit der dazu eingerichteten Stelle besaß, wurde daraufhin hinsichtlich des 3. noch zu schaffenden Schattenrißfilms gelöst. Infolgedessen sah sich Lotte Reiniger gezwungen, ausländische Aufträge anzunehmen. […] Die Filmentwicklung vermerkte die Übernahme der Silhouette ins Filmische mit drei ehrenden Sternen. Und heute läßt man diese Kleinkunst, die allerdings kein filmisches Amüsierkabarett ist, – sang- und klanglos ausfallen?“
(Film-Kurier, Nr. 75, 28.3.1936)

Reiniger löst ihre Produktionsstätte in Berlin im November 1935 auf. Danach übersiedelt sie nach London.

Publikationen

DVD: Lotte Reiniger – Musik und Zaubereien. Berlin (absolut Medien) 2006/2007

DVD: Lotte Reiniger – Märchen und Fabeln. Berlin (absolut Medien) 2006/2007

 

1935. Werbefilm für Jenaer Glas Die Feuerprobe

Der Ufacolor-Zweifarben-Spot Die Feuerprobe für Schott & Gen Durax Jenaer Glas entsteht in Zusammenarbeit von Curt Schumann und László Moholy-Nagy.

 

1935. Produktionen von Werner Drees

Werner Drees produziert Reineke Fuchs und Der Zaubersee.

Publikation

Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012, S. 200 f.

 

1935. Werbefilme der Gebrüder Diehl

Die Gebrüder Diehl produzieren mit ihren Puppen Es war einmal … (Zensurfreigabe 18. Oktober 1935, Werbung für Körting-Radios), Ein guter Entschluß (Werbung für Kübler-Kleidung), Marco-Polo-Tee (Werbung für Franz Kathreiner), Wohin in München? (Werbung für Möbel-Plasch) und Bücher Ibscher.

 

1935. Die Reise nach dem Mond von Wladislaw Starewitsch

Wladislaw Starewitsch setzt besondere Hoffnungen auf deutsche Finanzierung, nachdem das Neue Deutsche Lichtspiel-Syndikat seinen Puppenfilm Die Reise nach dem Mond finanzieren will. Die Hoffnungen erfüllen sich nur zum Teil.

Publikation

Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012, S. 38

 

1935. Gebrüder Diehl für den Unterricht

Ferdinand Diehl unterschreibt einen langfristigen Vertrag mit der „Reichsstelle für den Unterrichtsfilm“ (RfdU), ab 1940 „Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht“ (RWU). Für diese Institution animiert er in den kommenden Jahren überwiegend Märchenfilme.

Publikation

Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995

 

1935. Dr. Werner Kruse verhaftet

Dr. Werner Kruse wird aufgrund einer Denunziation verhaftet, später im Rahmen einer Amnestie aus der Haft entlassen.
(Interview Rolf Giesen mit Alfred Thamm, 2. Juni 1997)

 

1935. Zusammenschluss von Werbekunst Epoche und Gasparcolor

Im Rahmen einer Strukturreform schließen sich die Firmen Werbekunst Epoche und Gasparcolor zusammen.

 

18. Januar 1935. Zensurfreigabe für Bonbon-Reklame Der treue Kamerad

Die Döring-Film-Werke werben für Vivil-Bonbons mit Der treue Kamerad.

Publikation

Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998

 

8. März 1935. Zensurfreigabe für Geschichten aus dem deutschen Wald

Friedrich Wollangk und Boehner Film Dresden werben für GEG-Streichhölzer mit Geschichten aus dem deutschen Wald.

 

24. März 1935. Vortrag von Lotte Reiniger in der Lessing-Hochschule Berlin

„Der gestrige Vortragsabend in der Lessing-Hochschule, der von Lotte Reiniger bestritten wurde, wurde einer der frischesten, lebendigsten, ja gediegensten Abende der Fachschaft […] Die Trickfilmkünstler – so Lotte Reiniger – stehen gegenüber der Kollektivarbeit am Spielfilm allein da, sie haben sich durch eigene Initiative durchringen müssen. Erst das Aufkommen des Tonfilms habe in stärkerem Maße das Interesse auf den Trickfilm gelenkt. Der Silhouettenfilm stellt eine besondere Form des Trickfilms dar, es ist ein reines Spiel mit der Umrißlinie. Es sind die uralten Formen des Schattenspiels, zu dem im Film eine Konstruktion erfunden wurde, die ermöglicht, daß sich die Figuren ohne Mechanismus bewegen.“
(bi: Lotte Reiniger sprach über ihre Arbeit. In: Film-Kurier, Nr. 68, 25.3.1935)

 

18. April 1935. Zensur von Diehls Die Macht der Liebe

Dem Streifen wird in der ersten Prüfung am 29. März 1935 das Prädikat „künstlerisch wertvoll“ versagt. Nach einer Beschwerde der Gebrüder Diehl wird durch die Filmoberprüfstelle die Verweigerung des Prädikats bekräftigt, „weil der Film als Ganzes genommen dieses Prädikat mit Rücksicht auf die Plattheit der Dialoge und die Witzlosigkeit der Darstellung nicht verdiene. [….] Inhaltlich erschöpft sich der Film in einem besoffenen Bierulk.“
(Protokoll der Oberprüfstelle Berlin vom 18.4.1935. In: filmportal.de)

Am 22. Juni 1936 wird eine Schmalfilmfassung freigegeben.

 

3. Mai 1935. Uraufführung des Fischinger-Films Komposition in Blau

In einer Sondervorführung in Berlin wird Oskar Fischingers werbefreier Animationsfilm Komposition in Blau (Lichtkonzert Nr. 1) vorgestellt. Am 5. Juni 1935 startet er im Berliner Kino Capitol.

„Man möchte wünschen, daß dieses Werk, dessen farbenbunte künstlerische und erfreuliche Eigenart so stark die Persönlichkeit seines Schöpfers ausstrahlt, sobald als möglich gezeigt wird, – auch das Ausland, das schon immer lebhaftes Interesse für Fischingers Studien an den Tag legte, wird dieser fröhlichen Arbeit, hinter der doch die echte deutsche Grübelei wohnt, sicher wieder Beifall spenden. Uns bleibt die schöne Pflicht, immer wieder auf solche neuen Dinge aufmerksam zu machen, sie müssen wachsen können und sollen aufs stärkste gefördert werden.“
(Schu. [Hans Schuhmacher]: Der neue Fischinger. Komposition in Blau. Sondervorführung. In: Film-Kurier, Nr. 203, 4.5.1935)

Das Form- und Farbenspiel des experimentellen Animationsfilms orientiert sich an der Ouvertüre zu Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ von Otto Nicolai. Komposition in Blau, der auch als Lichtkonzert Nr. 1 bekannt ist, wird im Ausland als Werbefilm eingesetzt. In Norwegen preist er als Farvesymfoni i blått die Zigarettenmarke Medina von J. L. Tiedemann.

Publikationen

Gunnar Strom: Desider Gross and Gasparcolor, European Producers: Norwegian Products and Animated Commercials from the 1930s. In. Animation Journal, Vol. 6, Nr. 2, Spring 1998, S. 28–41

William Moritz: Optical Poetry. The Life and Work of Oskar Fischinger. Bloomington and Indianapolis 2004

VHS: Oskar Fischinger – volume 2 (RE:VOIR) Paris 2001

 

20. Mai 1935. Zensurfreigabe für den Kulturfilm Vom Deutschtum im Ausland

Wolfgang Kaskeline und Curt Schumann stellen animierte Teile für den Ufa-Kulturfilm Vom Deutschtum im Ausland her, ein Auftragsfilm des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland.

 

Juli 1935. Gründung der Hansa-Film-Produktion in Hamburg

Kurt Stordel gründet mit seinem Partner Schürmann die Hansa-Film-Produktion in Hamburg. Die Hansa soll nicht nur Kultur- und Werbefilme herstellen, sondern nach dem Disney-Vorbild der Silly Symphonies auch Zeichentrickfilme, denen der „reiche, deutsche Märchen- und Sagenschatz“ zugrundeliegen soll.

 

7. Juli 1935. Die Disneys besuchen Deutschland

Walt Disney, 1938, Quelle: Wikimedia Commons, World-Telegram-Foto von Alan Fisher, Lizenz: gemeinfrei

Walt Disney, 1938, Quelle: Wikimedia Commons, World-Telegram-Foto von Alan Fisher, Lizenz: gemeinfrei

Im Rahmen ihres Europa-Trips besuchen die Disney-Brüder Roy und Walt auch Deutschland. An diesem Sonntag treffen sie in München ein und steigen im Hotel Grand Continental ab. Gleich am nächsten Montag verhandeln sie mit leitenden Angestellten der Bayerischen Filmgesellschaft, der Nachfolgerin der in Konkurs gegangenen Südfilm A.-G., und besuchen eine Veranstaltung der Reichsfilmkammer. Walt sucht in Buchläden Referenzmaterial für den geplanten Snow-White-Film, den sie den Bayern ankündigen, die ihrerseits vorschlagen, dass die Disneys auch eine Silly Symphony in deutscher Sprache produzieren.
(Vgl. Didier Ghez: Disney’s Grand Tour: Walt and Roy’s European Vacation, Summer 1935. Theme Park Press 2014)

 

8. Dezember 1935. Gala der Gasparcolor-Gesellschaft

Die „eingedeutschte“ Gasparcolor-Gesellschaft veranstaltet im Berliner Nollendorfpalast eine Gala-Aufführung:

„Nachdem im November 1934 im Capitol und im Marmorhaus erstmals einem engeren Zuschauerkreis die Fischinger-Filme vorgeführt wurden, wurden jetzt 14 Werbefilme nach dem Farbverfahren abgespielt. Die in ihrem Wortlaut auf die NS-Propaganda abgestimmten Presseberichte über das Ereignis betonten, dass ‚das Gasparcolor Verfahren […] von Deutschen erfunden und ausgearbeitet’ sei, ‚Deutsche sich ständig um die Verbesserung des Verfahrens bemühten, aber seine Auswirkung ein völlig internationales Gesicht zeige’.“
(Márton Orosz: The Hidden Network of the Avant-Garde: der farbige Werbefilm als eine zentraleuropäische Erfindung? In: Regarding the Popular: Modernism, The Avant-Garde and High and Low Culture. Berlin/Boston 2012, S. 349)

Die populärsten Beiträge auf der Veranstaltung sind zwei in Eindhoven produzierte Philips-Werbefilme von Georg Pal: Das Ätherschiff (1934) und Der Zauberatlas (1935).

 

1936. Werbefilme von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen produziert für die Ufa Der Gesang des Kragenknopfes (Werbung für Mey-Einwegkragen aus Pappe) und Die Kälte wich (Werbung für Sommermode von Kaufhof).

 

1936. Werbefilme von Wolfgang Kaskeline

Als Ufa-Kaskeline-Spots erscheinen 1936:

  • Ach, hätte ich doch (Zensurfreigabe 3. April 1936, Werbung für Agfa-Kameras, Isochrom- und Isopan-Film),
  • Der blaue Punkt (Zensurfreigabe 3. September 1936, Werbung für Blaupunkt-Radiogeräte),
  • Der bunte Tag (Zensurfreigabe 28. April 1936, Werbung für Indathren),
  • Huiii! (Werbung für Kaiser’s Brustkaramellen),
  • Die Kette (Werbung für Aspirin),
  • Meine Herren, ein Film für Sie! (Werbung für Herrenmoden),
  • Sieg (Werbung für Bayer Panflavin-Pastillen).

Die letzten vier Filme gelten als nicht überliefert.

 

1936. Werbefilme von Curt Schumann

Von Curt Schumann wird für Ufa-Werbefilm fertiggestellt:

  • Eine feuchte Geschichte (Zensurfreigabe 16. Oktober 1936, Werbung für AEG Boiler),
  • Der gute Eindruck (Werbung für Lingel-Herrenschuhe).

Der zweite Titel gilt als verschollen.

 

1936. Werbefilme von Ewald (Egon) von Tresckow

Von Ewald (Egon) von Tresckow und Bernhard Huth erscheint: Fußball-Matsch (Werbung für Henkel-Persil). Von Tresckow wirkte auch mit am Mischfilm Neue Begriffe. Vom Schmieröl zum Schmierstoff (Zensurfreigabe 11. November 1936).

 

1936. Die 4 Frauen von Hansa-Film

Kurt Stordel animiert für die Hansa-Film in Hamburg den Werbetrickfilm Die 4 Frauen. Er gilt als verschollen.

 

1936. Paul N. Peroff für Ozaphan

Für das Ozaphan-Schmalfilm-Angebot von KALLE animiert Paul N. Peroff

 

1936. Alexandre Alexeïeff in Berlin

Der in Paris lebende russische Experimental- und Animationsfilmer Alexandre Alexeïeff wird von Gasparcolor nach Berlin eingeladen, wo er bis zum Frühjahr 1938 ein kleines Atelier unterhält. Hier produziert er die Titel Opta empfängt (Werbung für Opta-Radios) und Aroma, mehr Aroma (Werbung für Kaffee Franck). Der letztgenannte Film gilt als verschollen.

Publikation

Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012, S. 151

 

1936. Werbefilme der Brüder Diehl

Im Jahre 1936 erreichen die Gebrüder Diehl ihren höchsten Jahresausstoß an Werbefilmen, meist einminütige Spots:

  • Damenstoffe (Werbung für die Firma Werbehaus),
  • Die Erfahrung machts (Werbung für Adler Bürotechnik),
  • Es werde gemütlich (Innendekoration, Werbung für die Firma Werbehaus),
  • Eine Farbensinfonie (Werbung für die Firma Werbehaus),
  • Ihr Geheimnis (Werbung für Perutz-Film),
  • Lösin (Werbung für Reinigungsmittel),
  • Modehaus Stalf,
  • Müller und Söhne (Bäckereiwerbung),
  • Nur zwei Schaufenster (Werbung für Kabuco/Kaut-Bullinger & Co.),
  • Schönherr (Werbung für Schirme),
  • Die Wohnung (Werbung für Eisele).

Publikation

Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995

 

1936. Werbefilme der Tolirag

Die Tolirag wirbt 1936 mit den Streifen

  • Für Sie (für Cinzano-Vermouth),
  • Ja, da kann man nur staunen (für die Reichsbahn),
  • Jestern Abend im Kino (für die Wäscherei Spindler),
  • Kasperl und die Zauberdose (für Erdal-Schuhcreme),

Die Titel Für Sie, Jestern Abend im Kino sowie Kasperl und die Zauberdose gelten als verschollen.

 

1936. Werbefilme von Gasparcolor

Epoche-Gasparcolor wirbt für Minimax-Feuerlöscher: Eine brennende Frage und mit Puppenanimation von Rudi Klemm für Nivea: Die blaue Dose (Manuskript: Elly Heuss-Knapp, die als Erfinderin des Jingles als akustisches Warenzeichen eines Unternehmens gilt). Walter Born animiert auf Gasparcolor-Material Zauberei und Wirklichkeit (Zensurfreigabe 13. November 1936, Werbung für Stickstoffdünger). Der letztgenannte Titel gilt als nicht überliefert.

 

18. Januar 1936. Deutscher Märchenkranz startet

Kurt Stordels Trickkameramann Erwin Kramp, etwa 1938/39, ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Kurt Stordels Trickkameramann Erwin Kramp, etwa 1938/39, ©DIAF/Sammlung J. P. Storm

Der erste Beitrag des Deutschen Märchenkranzes aus der Hansa-Film-Produktion, Graf Habenichts nach der Fabel vom „Gestiefelten Kater“, passiert die Zensur und wird an die Tobis-Europa verkauft. Kurt Stordel und sein Trickkameramann Erwin Kramp stellen daraufhin zwei kurze Animationsfilme für den Deutschen Märchenkranz im Verleih von Tobis-Europa her: Die Bremer Stadtmusikanten und Dornröschen, das übrigens von einem Sandmann in den hundertjährigen Schlaf versetzt wird (Zensurfreigabe 13. November 1936).

 

21. Januar 1936. Zensurfreigabe für Kaufmann nicht Händler

Kaufmann nicht Händler von Ernst Kochel, ein Propagandafilm, den die Ufa für das Hauptamt für Handwerk und Handel der NSDAP herstellt, enthält Animationen von Bernhard Huth.

 

Februar 1936. Emigration von Oskar Fischinger

Ernst Lubitsch holt Oskar Fischinger in die USA, wo er kurze Zeit für Paramount Pictures und später auch, in einer unglücklichen Bindung, für Disney tätig sein wird.

Publikationen

William Moritz: Optical Poetry. The Life and Work of Oskar Fischinger. Bloomington and Indianapolis 2004

 

14. Mai 1936. Zensurfreigabe für Richard Groschopps Eine kleine Königstragödie

Logo und Adressen von Boehner-Film auf einer „Film-Uhr“ zur Bestimmung von Filmlängen, Bildanzahl und Gewicht, etwa 1930er Jahre, ©DIAF/Boehner Film

Logo und Adressen von Boehner-Film auf einer „Film-Uhr“ zur Bestimmung von Filmlängen, Bildanzahl und Gewicht, etwa 1930er Jahre, ©DIAF/Boehner Film

Fritz Boehner in Dresden beauftragt Richard Groschopp, dessen erfolgreichen 9,5mm- Stopptrick-Amateurfilm im 35mm-Profifilm-Format neu zu animieren und zu inszenieren. Eine kleine Königstragödie mit Schachfiguren als „Darsteller“ wird am 14. Mai 1936 von der Zensur freigegeben.

Groschopp wird damit selbst zum professionellen Filmemacher bis in die Zeit der DDR hinein und gleichzeitig Integrationsfigur in der ostdeutschen Amateurfilmbewegung.

 

27. Juli 1936 Zensurfreigabe für Unendlicher Weltenraum

Der Ufa-Kulturfilm Unendlicher Weltenraum von Dr. Martin Rikli enthält animierte Teile aus dem Trickatelier von Curt Schumann und Hans Neuberger.

 

28. August 1936. Zensurfreigabe für den Propagandafilm Musterbetrieb A.G.

Paul N. Peroff, Gert Binding und Curt Dahme stellen mit der Arbeit an Musterbetrieb A.G. ihre Dienste in Gasparcolor dem Amt „Schönheit der Arbeit“ der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zur Verfügung.

 

Dezember 1936. Trickfilmer organisationspflichtig

Die Reichsfilmkammer dehnt ihre Kontrolle auf die Hersteller von Animationsfilmen aus:

„Wie die Reichsfilmkammer mitteilt, ist festgestellt worden, daß auch die Herstellung von Trickfilmen zur organisationspflichtigen Tätigkeit im Sinne des § 4 der ersten Durchführungsverordnung zum Reichskulturkammergesetz vom 1.11.1933 (RGBl. I, S. 797) gehört. Es werden deshalb letztmalig alle diejenigen, die sich mit der Herstellung derartiger Zeichen- bzw. Trickfilme beschäftigen, aufgefordert, ihren Betrieb spätestens bis zum 10.12.1936 bei der Reichsfilmkammer, Berlin W 35, Bendlerstraße 33, anzumelden.“
(LichtBildBühne, Nr. 281, 1.12.1936)

 

22. Dezember 1936. Uraufführung Raum im kreisenden Licht

Raum im kreisenden Licht, ein Kurz-Dokumentarfilm von Dr. Carl Lamb, zeigt animierte Kamerafahrten des ehemaligen Pal-Kameramanns H. O. Schulze. Die Uraufführung findet im Berliner Tauentzien-Palast und in der Alhambra statt.

 

1937. Emil Guckes: „Der Tonfilm als Werbemittel in Deutschland“

Die in Innsbruck verteidigte Dissertation des Tolirag-Werbeleiters reflektiert den Werbeanimationsfilm in seiner ganzen Breite.

Neben der Darstellung der historischen Verflechtungen in der Werbefilmwirtschaft nimmt Emil Guckes eine Einteilung der „Herstellungsformen des Werbefilms“ vor und würdigt dabei die Leistungen der „Meister“ Hans Fischerkoesen, Wolfgang Kaskeline und insbesondere Oskar Fischinger:

„Der Werbefilm [hat sich] schon in frühester Zeit des Trickfilms bemächtigt und ihn in Deutschland auf eine ebensolche künstlerische und meisterliche Höhe gebracht, wie sie Walt Disney für seine Spezialfilme erreicht hat. Dabei waren es schon vor vielen Jahren zwei Künstler in Deutschland, die den Zeichentrickfilm in unendlicher Mühe und Arbeit, jeder auf seine eigene Art, entwickelt haben. Der Eine, Hans Fischer (als Hans Fischerkösen bekannt), liebt in seinen Zeichnungen den herzlichen und gewinnenden Humor und hat in der Erfindung reizender Gestalten und in der Fülle lustiger Einfälle kaum einen Ebenbürtigen in Deutschland; der Andere, Wolfgang Kaskeline, liebt die Darstellung des Abstrakten, Spielerischen, so dass auch er derjenige gewesen ist, der den Fischinger’schen Stil des absoluten Films am besten für den Werbefilm weiterentwickelt hat.“
(S. 48)

„Der Fischinger’sche absolute und abstrakte Werbefilm. Im Eingang des II. Abschnitts dieser Abhandlung hat die Arbeit des Trick-Künstlers Oskar Fischinger schon eine kurze Würdigung gefunden. Leider ist Fischinger inzwischen mit seinem künstlerischen Filmschaffen durch seine Ausreise nach Amerika sowohl dem Werbefilm, als auch der gesamten deutschen Filmwirtschaft verloren gegangen. Das Geheimnis dieses eigenwilligen Künstlers war eine fast vollkommene Musikalität, die ihn in den Stand setzte, jede Melodie und jedes schöpferische Musikwerk umzusetzen in die zeichnerische Bewegung. Er vermochte damit dem auch optisch Ausdruck zu geben, was jeder wirklich musikalische Mensch beim Hören guter Musik in seinem gleichsam inneren Auge empfindet. […]

Fischinger sah im Werbetonfilm seine Aufgabe darin, die zu propagierende Idee oder die Ware ganz abstrakt und losgelöst von allem Wirklichen, nur gebunden an den Rhythmus der Musik, zu präsentieren. Keine Sprache und keine Erklärung sollte dieses Spiel unterbrechen, um den Beschauer gänzlich auf den abstrakten Gegenstand oder die Werbeidee zu bannen. So entstand sein in ganz Deutschland berühmter farbiger Film für Muratti-Zigaretten [Muratti greift ein, 1934] und der farbige Eigenwerbefilm der Tolirag Kreise [Alle Kreise erfasst Tolirag, 1935]. […]

Nur Wenige in Deutschland beherrschen diese Art des Trickfilms, der neben dem rein zeichnerischen Können feinste Einfühlungsgabe in das Wesen des Werbeobjektes und vor allen Dingen eine musikalisch überdurchschnittliche Begabung voraussetzt. Die Kosten für einen solchen Werbetonfilm werden deshalb immer an der oberen Grenze der Herstellungskosten für Trickfilme, d. h. bei dem sogenannten „Meistertrick“ liegen.“
(S. 59–61)

Emil Guckes (1906–1951), ab 1940 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges alleiniger Geschäftsführer der Tolirag, fungiert von Mai bis September 1945 als Vorsteher des Ortsamtsbezirks Berlin, Wilmersdorf-Süd, 1946 als Leiter der Wirtschaftsstelle im Sektor der britischen Militärverwaltung in Berlin und wieder als Inhaber der Tolirag, die bis in die 1990er Jahre existiert.

Publikationen

Emil Guckes: Der Tonfilm als Werbemittel in Deutschland. Diss. Universität Innsbruck 1937

Günter Agde: Flimmernde Versprechen. Geschichte des deutschen Werbefilms im Kino seit 1897. Berlin 1998

Ralf Forster: Ufa und Nordmark. Zwei Firmengeschichten und der deutsche Werbefilm 1919–1945. Trier 2005

 

1937. Werbetrickfilme von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen realisiert 1937 bei der Ufa:

  • Aufregung in der Speisekammer (Werbung für Libbys Kondensmilch),
  • Hemden unter sich (Werbung für Mey-Kragen),
  • Spuk im Walde (gemeinsam mit E. von Tresckow, Werbung für Stary-Wojak-Likör).

Aufregung in der Speisekammer und Spuk im Walde gelten als verschollen.

 

1937. Werbetrickfilme von Curt Schumann

Curt Schumann wird unentbehrlich als Zeichner weniger anspruchsvoller Ufa-Werbefilme mit

  • Das Geld, das man im Topf vergräbt … (Sparkassen-Werbung),
  • Hauptrollen (Werbung für Teppich- und Gardinenhaus Tega, Berlin),
  • Das Herz auf dem rechten Fleck (Werbung für Immerglatt-Einlage, Knitterschutz für Stoffe),
  • Leistungs-Sonder-Wettbewerb (Werbung für Schuhgeschäft Böhmer),
  • Mäuse nagen alles an (Sparkassen-Werbung),
  • Ein vergnügter Abend (Werbung für Kempinski Haus Vaterland).

Die Filme Das Geld, das man im Topf vergräbt …, Hauptrollen, Leistungs-Sonder-Wettbewerb und Mäuse nagen alles an gelten als nicht überliefert.

 

1937. Werbetrickfilme von Ewald (Egon) von Tresckow und Bernhard Huth

Das Animations-Duo Ewald (Egon) von Tresckow und Bernhard Huth fertigt 1937 für die Ufa

  • Ablösung vor! (Werbung für modernes Haushaltsgerät vom Fachgeschäft Spirgatis in einer Mischung aus Zeichen- und Sachtrick),
  • Ja, ja, die liebe Sonne (Werbung für die Neophan-Brille der Auer-Gesellschaft),
  • Der Sache auf den Grund gegangen (Werbung für Roeper-Kaffee),
  • Sonnenzauber (Werbung für Cinzano).

Ja, ja, die liebe Sonne und Der Sache auf den Grund gegangen gelten als verschollen.

 

1937. Gerhard Huttula kehrt nach Deutschland zurück

Gerhard Huttula, Wolfgang Kaskelines früherer Trickkameramann und Truca-Spezialist, kehrt aus Buenos Aires, wo er für die argentinische Filmindustrie tätig gewesen ist, nach Berlin zurück. Kurt Waschneck, der technische Leiter der Afifa, macht ihn zum Mitarbeiter in der Babelsberger Rückpro- und Trick-Abteilung, wo er den durch Schlaganfall gehandikapten Guido Seeber ablösen soll.

Publikation

Rolf Giesen, Claudia Meglin: Künstliche Welten. Hamburg 2000, S. 82

 

1937. Diehls Filme geehrt

Ferdinand Diehls Puppenanimationsfilme Tischlein deck’ dich (RfdU) und Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen (RfdU) werden zur Weltausstellung in Paris 1937 mit Goldmedaillen ausgezeichnet.

 

1937. Piper für Döring

Bei den Döring-Film-Werken, die Johann Friedrich Döring 1934 von Hannover nach Berlin verlegt hat, ist ein Künstler, der unter dem Namen Piper zeichnet, zuständig für den Animationstrick:

Der Überfall gilt als verschollen.

 

1937. Werbefilm-Kaleidoskop

Die Gasparcolor Werbefilme G.m.b.H. realisiert Der Kaffeeonkel kommt für Kaffee von Pfeiffer und Diller, die Commerz-Film wirbt mit Küchensinfonie von Georg Woetz für Ata und produziert außerdem Und es beginnt ein neuer Tag.

Boehner-Film Fritz Boehner, Dresden, wirbt mit einem Spot von Friedrich Wollangk für die Schlesische Krankenversicherungsanstalt für Handwerk und Gewerbe, Breslau: Die getränkte Sparbüchse [Die gekränkte Sparbüchse].

Im Auftrag der Stoecker Film AG stellen die drei unabhängige Animatoren Heinz Tischmeyer, Ernst Joachim Schienke und Karl Sonntag Die süße Insel für Dr. August Oetker, Bielefeld, her.

Die Titel Der Kaffeeonkel kommt und Küchensinfonie gelten als verschollen.

 

Januar 1937. Erste deutschsprachige „Micky Maus-Zeitung“

Im Micky Maus-Verlag Bollmann Zürich erscheint eine deutschsprachige „Micky Maus-Zeitung“:

„Die erste ‚Die Micky Maus Zeitungʻ wurde als Kopie der englischen Version ‚Mickey Mouseʻ, Heftnummer 31 (vom 5.September 1936) ab Januar 1937 vom Bollmann-Verlag, Zürich/Schweiz herausgegeben. Das englische Heft Nummer 31 wurde zur deutschsprachigen Nummer 1. Bei der ‚Micky Maus-Zeitungʻ nahm sich der Bollman-Verlag die englische Version als Vorbild und ersetzte z. B. die englischen Sprechblasen durch deutsche Übersetzungen. Beim Cover des ersten Bollmann-Heftes sieht man das gleiche Bild, nur dann eben mit deutschen Sprechblasen. Oben steht nicht mehr ‚Mickey Mouseʻ, sondern ‚Die Micky Maus-Zeitungʻ.“
(http://dideldum.gmxhome.de/mickymaus.htm)

 

4. Februar 1937. Zensurfreigabe für Pulsschlag des Meeres

In dem Kulturfilm der Ufa Pulsschlag des Meeres (Herstellungsleitung: Nicholas Kaufmann, Trickkamera: Hans Neuberger) von Dr. Martin Rikli gibt es animierte Teile.

 

10. März 1937. Produzent Kurt Wolfes zur „Filmkunst des Tricks“

Die LichtBildBühne zitiert den Produzenten Kurt Wolfes, der in der Berliner Lessing-Hochschule zu Fragen der „Filmkunst des Tricks“ gesprochen hat:

„Am Anfang eines jeden Films steht der Filmkaufmann. Für einen guten Beiprogrammfilm geben unsere großen Firmen hin und wieder Beträge von 20–25000 RM aus. Durchaus nicht in der Regel, aber es kommt wenigstens hin und wieder vor. Für einen Trickfilm legt man eine solche Summe nicht an und das kommt so: Amerikanische Gesellschaften bieten dem deutschen Verleiher ausgezeichnete Trickfilme zum Preise von 6–8000 RM an. Für diesen Preis einigermaßen gute Trickfilme herzustellen, ist aber einfach unmöglich. Versucht es jemand doch, so kann das nur auf Kosten der Qualität geschehen und seine Arbeit wird neben den bis ins kleinste durchgearbeiteten Filmen Disneys nicht bestehen können.“

 

Oktober 1937. Wolfgang Kaskeline entlassen

Bei der Ufa geht die Ära Ufa-Kaskeline zu Ende.

Wolfgang Kaskeline wird fristlos entlassen. Die Ufa führt Beschwerde, dass Kaskeline an einem Film der Tobis (Die Fledermaus) mitgewirkt habe und vertragsbrüchig geworden sei. Tatsächlich will sich die Ufa schon seit längerer Zeit von Kaskeline trennen (Ufa-Vorstandsprotokoll Punkt 10 vom 17. September 1935), weil er als „nichtarisch“ und „Vierteljude“ eingestuft wurde, doch durch Erlass vom 25. 9. 1935 war bestimmt worden, „dass gegen eine Weiterbeschäftigung des Schwerkriegsbeschädigten Wolfgang Kaskeline bis auf weiteres keine Bedenken erhoben werden“ (Schreiben der Reichsfilmkammer an den Präsidenten der Reichskulturkammer vom 24. Dezember 1937).

Die vermutlich letzten Ufa-Werbefilme von Kaskeline heißen Dreifach (Werbung für Bemberg-Strümpfe), Es kommt Besuch, Sorgen, die keine sind (Werbung für das Bekleidungshaus Cords) sowie Was sagt Meister Zwirn? (Werbung für Stoffe der Magdeburger Firma Esders & Dyckhoff).

Die Titel Es kommt Besuch und Sorgen, die keine sind gelten als verschollen.

Von da an übernehmen Ewald (Egon) von Tresckow, Bernhard Huth und besonders Curt Schumann vollständig Kaskelines Part bei der Ufa.

 

3. Oktober 1937. Premiere von Reineke Fuchs von Wladislaw Starewitsch (Ladislas Starewitch) als Tonversion

In Zusammenarbeit mit seinem Schöpfer Wladislaw Starewitsch (Ladislas Starewitch) produziert die Ufa (Herstellungsgruppe Erich Neusser) in Berlin eine Ton- und Musikfassung des 1929/30 in Paris hergestellten Stop-Motion-Films Le Roman de Renard (dt. Fassung: Reineke FuchsWie die Tiere gegen Reineke Fuchs in den Kampf zogen!) nach Johann Wolfgang von Goethe. Die musikalische Bearbeitung der deutschen Fassung übernimmt Dr. Julius Kopsch, den Kommentar, gesprochen von Leo Peukert, verfasst Wilhelm Krug.

„Die Technik der Puppenbewegung? Man spürt sie nicht! Man ist nach fünfzig Filmmetern der Ansicht, daß die Gestalten da auf der Leinwand im Fabelreich ein munteres Leben führen können. Frau Löwin vermag so sinnlich zu lächeln und Reineke so genießerisch mit der Zunge zu schlecken, daß man gar nicht auf die Idee kommt zu fragen, wie das denn der Herr Starewitch nun eigentlich gemacht habe.“
(Georg Herzberg, in: Film-Kurier, Nr. 230, 4.10.1937).

Bereits vor der deutschen Premiere, am 28. April 1937, hatte Starewitsch im Filmseminar der Lessing-Hochschule Berlin unter dem Motto „Der unwirkliche Film“ Ausschnitte aus Reineke Fuchs präsentiert.
(Schu. [d.i. Hans Schuhmacher]: Starewitch in der Lessing-Hochschule. In: Film-Kurier, Nr. 102, 4.5.1937)

Publikationen

DVD: Le roman de renard. Doriane Films, Paris 2000

Eric Schneider: Entomology and Animation: A Portrait of an Early Master Ladislaw Starewicz. In: Animation World Magazine, 5.02, May 2002, www.awn.com

 

30. Oktober 1937. Uraufführung von Die Fledermaus von Paul Verhoeven

Die animierten Titel für den Spielfilm der Tobis Die Fledermaus aus der Produktion IMAGOTON Film GmbH sind vermutlich anonym von dem Ufa-Mitarbeiter Wolfgang Kaskeline entworfen, der eine seine Zeichnerinnen, Fräulein Jacobi, vorschob. Die Objekt-Animation „tanzende Schuhe“ (Stopptrick) stammt von Ernst Kunstmann.

Publikation

Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012, S. 183

 

2. Dezember 1937. Premiere von Die sieben Raben der Gebrüder Diehl

Die Gebrüder Diehl scheitern an der Kinokasse mit ihrem ersten abendfüllenden Puppentrickfilm Die sieben Raben. Das Manuskript hat Paul Diehl nach einem Märchen der Brüder Grimm verfasst. Die Uraufführung findet im Berliner Primus-Palast in einer Sondervorführung vor 500 Waisenkindern statt.

„Es ist die Geschichte von den sieben Brüdern, die durch einen Fluch des Vaters in sieben Raben verwandelt wurden und nun in einem gläsernen Berge auf ihre Erlösung von dem Fluche harren. […] Die gute Regie dieses Films, die durchaus echt wirkenden Aufnahmen, die prachtvolle Photographie, die gelungene Kleinarbeit, die sich in einer Unzahl von Einzelszenen immer aufs neue erweist, machen den Film für Kinderprogramme hervorragend geeignet.“
(Joachim Rutenberg, in: Film-Kurier, Nr. 281, 3.12.1937)

Der Film stößt bei Publikum und Kritik auf ein nur geringes Echo.

„Ein Münchener Theater brachte eines Tages die Vorankündigung des Puppenfilms Die sieben Raben und stellte die entsprechenden Fotos zur Schau. Da kamen zwei halbwüchsige Mädchen des Weges. Als eines der beiden stehenblieb, um sich die Bilder zu betrachten, zog sie die Freundin am Ärmel fort mit der Bemerkung: ‚Geh zu! Du wirst dir den Schmarrn anschau’n!’ In der bayerischen Mundart ist ‚Schmarrn’ neben der Bezeichnung für ein leckeres Gericht, das allen Besuchern der bayerischen Berge in angenehmer Erinnerung bleibt, der Ausdruck für eine völlig belanglose Sache.

Ohne Zweifel, das Urteil jenes Kritikers und dieses Schulmädchens entspringt der gleichen Empfindung. In beiden Fällen wird das Spiel mit Puppen dem mit Menschen dargestellten Film gegenüber als etwas Minderwertiges betrachtet, allenfalls für Kleinkinder geeignet, für Erwachsene aber eine Quantité négligeable – ein ‚Schmarrn’ also.“
(Dr. Paul Diehl, München: Kunstschaffen und Kunsterleben. In: Film und Bild Heft 10, 7. Jahrgang, 15. Oktober 1941, S. 159–162)

Parallel produzieren die Gebrüder Diehl einen Puppenfilm Sterntaler, der aber nicht veröffentlicht wird.

Publikationen

Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995, S. 18–22

Jeanpaul Goergen: Ein Märchen aus dunkler Zeit. Die sieben Raben (D 1937, R: Gebrüder Diehl). In: Filmblatt, Nr. 11, Herbst 1999, S. 8–10

Cornelia A. Endler: Es war einmal … im Dritten Reich. Die Märchenfilme für den nationalsozialistischen Unterricht. Frankfurt am Main 2006

DVD: Die sieben Raben – Gebrüder Diehl Puppentrick Edition. (Tacker Film) Köln 2004

 

4. Dezember 1937. Zensurfreigabe für Die Schlacht um Miggershausen

Der Kurzanimationsfilm Die Schlacht um Miggershausen, hergestellt von Georg Woelz und der Commerz-Film AG im Agfa-Bipack-Color-Verfahren, ist ein Propagandafilm für Volksempfänger. Sprecher ist Heinz Goedecke.

 

20. Dezember 1937. Tagebucheintrag von Joseph Goebbels zu Micky-Maus-Filmen

Dass Hitler Disney-Filme schätzt, belegt der folgende Tagebuch-Eintrag von Joseph Goebbels:

„Ich schenke dem Führer 32 Klassefilme der letzten vier Jahre und 12 Micky-Maus-Filme mit einem wunderbaren Kunstalbum zu Weihnachten! Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz!“
(Joseph Goebbels: Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte, herausgegeben von Elke Fröhlich. Dezember 1937 bis Juli 1938. München 2000, S. 64)

Auch das folgende Dokument aus dem Jahr 1937 bestätigt Hitlers Zeichenfilm-Faszination:

„Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda
Wilhelmplatz 8–9
Telefon: A 1 Jäger 0014

Berlin W 8, den 27. Juli 1937

An
die Adjutantur des Führers

————-

Auf Veranlassung von Herrn Obergruppenführer [Wilhelm Friedrich Karl]  B r ü c k n e r  werden anliegend die für das dortige Archiv bestimmten Kopien

  1. des italienischen Films
    Mario
    (Original-italienische Fassung ohne deutsche Untertitel)
  1. Fünf Micky-mouse-Filme
    Romeo und Julia
    Käsepiraten
    Feuer und Traumland
    Das große Rennen
    Jägerlatein

übersandt.

Rechnungen über RM. 501,50,- und RM. 199,64,- mit der Bitte um unmittelbare Begleichung an die Firma Deutsch-Italienische Film-Union GmbH bezw. Deutsche Fox-Film A.G. sind beigefügt.

Heil Hitler!

Seeger (Unterschrift)“
(Bundesarchiv. Das Dokument trägt den handschriftlichen Vermerk: v. Postsch. überw. am 3. 8. 37. Bei dem Unterzeichner handelt es sich um Dr. Ernst Seeger.)

 

1938. Tauziehen um Schneewittchen

Zwei deutsche Verleihgesellschaften, die aus der Bayerischen Filmgesellschaft hervorgegangene, von der reichseigenen Cautio Treuhand im Februar neu installierte Bavaria Filmkunst und die ebenfalls reichseigene Ufa, wetteifern im Frühjahr und im Herbst 1938 um die Snow-WhiteLizenz für den deutschen Markt und schalten unterschiedliche Verhandlungsführer ein.

Vorsorglich hat Disney den Film bereits in Amsterdam von deutschen Emigranten synchronisieren lassen.

„Bei der ersten deutschen Fassung führte (ebenso wie bei der zeitgleich entstandenen niederländischen Synchronisation) der vor den Nazis in die Niederlande geflohene Kurt Gerron Regie, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. […]

Die einzigen zeitgenössischen Informationen zu den Synchronschauspielern der ersten deutschen Fassung, die ich finden konnte, stammen aus Pem’s Privat-Berichten, einem von Paul Marcus mit einer (britischen) Schreibmaschine geschriebenen wöchentlichen Nachrichtenbrief zu den Aktivitäten aus Deutschland geflohener Schauspieler, Regisseure und Autoren, der bis zu 200 Abonnenten hatte. […] Bereits am 15. Juni 1938 schrieb Marcus: ‚Kurt Gerron, der die hollaendische Version von Disney’s Schneewittchen vollendete, arbeitet an der deutschen Fassung mit Kurt Lilien, Otto Wallburg, Siegfried Arno, Dora Gerson und einer neuen Frau Stern[.]ʻ“
(Joseph Garncarz: Europas alter Märchenzauber und Hollywoods neues Zaubermärchen. Walt Disneys Snow White and the Seven Dwarfs in Deutschland. In: Manuskript für einen Sammelband Filmsynchronisation, S. 12 ff., das Rolf Giesen von Joseph Garncarz am 12. Mai 2015 als Anhang einer Mail zur Verfügung gestellt wurde)

Bemerkung auf der Begleitkarte einer ins Reichsfilmarchiv gewanderten Kopie: „Der Film ist der erste abendfüllende Zeichentrickfilm Walt Disneys. Die zeichnungs- und farbtechnische Vollendung und die Fülle von Einfällen, sowie die eingehenden Lieder ließen den Film zum größten Welterfolg werden. Das Grimmsche Märchen ist der amerikanischen Mentalität entsprechend gestaltet.“
(Sammlung J. P. Storm)

Auch auf dem Obersalzberg, dem Domizil Hitlers, befindet sich eine 35mm-Kopie des Films, vermutlich sogar nicht nur eine, die der „Führer“ häufig vor Gästen vorführen lässt.
(Telefon-Interview J. P. Storm mit dem ehemaligen Filmvorführer des Berghofs)

Publikation

Rolf Giesen, J. P. Storm: Animation Under the Swastika: A History of Trickfilm in Nazi Germany, 1933–1945. Jefferson, North Carolina, und London 2012, S. 12 ff.

 

1938. Werbefilme von Hans Fischerkoesen

Hans Fischerkoesen wirbt über die Ufa mit

  • Dicke Luft (Zensurfreigabe 17. Januar 1938) für FEWA-Feinwaschmittel (Erstauftritt der Werbefigur „Johanna“ im Film),
  • Der Fortschrittler für Mey-Kragen,
  • Die Stichprobe für die Zigarette Vollreif,
  • Unter der Haube (Zensurfreigabe 16. März 1938) für Essolub Motorenöl,
  • Der Weg ins Leben für die Schreibmaschine Conti.

Die Filme Die Stichprobe und Der Weg ins Leben gelten als nicht überliefert.

 

1938. Werbefilme von Wolfgang Kaskeline

Sehr aktiv ist auch Wolfgang Kaskeline in der „Diaspora“. Er ist seit seinem Rauswurf bei der Ufa für Epoche Gasparcolor tätig:

  • Erträumtes Glück (Werbung für Schuhhaus Leiser),
  • Gesundes Leben – Frohes Schaffen (Werbung für eine Ausstellung auf dem Messegelände Funkturm, Berlin),
  • Heute abend hab’ ich Gäste (Animation und real, Werbung für Attika-Zigaretten),
  • IA-33 (Werbung für das gleichnamige Parfüm),
  • Kabarett (Werbung für Zigaretten),
  • Meister Zwirn marschiert (Werbung für das Magdeburger Modehaus Enders & Dyckhoff),
  • Der praktische Geist (Werbung für Vobach-Schnittmuster),
  • Trari – Trara! (Werbung für Mouson-Kosmetik),
  • Vernunft und Lebensfreude (Werbung für Darboven Kaffee-Haag),
  • Wie sag’ ich’s dem Berliner? (Werbung für Schuhe von Schuhhof).

 Die Streifen Erträumtes Glück, Gesundes Leben – Frohes Schaffen, Kabarett, Meister Zwirn marschiert, Der praktische Geist, Trari-Trara!, Wie sag’ ich’s dem Berliner? sowie Vernunft und Lebensfreude gelten als verschollen.

 

1938. Werbefilme von Curt Schumann

Curt Schumann animiert 1938 für die Ufa

  • Ein Blick genügt (Standardwerbung für Damen- und Herrenschuhe aus Leder),
  • Die Brücke zum Wohlstand (Werbung für die Dresdner Bank),
  • Einladung (Werbung für den B.B.C.-Kühlschrank von Sigma),
  • Herbstfreuden (Werbung für Textilien von Kaufhof),
  • Herr Ober, bitte! (Werbung für das Erfrischungsgetränk Calisay),
  • Jedem das seine (Werbung für die Zigarettenmarke U 6),
  • Mode und Gesundheit (Werbung für Libelle-Laufmotor-Schuhe),
  • Seine Majestät (Werbung für Stoffe von Georg Wiedersum, Breslau),
  • Unser gutes Recht (Werbung für Jenaer Glas),

sowie einen Imagefilm für die Stadt Breslau: Stadtgespräch.

Die Filme Herr Ober, bitte!, Herbstfreuden, Jedem das Seine, Seine Majestät, Unser gutes Recht sowie Stadtgespräch gelten als nicht überliefert.

 

1938. Dr. Werner Kruse für die Ufa

Dr. Werner Kruse stellt für die Ufa mit Ein Hundewetter einen Werbefilm für Bücking-Lodenmäntel her, mit Mit dem D-Zug um die Wette für Bahnfracht und mit Morgenstunde für Odol-Mundwasser und -Zahnpasta.

 

1938. Werbefilme von Ewald (Egon) von Tresckow

Im Trickatelier der Ufa-Werbefilm arbeitet Ewald (Egon) von Tresckow an

  • Das alte Haus (zusammen mit Bernhard Huth, Werbung für Kessler-Sekt),
  • Der Hausfreund (zusammen mit Ernst Kochel, Animation und real, Werbung für Stoffe und Wäsche der Firma Böhme in Dresden),
  • In einer Nacht … (zusammen mit Hübel, Zensurfreigabe 22. Februar 1938, Werbung für Gütermann’s Nähseide),
  • Die lieben Kinder (Werbung für Kinderbekleidung),
  • Eine nette Schweinerei (Zensurfreigabe 19. Januar 1938, Werbung für die NSV/Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, Ernährungshilfswerk).

Die Titel Das alte Haus und Die lieben Kinder gelten als nicht überliefert.

 

1938. Filme der Gebrüder Diehl

Die Gebrüder Diehl bereiten den Kurzfilm Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel vor. Die Figur des im Film nicht näher benannten Igels wird nach dem Krieg unter dem Namen „Mecki“ bekannt. Von Diehl kommen außerdem ein Tapferes Schneiderlein und Wer will fleißige Handwerker sehen.

Publikation

Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995

 

1938. Werbefilme von Boehner-Film

Die Belegschaft von Boehner-Film etwa Ende der 1930er Jahre. In der ersten Reihe die Gebrüder Boehner (3. u. 4. v. l.), in der vorletzten Reihe Heinz Engelmann (HeHellerau, 1. v. l.). ©DIAF

Die Belegschaft von Boehner-Film etwa Ende der 1930er Jahre. In der ersten Reihe die Gebrüder Boehner (3. u. 4. v. l.), in der vorletzten Reihe Heinz Engelmann (HeHellerau, 1. v. l.). ©DIAF

Boehner-Film Dresden orientiert sich in seiner Werbung mehr an den regionalen Auftraggebern:

Bis auf Fleißige Hände, Der gute Kaffee … und Lebensgeister gelten alle Titel als verschollen.

 

1938. Nivea-Werbung von Rudi Klemm

Filmstill aus einem nicht näher bezeichneten Nivea-Werbefilm von Rudi Klemm, etwa 1935. ©DIAF/Nachlass Rudi Klemm

Filmstill aus einem nicht näher bezeichneten Nivea-Werbefilm von Rudi Klemm, etwa 1935. ©DIAF/Nachlass Rudi Klemm

Gleich zweimal gibt es 1938 Werbung für Nivea in Puppentrick, animiert von Rudi Klemm bei der Epoche Gasparcolor: Es entstehen Katharine nach einem Manuskript von Elly Heuss-Knapp und Die blaue Schachtel. Letzterer Titel gilt als verschollen.

 

1938. Otto Waechter für kleinere Kunden

Das Trickfilm-Atelier Otto Waechter spezialisiert sich weiterhin auf kleinere Kunden mit

  • Alle Wege … (Werbung für das Schuhhaus Dessau),
  • Das große Wunder (Werbung für Klasse-Kleidung),
  • Großkampftage (Werbung für Bettfedern-Reinigung).

Alle Titel gelten als nicht überliefert.

 

1938. Bruno Wozak arbeitet für verschiedene deutsche Firmen

Als einer der Pioniere des österreichischen Animationsfilms gilt Bruno Wozak (1903–1944): „Stylistically inspired by Walt Disney’s films and by art nouveau … […] In July 1938, the review ‚Die Wiener Bühneʻ defined Bruno Wozak’s advertising skills as a perfect mix of ‘pencil and patienceʻ.“

Nach der deutschen Annexion Österreichs „Wozak no longer wished to continue an animation career, and the Wozak-Thomas Studio closed in 1941. There remained, however, some opportunity during the occupation for Austrian animators to work on German productions.“
(Giannalberto Bendazzi: Animation: A World History: Volume I: Foundations – The Golden Age. Boca Raton 2016, S. 157–159)

So sind bei Wozak 1938 und 1939 auch verstärkt einige Aktivitäten für verschiedene deutsche Film- und Auftraggeber-Firmen zu verzeichnen:

  • Alarm (bei Commerz Film, Berlin, Werbung für Raiffeisen-Genossenschaft),
  • Aufstehen! (bei Adi Mayers’s Filmbüro, Wien, Werbung für Junghans-Wecker),
  • Die Geisterstunde (bei der Ufa, für Radio Center Alexander Prohaska, Berlin),
  • Ihr Geheimnis (bei Mayer’s Filmbüro Wien, Werbung für Braun’s Stofffarben),
  • Mädchen für alles (bei Mayer’s Filmbüro, Wien).

Und 1939

Adi, der Waschbär (mit Georg Woelz bei Tiller-Film, Berlin, Werbung für Radion-Waschpulver).

Bis auf Alarm und Mädchen für alles gelten alle Filme als verschollen.

Wozak wird alsbald darauf eingezogen und fällt 1944 im Krieg.

 

1938. Werbung der Döring-Film-Werke, Düsseldorf

Die Döring-Film-Werke, Düsseldorf, werben im Auftrag von Bayer Leverkusen mit Silah basina! für Aspirin und, mit animierten Teilen, für das Bankgirokonto Spuk bei Meister Hase.

 

1938. Der Schmalfilm Der Zauberlehrling erscheint bei der Degeto

Im Programm des Degeto-Schmalfilm-Schranks erscheint der Kurz-Animationsfilm Der Zauberlehrling.

 

März 1938. Victor Schamoni schreibt über die Anfänge des absoluten Films in Deutschland

Victor Schamoni, Vater der Filmregisseure Ulrich und Peter Schamoni, ist 1926 mit der filmwissenschaftlichen Studie „Über die ästhetischen Möglichkeiten der Photographie und des photographischen Bewegungsbildes (Film)“ an der Universität Münster promoviert worden, die er 1936 in Teilen als „Das Lichtspiel – Möglichkeiten des absoluten Films“ im Selbstverlag veröffentlicht. In der Fachzeitschrift „Der deutsche Film“ werden 1938 die künstlerischen Leistungen von Walther Ruttmann, Oskar Fischinger und Viking Eggeling gewürdigt.

„Es waren Maler, die […] im Jahre 1919 erstmals den Versuch machten, die abstrakten Gestaltungen ihrer Bilder auch in Bewegung zu übertragen, die eigene Mittel hierfür ersannen, technisch und auch in den Formen sehr verschieden. In München war es der Maler Walther Ruttmann, in Berlin der hier lebende Schwede Viking Eggeling, beide ziemlich gleichzeitig, ebenfalls ohne voneinander zu wissen. In Frankfurt kam der Konstruktionszeichner Oskar Fischinger zunächst durch die Beschäftigung mit literarischen Arbeiten zur abstrakten Darstellung rhythmischer Zusammenhänge von Dichtungen, in denen er versuchte, Bewegungsabläufe, Gedankenführung und Stimmungsentwicklungen in Liniengebilden zu veranschaulichen. Sehr bald ging er dazu über, in abstrakten Bildern auch eigene Gestaltungen zu schaffen. Die ersten absoluten Filme waren auf zeichnerischem Wege hergestellt, indem Phase für Phase, Moment für Moment einzeln gezeichnet und aus einer großen Anzahl solcher einzelnen Aufnahmen schließlich nach genauen Tempoberechnungen die einheitliche Bewegung zusammengesetzt wurde.“
(Victor Schamoni: Die Anfänge des absoluten Films in Deutschland. In: Der deutsche Film, 2. Jg., Heft 9, März 1938, S. 242–244, hier S. 243)

Publikationen

Victor Schamoni: Das Lichtspiel – Möglichkeiten des absoluten Films. Hamm, Westfalen 1936

Rainer Rother: Leni Riefenstahl und der „absolute Film“. In: Mediale Mobilmachung I. Das dritte Reich und der Film. München 2004, S. 130–134

 

15. September 1938. Zensurfreigabe für Panik durch Ping-Pong

Walter Born animiert den Werbefilm Panik durch Ping-Pong bei Epoche-Gasparcolor nach einem Manuskript von Hans Thyssen für die Deutsche Film-Herstellungs- und Verwertungs-G.m.b.H. [DFG] der NSDAP, Berlin. Es geht um die Beseitigung von Metallzäunen vor Häusern zur Metallabgabe und die damit verbundene Abschaffung von Vorgärten. Mit von der Partie und für die Musik zuständig ist Kurt Drabek (1912–1995), seit den 1930ern erfolgreicher Orchester-Musiker und Schlager-Komponist. Es ist offenbar seine erste und einzige Filmmusik bis zum Ende des Krieges. Drabek setzt 1962 die Töne für das Lied des TV-„Westsandmanns“ von Herbert K. Schulz.

 

10. Oktober 1938. Uraufführung von Sonne, Erde und Mond

Der Ufa-Kulturfilm Sonne, Erde und Mond von Dr. Martin Rikli wird im Gloria-Palast in Berlin uraufgeführt. Er enthält animierte Szenen von Hans Neuberger.

 

22. November 1938. Zensurfreigabe für Rundfunk-Werbefilm Hansemanns Traumfahrt

Georg Woelz und Gerhard Krüger schaffen den Kurzfilm Hansemanns Traumfahrt im Agfa-Bipack-Farbenfilmverfahren für die Commerz-Film AG in Berlin. Es ist ein Film über die Wirkungsweise des Rundfunks: wie die Töne aus dem Atelier über das Mikrophon und die Rundfunkwellen bis zum Hörer kommen. Hier verstreut auch der Sandmann als kecker Baggerfahrer seinen Traumsand aus dem All.

 

2. Dezember 1938. Zensurfreigabe Ein Märchen von Kurt Stordel

Kurz nach der Zensurfreigabe berichtet der „Film-Kurier“ über die Voraufführung des kurzen Trickfilms Ein Märchen (mit „Purzel, Brumm und Quack“) von Kurt Stordel, den die Terra Filmkunst in ihren Verleih genommen hat. Seine öffentliche Uraufführung erlebt der Streifen am 10. Mai 1939 im Berliner Capitol am Zoo.

„Wir sahen gestern in einer Sondervorführung bei der Terra einen kleinen gemalten Märchenfilm, auf romantische Weise zwischen heiterer Lyrik und leiser dramatischer Erregung spielend, – wir glauben, dass dies ein Hoffnung weckender Beginn ist, vielleicht wird es nun doch wahr, dass wir hin und wieder mal deutsche farbige Trickfilme bekommen.

Es ist nicht wichtig, festzustellen, dass man nach jahrelang gesehenen Disney-Filmen an dieser so hoch entwickelten Produktionstechnik nicht vorüberkann, dass man nicht sofort so gewandt sein wird, – das findet sich alles. Wichtig aber ist, dass in diesem kleinen, in Aquarellart gemalten Märchenfilmchen der deutliche und erfreuliche Ansatz zu einem eigenen deutschen Stil entdeckt werden konnte.

Die Farben kommen mit ‚Gasparcolorʻ ausgezeichnet, die Aufnahmen von Erwin Kramp sind sauber und kaum einmal stockend, – der ganze Film, den Kurt Stordel entwarf, zeichnete, malte (und in seinem Trickfilmatelier herstellte) ist eine entzückende und liebenswürdige Hoffnung.“
(Film-Kurier, 7.12.1938)

 

1939. Hans Fischerkoesen zieht um nach Potsdam

Das Fischerkoesen-Film-Studio wird ein eigenständiger Betrieb, unabhängig vom Ufa-Trickstudio. Zusammengearbeitet wird aber weiter. Hans Fischerkoesen geht mit seinem Betrieb nach Potsdam, in die Nähe der Ufa-Ateliers Babelsberg.

Für 1939 notiert seine Filmografie: Die erfolgreiche Linie (Werbung für Chlorodont-Zahnpasta), Die erfrischende Pause (Werbung für Coca-Cola), Inspiration – so appetitlich frisch (Zensurfreigabe 27. Februar 1939, Werbung für Haus Bergmann Privat-Zigaretten) und Der Strohwitwer.

 

1939. Werbefilme von Curt Schumann

Curt Schumann animiert für die Ufa den Werbefilm B.B.C. (Zeichentrick mit kombiniertem Sachtrick, Werbung für B.B.C.-Sigma-Elektro-Kühlschränke) und Müssen Männer so sein? (Werbung für Immerglatt-Einlegesohlen). Der letztgenannte Streifen gilt als verschollen.

 

1939. Werbefilme von Dr. Werner Kruse

Dr. Werner Kruse wirbt, im Vertrieb der Ufa, mit Sieben wandern durch die Welt (für Esso-Motorenöl) und Zwergenland in Not (für Kali-Dünger).

 

1939. Werbefilme von Ewald (Egon) von Tresckow

Bei Ufa-Werbefilm entstehen unter Ewald (Egon) von Tresckow Ein appetitlich frisches Abenteuer (Zensurfreigabe 17. Januar 1939, Werbung für Haus Bergmann-Zigaretten) und Warmbad überall? (zusammen mit Bernhard Huth, Werbung für Junkers-Boiler).

 

1939. Neues von den Diehls

Die Gebrüder Diehl-Filmproduktion bringt 1939 Fantasien am Schreibtisch (Zensurfreigabe 11. Februar 1039) und Stadtmaus und Feldmaus, beides Puppentrickfilme mit Realteilen, sowie die Grimmschen Märchen Der Wolf und die 7 Geißlein und Der gestiefelte Kater. Regie führt immer Ferdinand Diehl.

Publikationen

Mecki – Märchen & Schnurren. Die Puppenfilme der Gebrüder Diehl. Ausstellung/Retrospektive. Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main 1995

DVD: Märchen Zauber – Die schönsten Märchen. Alive, 2016

 

1939. Werbefilme der Döring-Werke

Die Döring-Film-Werke bringen 1939 die Titel

  • Fahrt in’s Blaue (Animation und Realfilm kombiniert, Werbung für Nora Radios),
  • Goldregen (Animation: Johann Weichberger, Sparkassen-Werbung),
  • Guter Rat ganz umsonst (Werbung für D. Diehl-Schuhe),
  • Nr. 7 (von Curt Blachnitzky, Zensurfreigabe 28. April 1939, Sparkassen-Werbung) sowie
  • Werbefilme für Lingel-Schuhe Beinahe Pech gehabt, Da ist was los! und Der gute Beobachter.

Die letzten fünf Filme gelten als nicht überliefert.

Neben Bruno Wozak ist Johann Weichberger (1910–1992) ein weiterer wichtiger Vertreter österreichischer Animatoren, die in Deutschland ihre „Handschriften“ hinterlassen haben und dessen Nennung hier das erste Mal erfolgt. Der Absolvent der Wiener Kunstgewerbeschule erlernte sein Handwerk bei dem nach Bern emigrierten Julius Pinschewer, bevor er in den 1940ern in Deutschland vor allem bei der Degeto Fuß fasst.

Publikation

Giannalberto Bendazzi: Animation: A World History: Volume I: Foundations – The Golden Age. Boca Raton 2016, S. 159

 

1939. Werbefilm-Kaleidoskop

Das Dresdner Kaufhaus Esders (rechts) vor dem Umbau 1908, Quelle: Verlag Rud. Jahn, Dresden, Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Das Dresdner Kaufhaus Esders (rechts) vor dem Umbau 1908, Quelle: Verlag Rud. Jahn, Dresden, Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei

Die Epoche-Gasparcolor zeigt Passen Sie, bitte, genau auf! von Wolfgang Kaskeline (Werbung für Mädler-Taschen), das Trickfilm-Atelier Otto Waechter wirbt mit Schicksalswege für die Deutsche Ring Krankenversicherung, das Atelier Walter Born mit B 35 für Blaupunkt Radios und von Boehner-Film kommt Anzügliche Belehrungen für das Esders-Bekleidungshaus in Dresden.

Bis auf Anzügliche Belehrungen gelten alle Filme als nicht überliefert.

 

1939. Gründung des Geesink Toonder Studios in Amsterdam

Zusammen mit Joop Geesink gründet der 1912 in Rotterdam geborene Comic-Zeichner und Illustrator Marten Toonder das Geesink Toonder Studio in Amsterdam, das animierte Filme herstellt, zum Teil für den deutschen Verleih (unter deutscher Besatzung).

 

Januar 1939. Neuigkeiten zu Schneewittchen – 1

Nachdem Disneys Snow White and the Seven Dwarfs mit großem Erfolg schon überall in Europa läuft, erhält auf Veranlassung von Goebbels die Ufa gegen die Bavaria den Zuschlag, den von Disney und seinem Verleiher RKO geforderten hohen Preis an Devisen für die Aufführungsrechte zu zahlen.

 

Februar 1939. Neuigkeiten zu Schneewittchen – 2

Die Aktivitäten der Anti-Nazi League in Hollywood, über die Leni Riefenstahl, die auch von Disney empfangen worden ist, Goebbels berichtet, führen zu einem Stopp der Verhandlungen der Ufa wegen der Verleihrechte von Disneys Snow White and the Seven Dwarfs. Der „deutscheste“ aller Disney-Filme wird nun nicht im Deutschen Reich laufen.

Publikationen

Joseph Goebbels: Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte, herausgegeben von Elke Fröhlich. Dezember 1937 bis Juli 1938. München 2000, Eintrag 5. Februar 1939

Film-Kurier 30. Januar 1939 und 15. Februar 1939

 

26. Februar 1939. Uraufführung von Tanz der Farben von Hans Fischinger

Der nach dem Gasparcolor-Farbverfahren aufgenommene abstrakte Animationsfilm Tanz der Farben wird im Hamburger Waterloo-Theater uraufgeführt.

Der Film geht offenbar auf ein Farblichtkonzert zurück. „Zu diesem Zweck hat Hans Fischinger ein Instrument konstruiert, das technisch ähnlich der Bildtelegraphie arbeitet. Der Künstler also sitzt an diesem Instrument, bedient es, und die Bewegungen, die er auf dem Instrument vollführt, erscheinen automatisch auf einer Leinwand. Der Film […] brachte dazu nun noch die Musik und die Farbe.“
(Karlheinz Ressing: Großer Tag für die Hamburger Arbeitsgemeinschaft. In: Film-Kurier, Nr. 49, 27.2.1939).

Im Sommer 1939 läuft Tanz der Farben in den Niederlanden. Trotz der Verfemung der abstrakt-modernen Kunst durch die Nationalsozialisten wird er noch 1942 als Beifilm zum erfolgreichen Spielfilm Zwei in einer großen Stadt von Volker von Collande eingesetzt.

„Im Vorprogramm […] läuft dieser hübsche Farbspielversuch, in dem sich bunte Linien, Punkte und Flächen in kaleidoskopischem Wechsel nach dem Rhythmus der Musik bewegen. Die Bewegung des Orchesterspiels mit seinen sich durchdringenden melodieführenden Stimmen wird so veranschaulicht. […] Über die Auswahl der hier verwendeten Farben lässt sich allerdings streiten. Man könnte sich raffinierte Farbzusammenstellungen denken. Hans Fischinger, ein Bruder Oskar Fischingers, hat hier einen Versuch unternommen, der sich im wesentlichen von den Arbeiten seines Bruders dadurch unterscheidet, dass er Musik illustriert, während Oskar Fischingers Kompositionen stärkeren kompositorischen Eigenwert und dynamischeres Eigengewicht besaßen.“
(Film-Kurier, Nr. 23, 28.1.1942)

Hans Fischinger, der jüngere Bruder Oskar Fischingers, geboren am 15. September 1909 in Gelnhausen, fällt am 20. August 1944 an der rumänischen Front.

Publikationen

Georg Anschütz: Von Pater Castel bis Hans Fischinger. Zur Geschichte des ungegenständlichen Tonfilms. In: Film-Kurier, Nr. 104, 6.5.1939

William Moritz: Oskar Fischinger. In: Optische Poesie. Oskar Fischinger. Leben und Werk. Frankfurt 1993, S. 45 f.

 

2. August 1939. Hans Held arrangiert sich mit der Bavaria

Hans Held, ursprünglich in kleineren Filmrollen zu sehen, dann Trick-Assistent im Atelier von Kurt Maetzig, dem späteren DEFA-Gründer und renommierten Spielfilmregisseur, verkauft den zusammen mit Max Wüstemann produzierten Kurzfilm Der Handschuh an die Bavaria-Filmkunst GmbH (der Film wird nicht aufgeführt werden). Er unterzeichnet einen Vertrag zur Herstellung des Agfacolor-Films Einigkeit macht stark, der unter dem Titel Der Störenfried herauskommen wird. Mit neun Zeichnern und Koloristen arbeitet Held im Zeichenfilmstudio der Bavaria in der Berliner Friedrichstraße. Zu Problemen kommt es, als Helds Gläubiger bei der Bavaria vorstellig werden und ausbezahlt werden müssen.

 

21. August 1939. Zensurfreigabe für Purzel Nr. 2

Kurt Stordel schiebt einen zweiten Purzel-Film bei der Terra-Filmkunst nach: Purzel, der Zwerg und der Riese vom Berg. Der Titel gilt als verschollen.

 

7. Oktober 1939. Uraufführung des Spielfilms Schneewittchen

Nachdem Disneys Schneewittchen nicht im Deutschen Reich läuft, bringen Naturfilm Hubert Schonger und der Jugendfilm-Verleih Willy Wohlrabe einen Schneewittchen-Märchenfilm mit Marianne Simson und anderen realen Darstellern heraus und annoncieren in der Fachpresse einen „Bombenerfolg“ (Schneewittchen und die sieben Zwerge, Regie: Carl Heinz Wolff, Musik: Norbert Schultze, Zensurfreigabe 26. September 1939).

Publikation

Film-Kurier, 11.10.1939

 

17. Oktober 1939. Verteidigung der Dissertation zur Phänomenologie und Psychologie des Trickfilms

Titel der Dissertation von Reinhold Johann Holtz, 1939

Titel der Dissertation von Reinhold Johann Holtz, 1939

Reinhold Johann Holtz, geboren am 19. Juni 1913 in Hamburg-Harburg als Sohn eines Werftbesitzers, legt an der Philosophischen Fakultät der Hansischen Universität Hamburg eine Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Hansischen Universität Hamburg vor und verteidigt am 17. Oktober 1939 mit mündlicher Prüfung: „Die Phänomenologie und Psychologie des Trickfilms. Analytische Untersuchungen über die phänomenologischen, psychologischen und künstlerischen Strukturen der Trickfilmgruppe“.

Die Doktorarbeit von Holtz untersucht die spezifischen Wirkungsgesetze insbesondere der amerikanischen Animationsfilmproduktion. Neben Walt Disney werden Max Fleischer und Paul Terry als wichtigste Vertreter der weltweit bedeutsamsten Animationsfilmschule gewürdigt, in einer Zeit, als diese Filme in Deutschland nicht mehr öffentlich zur Aufführung kommen.

Es ist die erste wissenschaftliche Arbeit ihrer Art in Deutschland, die dem gesteigerten Interesse am Animationsfilm Rechnung trägt. Im Lebenslauf von Holtz heißt es: „Im Winter-Semester 1934/35 wurde ich an der Hansischen Universität eingeschrieben. Neben historischen, literaturgeschichtlichen und sprachlichen (Englisch, Japanisch) Forschungen waren meine hauptsächlichen Wissenschaftsgebiete: Psychologie, Philosophie und Psychopathologie.“ (S. 59)

Als Lehrer nennt Holtz Prof. Dr. G. Anschütz, Dr. Ritter und Prof. Dr. Bürger-Prinz: „Ihnen und besonders Herrn Prof. Dr. Anschütz verdanke ich den größten Teil meiner wissenschaftlichen Bildung.“ (S. 59)

Hans Bürger-Prinz (1897–1976) war Mediziner und Psychiater, ein Nachkomme von Gottfried August Bürger. Seit 1937 war er Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie, seit 1933 Mitglied der NSDAP und der SA, außerdem des NS-Lehrerbundes, des NS-Ärztebundes und des NS-Dozentenbundes. Als ehrenamtlicher Richter am Erbgesundheitsgericht war er in Entscheidungen zur Zwangssterilisation involviert. Dr. Joachim Ritter (1903–1974) war Dozent für Philosophie und zum außerplanmäßigen Professor ernannt worden. Am 11. Mai 1933 war er einer der Unterzeichner des Bekenntnisses der Professoren an den Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat, seit 1937 Mitglied der NSDAP, der NS-Studentenkampfhilfe, des NS-Lehrerbunds und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.

Die von Holtz zusammengestellte Filmografie nennt 76 Filme, darunter zwei Langfilme: Prinz Achmed und Snow White and the Seven Dwarfs. Die meisten Titel stammen aus der Produktion des hier so genannten „Pressezeichners“ Walt Disney, ein wenig noch von Fleischer und Terry. Den deutschen und europäischen Animationsfilm sieht Holtz gegenüber dem amerikanischen deutlich im Rückstand. So lasse sich in Deutschland „eine wesentliche Verbreitung irgendeiner Trickfilmart nicht aufzeigen“. Der Animationsfilm hierzulande bestünde vielmehr aus „Einzelleistungen. […] Es sind dies die von Gebrüder Fischinger (besonders Oskar F.) produzierten synästhetisch-abstrakten Filme, ferner Lotte Reiniger (Scherenschnittfilme im Märchenstil), Kurt Stordel (Zeichentrickfilme, vornehmlich Märchen), Gebrüder Diehl (Märchentrickfilme) sowie verschiedene andere.“ (S. 10) Auch einige „Abstrakte“ werden nicht verschwiegen: Walter Ruttmann, Viking Eggeling, Max Endrejat, Man Ray, Oskar Fischinger.

„Der amerikanische Zeichentrick verdankt seinen Ursprung im Hinblick auf seine heutige Bedeutung der eigenartigen Zusammensetzung in rassischer und sprachlicher Hinsicht des nordamerikanischen Völkergemisches und der sich daraus ergebenden Schwierigkeit einer übersprachlichen Verständigung auf seelischem Gebiet. Es ist zur Genese des Trickfilms zu bemerken, dass diese höchstwahrscheinlich aus den innerhalb der amerikanischen Tagespresse einen großen Raum einnehmenden Phasenzeichnungen [Comic Strips] herzuleiten ist. Das Auffällige an diesen Zeichnungen ist die Armut an textlichen Erklärungen. Die gezeichneten Situationsabläufe verstehen sich ohne Kommentar aus dem Bilde selbst. Nur ganz gelegentlich findet man eingestreute kurze Ausrufe. Es ist offensichtlich, dass nur diese Art innerhalb der USA. mit ihren nach Hunderttausenden zählenden Einsprengungen fremder Völker und Rassen eine allgemeine Verbreitung finden konnten.“
(S. 29)

Die auffälligste gemüthafte Empfindung, die vom Zeichentrickfilm im Betrachter ausgelöst werde, sei die des Lachens. (S. 49) Beim Humor gehe es um die Verwurzelung in der Weltanschauung: „Auch wir sind der Ansicht, dass von einem höheren Gesichtspunkt aus das, was wir im besten Sinne Humor nennen, eine weltanschauliche Getragenheit voraussetzt.“ (S. 51)

„Das durch den amerikanischen Film erzeugte Lachen ist explosiver Arzt und enthält starke Anteile von Schadenfreude, wie überhaupt die durch ihn ausgelösten Reaktionen aus primitiven Funktionen im Zuschauer herrühren, was keinesfalls besagen soll, dass gebildete Persönlichkeiten diesem Reiz gegenüber unzulänglich seien. Demgegenüber löst der deutsche Trickfilm, etwa als Silhouettenfilm, nicht solche heftigen Wirkungen aus. Das Lachen ist vielmehr leiser, innerlicher und meistens auch wärmer, was schon aus der Ideologie unserer Filme erhellt. Hier ist der Ausdruck Humor viel berechtigter als beim amerikanischen Film. Immerhin ist es auffällig, dass in Deutschland, dem Land Reuters und Buschs, eine so geringe Zahl von lachenerregenden Filmen produziert werden [sic!]. Wir möchten dies aus der spezifischen Begabung des Deutschen für den Humor und der Schwierigkeit seiner Darstellung im Film erklären, genau so wie die besondere Begabung der Angelsachsen für die Groteske und den Situationshumor (Twain, Swift, Jerome) die Voraussetzung für das Entstehen der komischen Phasenzeichnungen [Comic Strips] und des Zeichentrickfilms amerikanischer Prägung ist.“
(S. 52)

Publikationen

Reinhold Johann Holtz: Die Phänomenologie und Psychologie des Trickfilms. Analytische Untersuchungen über die phänomenologischen, psychologischen und künstlerischen Strukturen der Trickfilmgruppe. Hamburg 1940

Rund um den Trickfilm. Seine Erscheinungsformen in Europa und Amerika. In: Film-Kurier, Nr. 223, 28.9.1940

 

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