16. März 2017

Sonderausstellung „Animationsfilmkollektive“

©DIAF-Archiv

7. April bis 17. September 2017 in den Technischen Sammlungen Dresden

Animationsfilmschaffende arbeiten zumeist als Einzelkämpfer bzw. Freiberufler für große Studios, organisieren sich jedoch in den letzten Jahren zunehmend auch jenseits von etablierten Strukturen. Kollektive haben sich dabei als kreative und hocheffiziente Bündnisse mit großem künstlerischen Potential erwiesen. Sie ermöglichen hochkarätig Ausgebildeten die äußerst kritischen beruflichen Anfangsjahre erfolgreich gemeinsam zu bewältigen und bieten zudem Freischaffenden die Möglichkeit, regelmäßig an anspruchsvollen Projekten mitzuarbeiten. Mit vielfach prämierten und international renommierten Debüt- bzw. Diplomfilmen wie 458 NM (2006) oder Flamingo Pride (2011) ist Animationsfilmkollektiven wie Polynoid und Talking Animals gemeinsam, dass sie meist von verbündeten Absolventen eines Animationsstudiengangs gegründet werden und auf fixe Hierarchien verzichten. Bewährte Arbeitsformen aus dem Studium werden übernommen und abgewandelt, wie das Rotieren von Aufgaben aus dem Curriculum des ersten Studienjahres an der Filmakademie Baden-Württemberg. Jedem bietet sich dabei die Möglichkeit, sich in unterschiedlichen Konstellationen abwechselnd als Regisseur, Zeichner, Kameramann, Produzent zu betätigen. Dies ist jenseits der spannenden und oft maßgebenden künstlerischen Dynamiken allein als Produktionsmodell bemerkenswert. Denn wie eine aktuelle Studie der AG Animationsfilm als Bundesverband der deutschen Animationsfilmbranche offenbart, ist aufgrund fehlender Kontinuität in der Beschäftigung und mangelnder Bezahlung die Situation der Animationsfilmer prekär und bietet nur spärliche Zukunftsperspektiven.

Der Zusammenschluss ehemaliger Absolventen deutschsprachiger Filmhochschulen in der letzten Dekade ist ein gelingendes Modell, bei dem sich Talente nach großartigen Diplomfilmen auch weiterhin schöpferisch entwickeln und ihren Beruf mit einem hohen Maß an künstlerischer Freiheit ausüben können. Auch einer früheren Generation von Filmemachern bot sich das Kollektiv als Organisationsform, um sich zu konstituieren und beispielsweise in Ludwigsburg als Studio Soi (entstanden 2002) oder in Stuttgart als Studio FILM BILDER (entstanden 1989) sehr erfolgreich zu etablieren.

Talking Animals

Die vielfach preisgekrönten Kurzfilme der 2009 in Berlin als Gemeinschaftsstudio gegründeten Talking Animals sind stilistisch mannigfaltig – knallig, rotzig, poetisch, raffiniert. Von klassischer 2D- bis zu künstlerischer 3D-Animation werden sinnliche bis kritische Themen umgesetzt. Flamingo Pride als Debütfilm der Talking Animals entstand als Kooperation mit der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf (damals Hochschule für Film und Fernsehen). Dort hatten sich während des Animationsfilm- bzw. Filmmusikstudiums die vierzehn Animals-Gründungsmitglieder kennen gelernt. Von Anfang an setzten die Animals, darunter Michał Krajczok und Marian Mentrup als Sounddesigner, auf eine zweigleisige Produktionsschiene, Auftragsfilme einerseits und freie künstlerische Projekte andererseits. Seitdem sind über vierzig Projekte realisiert worden: Kurz- und Kürzestfilme, Videoclips, Werbefilme aber auch freie Arbeiten. In Vorbereitung eines Langmetragefilms riefen fünf Animals 2015 die Lumatic GmbH ins Leben, ein neues Animations- und Visual-Effect-Studio in Berlin. Im Herstellungsalltag nutzen die Animals die Vorzüge ihres kreativen Verbundes:

„Wir arbeiten in unterschiedlichen Stilen und Herangehensweisen. So wird diese Position [die Regie] von der Person übernommen, deren Stil am ehesten zum Projekt passt. […] In unserem Kollektiv teilen wir uns Arbeitsräume, Ideen, Wissen und Freude an der Arbeit.“

www.talking-animals.com

© DIAF-Archiv, Foto: Christoph Reime

„Unser Ziel ist es, uns weiter zu entwickeln, zu lernen und gute Projekte und Filme dabei zu kreieren.“

Gregor Dashuber, Jan Koester, Pauline Kortmann, Michał Krajczok, Marian Mentrup, Sonja Rohleder, Veronika Samartseva, Milen Vitanov, Samuel Weikopf (Talking Animals)

Neuer Österreichischer Trickfilm

Als international orientiertes Studio entstand Neuer Österreichischer Trickfilm (NÖT) 2011 in Wien. Die Gründer Johannes Schiehsl und Conrad Tambour hatten sich bereits als Jugendliche zum Kollektiv piByte zusammengeschlossen. An der Filmakademie Baden-Württemberg beschlossen sie mit Benjamin Swiczinsky, den beruflichen Einstieg gemeinsam zu meistern:

„Zu dritt wollten wir alles dransetzen, coole Animationsfilme zu machen. In der Zusammenarbeit ist bis heute jeder gleichberechtigt. Je nach Projekt ist einer der Schirmherr, denn wir funktionieren nach dem Rotationsprinzip. Bei manchen Projekten sind wir zu dritt in der Regie kreativ.“

Benjamin Swiczinsky

Seit der Kollektivpremiere ihrer vielfach preisgekrönten Abschlussfilme 366 Tage (Johannes Schiehsl), Der Besuch (Conrad Tambour) und Heldenkanzler (Benjamin Swiczinsky) werden im Gemeinschaftsstudio diverse Charaktere erschaffen, die zumeist direkt digital gezeichnet werden. Das Werkspektrum von NÖT reicht von Kinderfilmen über Musikclips, Erklärfilmen und Animationen bzw. Effekten für europäische Koproduktionen bis hin zu freien Projekten und der Entwicklung eines abendfüllenden Animationsfilms. Witzig, tiefgründig und stilistisch vielfältig erschaffen sie oft Figuren aus österreichischen Milieus, denen namhafte Schauspieler wie Erwin Leder ihre Stimme leihen. Neben Arbeiten für Festivals, Kino, Fernsehen sowie Werbung zeichnet und produziert das Trio seit 2016 monatlich die selbstironische Webserie Birne, Schädel und Haupt mit dem charakteristischen dreiköpfigen Adler.

www.neuer-trickfilm.at

© DIAF-Archiv, Foto: Christoph Reime

„Wir haben ein Kollektiv gegründet, um den narrativen Animationsfilm in Österreich zu etablieren und unsere Kräfte zu bündeln.“

Johannes Schiehsl, Benjamin Swiczinsky und Conrad Tambour (Neuer Österreichischer Trickfilm NÖT)

Das Berner YK Animation Studio begann 2011 als Zusammenschluss von vier Absolventen der Hochschule Luzern (HSLU) in den Studiengängen Design und Kunst unter dem Namen Yeti Kollektiv mit dem Vorhaben, Zeichnungen, Modellen oder Dingen Leben einzuhauchen. Auftakt war das Musikvideo Phanamanation (2012) in der Ko-Regie von Lukas Pulver und Joder von Rotz. Die Arbeit mit schweizerischen Musikbands für animierte Clips bzw. für die exklusive Vertonung der YK-Showreels ist zu einer Konstante geworden.

Die Yetis verbündeten sich mit dem Ziel, den schwierigen Berufsanfang gemeinsam zu bewältigen. Jenseits der Entwicklung und Produktion von Kurzfilmen realisieren die vier Yetis Werbe- und Erklärfilme, Trailer sowie mini-AV-Formate wie Logoanimationen. Auch das Internet mit seinen besonderen Distributionskanälen und Formaten spielt dabei eine Rolle, so bei der Erstellung von GIFs (Graphics Interchange Format). Das spezielle Grafikformat wurde vor 20 Jahren entwickelt und erlaubt im Gegensatz zu JPEG-Dateien eine spezielle, für Webprofilbilder prädestinierte Animation. Zwei Jahre vertieften sich die Yetis in die internationale Adaption des gleichnamigen Kinderbuches ihres ehemaligen Dozenten Ted Sieger Molly Monster (2016), die als siebzigminütige Kinoproduktion 2016 Premiere feierte. Die intensiven Erfahrungen u. a. in der Regieassistenz bestärkten sie darin, sich für den künstlerischen (Kurz)film stark zu machen.

Konsequente Farbkonzepte gepaart mit einer graphisch dominierten Ästhetik und einer großen Experimentierlust zeichnen die Arbeitsweise der Yetis aus.

www.yk-animation.ch

© DIAF-Archiv, Foto: Christoph Reime

„Animation ist ein Teamsport – das ist der Grund, warum wir uns zum Yeti Kollektiv zusammengeschlossen haben.“,

Joder von Rotz, Lukas Pulver, Sebastian Willener und Ramon Schoch (YK ANIMATION STUDIO)

Die Gründungen von Talking Animals, Neuer Österreichischer Trickfilm und YK Animation Studio öffnen den Blick auf die Animationsfilmkollektive als einer erstarkenden Bewegung im Spannungsfeld von freier Kunst und auftragsgebundenem Kommerz. In der Animationsfilmrezeption beschert dies weit über den deutschsprachigen Raum hinaus unzählige Momente der Verzückung und des Staunens auf Festivals, im Kino, im Fernsehen, im Internet und erstmals in einer Sonderausstellung.