Zeichentrickregisseur Lutz Stützner verstorben

Lutz Stützner, August 2021. ©DIAF/Steffen Füssel
Lutz Stützner, August 2021. ©DIAF/Steffen Füssel

14. April 1957 – 6. September 2021

Mit großem Bedauern hat das DIAF vom plötzlichen Tod des Trickfilmers Lutz Stützner erfahren. Dem zuletzt ersten Vorsitzenden des Vorstandes verdankt das Deutsche Institut für Animationsfilm einen Großteil seines heutigen Bestandes, denn Lutz Stützner war es unter anderem, der 1992 den künstlerischen Nachlass der Produktionsstätte in Form von Puppen, Zeichenfolien, Entwurfszeichnungen, Fotos und Dokumenten des abgewickelten Studios rettete und damit den Grundstein für die Sammlung des DIAF legte.

Lutz Stützner mit Regisseurin und Dramaturgin Marion Rasche, August 2021. ©DIAF/Steffen Füssel

Lutz Stützner mit Regisseurin und Dramaturgin Marion Rasche, August 2021. ©DIAF/Steffen Füssel

Geboren 1957 in Königsbrück, absolvierte Lutz Stützner nach Abschluss der Polytechnischen Oberschule in Dresden (1963–73) zunächst eine Berufsausbildung als Dekorateur/Gebrauchswerber mit Spezialisierung Plakatmaler (bis 1975), wodurch er in Kontakt mit dem damaligen künstlerischen Leiter des DEFA-Studios für Trickfilme, Otto Gerd Müller, kam, der ihn dazu ermunterte, sich zu bewerben. Dort arbeitete er zunächst als Volontär und Zwischenphasenzeichner und stieg nach seinem Wehrdienst (1978/79) zum Animator auf. Parallel zu seiner Arbeit studierte er Gebrauchsgrafik an der Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin (1979–82). Im Anschluss war er in wechselnder Funktion als Animator, Gestalter, Autor und Regisseur bis zur Schließung des Dresdner Studios tätig, welches er 1992 als letzter Animator verließ.

Monument, Klaus Georgi/Lutz Stützner, DDR 1989. ©DEFA-Stiftung/Helmut Krahnert

Monument, Klaus Georgi/Lutz Stützner, DDR 1989. ©DEFA-Stiftung/Helmut Krahnert

Zu seinen bekanntesten Filmen dieser Zeit gehören die Mausi und Kilo-Reihe (1986–89), Die Panne (1988) und Inselwitz (1990). Seine Kurzfilme Konsequenz (1987) und Monument (1989) wurden für die Retrospektive „Rebels with a Cause“ ausgewählt, die 2005 ihre Premiere im New Yorker Museum of Modern Art feierte.

Im Anschluss war Lutz Stützner für verschiedene Trickfilmstudios tätig, darunter ILFO-Film-Music, Studio 88 und MotionWorks, wo er unter anderem an Der kleine König Macius (Serie 1998–2007, Film 2007), Der kleine Eisbär (2001), Die Hexe und der Weihnachtsmann (Ein Weihnachtsmärchen, 1994) und Die Abenteuer des jungen Marco Polo (2013–18) arbeitete.

Werbematerial mit Dixielandfestival-Maskottchen „Dixie“, gestaltet von Lutz Stützner. ©Stadtwiki Dresden/Benutzer:Tanja, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Werbematerial mit Dixielandfestival-Maskottchen „Dixie“, gestaltet von Lutz Stützner. ©Stadtwiki Dresden/Benutzer:Tanja, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nebenbei betätigte sich Lutz Stützner als Comiczeichner und Designer von Werbefiguren: So stammen die Comic-Reihe „Oswin“ (1990–2003 in der Sächsischen Zeitung, 1998 als Buch erschienen) sowie das Dixieland-Nilpferd, der Bio-Wetter-Wuschel des MDR und zuletzt eine Affenbande für die Porzellanmanufaktur Meissen aus seiner Feder.

Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für das DIAF war Lutz Stützner auch als Vorstandsmitglied und Zeichentricklehrer beim Fantasia Dresden e. V. aktiv: Gegründet im Jahr 2000, führt die Trickfilmschule kreative junge Leute in regelmäßig Kursen und dem jährlich stattfindenden internationalen Workshop ANIMA an die Herstellung von Animationsfilmen heran.

Till Grahl

Abschied von Lutz

Lieber Lutz,

nachdem Du Dich leise und heimlich auf so unfaire Weise davongestohlen hast, sind die Erinnerungen an Dich so präsent, als wärst Du nur einmal kurz zum nächsten Filmfestival gefahren und würdest in drei Tagen zurück sein.

Besonders erinnere ich mich an eine Begegnung, als wir wohl das erste Mal miteinander gesprochen haben. Es war wie eine Szene aus einem Film, einem Trickfilm natürlich. Ich stand an der Haltestelle unten in Wölfnitz und wartete auf den Bus, der mich zum Studio bringen sollte. Da näherte sich mir ein großes Paket Bettzeug, geschätzt Decken und Kopfkissen für eine vielköpfige Familie. Das Bettenpaket, von dessen Träger ich nur die Beine und nichts weiter sah, hielt einen kleinen Jungen an der Hand. Als der Bus kam, hatte das Paket Mühe, sich selbst und den Jungen so zu koordinieren, dass es einsteigen konnte. Inzwischen hatte ich auch erkannt, wer solcherart getarnt da stand: Lutz Stützner, ein Kollege aus dem Zeichentrick, mit dem ich allerdings noch nie ein Wort gewechselt hatte. Die drei, Du, das Paket und der kleine Junge, machten Anstalten, den Bus zu entern, was ziemlich bemüht aussah. Da sagte ich: „Herr Stützner, ich nehme Ihr Paket und Sie Ihren Sohn und da wird das Einsteigen schon klappen.“ Oben am Berg angekommen, nahmst Du mir das Paket wieder ab, schnapptest Dir Deinen Sohn und meintest: „Danke schön, hier wohne ich übrigens schon.“ Ich erwiderte: „Optimal, nur aus der Haustür fallen und schon am Arbeitsplatz sein“, und dachte leicht neidvoll an meinen Arbeitsweg von 70 Minuten, wenn alles gut ging.

Du entgegnetest, dass das wirklich optimal sei und Deine Arbeit sei das sowieso. Als wir dann wenig später zusammen an einem Film arbeiteten, merkte ich, dass der Animationsfilm und Deine Familie die beiden Fixpunkte in Deinem Lebenskosmos waren.

Der Ausdruck, dass Beruf etwas mit Berufung zu tun hat, war für Dich Lebensrealität. Du hast Dich jedem Film mit solch einer Leidenschaft und Begeisterung genähert, als ob Du das Medium Animationsfilm jedes Mal von Neuem für Dich entdecken würdest.

Die Initialzündung für diese lebenslange Leidenschaft war für Dich der sowjetische Animationsfilm Die goldene Antilope, der Dich mit seiner Schönheit und Eleganz in Design und Bewegung so verzaubert hat, dass Du schon im zarten Grundschulalter wusstest, was Du einmal später machen wolltest: Trickfilme! Sich Geschichten ausdenken, ihnen beseelte Bewegung verleihen, zeichnen, malen, gestalten.

Und das hast Du geschafft! Welch ein Geschenk, seine Leidenschaft zur lebenslangen Profession werden zu lassen und damit zudem auch erfolgreich zu sein.

Dein Ringen um Perfektion in der Story, Deine erzählerische Sicherheit, die Stimmigkeit der Figuren, die Du zeichnerisch zum Leben brachtest, Dein Sinn für treffsichere Pointen, all dies zeichnet Deine Filme, Deine künstlerische Arbeit aus und ich habe es stets als Vergnügen betrachtet,

mit Dir arbeiten zu dürfen. Dabei ging es Dir nie um künstlerische Eitelkeiten, mit denen man sich ja auch profilieren kann. Es ging Dir immer nur um die Sache, um den Film: Nämlich Deine Einfälle und Ideen filmisch so optimal wie nur irgend möglich umzusetzen.

Deshalb brachte auch die Zeitenwende ʼ89 keinen Verlust an Arbeitsmöglichkeiten, sondern eher neue Herausforderungen, die Du alle, wenn auch manchmal als großen Kraftakt, gemeistert hast. Deine Leidenschaft für das Zeichnen, egal ob Film, Comics, Karikaturen, war Dein Kompass, der Dich immer an die richtige Destination geführt hat.

Nach der Wende, zu der Zeit, als sich die nahezu gesamte DDR in einem Rausch des Wegwerfens befand und alles Wünschen nicht mehr geholfen hat, warst Du es, der Barbara Barlet und mich immer informiert hat, um uns zu sagen, wenn sich die Container auf dem Studiogelände wieder mal mit unwiederbringlichen Filmartefakten gefüllt hatten. Dann haben wir uns als „Containerwölfe“ betätigt und die Dinge im damaligen Kulturhaus PENTACON sichergestellt. So warst Du in dieser wilden Zeit Unser Mann in Havanna. Auch dafür sei Dir noch einmal gedankt. Du hast auf diese Weise neben vielen Anderen Deinen Beitrag zur Entstehung und Etablierung des DIAF beigetragen.

Lutz Stützner kurz vor der Ausstellungseröffnung "Animierte Malerei", 2019. ©DIAF/Elena Pagel

Lutz Stützner kurz vor der Ausstellungseröffnung »Animierte Malerei«, 2019. ©DIAF/Elena Pagel

Wenn Du auch nicht von Anfang dabei warst, so warst Du doch in letzten zehn Jahren tatkräftig für das DIAF tätig. Zunächst als Vorstandsmitglied, zuletzt sogar als Erster Vorstand. Du hast ohne zu zögern mit angepackt, wenn es galt, Beräumungsarbeiten durchzuführen, hast Filmmaterialien Deiner eigenen Filme dem DIAF überlassen, konzeptionell mitgearbeitet, Gestaltungs- und Layout-Arbeiten kostenlos übernommen und den ganzen alltäglichen ärgerlichen Kleinkram mit getragen.

Du hast es ganz einfach verstanden, neben Deinen eigenen Filmprojekten und Deiner ehrenamtlichen Arbeit im Studio Fantasia, wo Du Deine Leidenschaft für den Animationsfilm an Kinder weitergegeben hast, die Geschicke des DIAF mit Deiner zupackenden Art in ruhiges Fahrwasser zu geleiten. Eine Arbeit, die nicht immer leicht war, weil sie Kraft und selbstloses Engagement erforderte.

Und nun hast Du Dich einfach davongemacht, bist so überraschend gegangen, dass es uns den Atem genommen und sprachlos und traurig zurückgelassen hat.

Aber, das kann freilich nur ein kleiner Trost sein, dennoch: Energie verschwindet nicht, sie wandelt sich nur und ist doch immer existent.

Als Du über die Regenbogenbrücke gegangen bist, hast Du Dir sicher von jeder Farbe ein bisschen genommen und nun bist Du irgendwo im Nirgendwo und malst die Dinge der Schöpfung: schön, elegant und mit ganzem Herzen und aller Fantasie und Leidenschaft.

Sabine Scholze

 

Nachruf von Ralf Schenk im Filmdienst