10. April 2012

Lebende Schatten beim 19. ITFS

Die chinesische Nachtigall, Rudi Klemm/Julius Pinschewer, D 1928
Die chinesische Nachtigall, Rudi Klemm/Julius Pinschewer, D 1928

Vom 8. bis 13. Mai 2012 findet das 19. Internationale Trickfilm Festival Stuttgart statt, u. a. mit drei DIAF-Programmen zum deutschen Animationsfilm.

Im Rahmen des Festivalschwerpunkts stellt das Deutsche Institut für Animationsfilm in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Trickfilm Festival Stuttgart und der DEFA-Stiftung die Arbeiten des langjährigen DEFA-Silhouettenfilm-Regisseurs Bruno J. Böttge sowie von Rudi und Anneliese Klemm vor, die sich u. a. mit dem ersten deutschen Werbetonfilm Die chinesische Nachtigall und durch ihre Mitarbeit an der Kult-Serie Äffle & Pferdle in die deutsche Animationsfilmgeschichte eingeschrieben haben.

Die kleine Hexe, Bruno J. Böttge/Manfred Henke, DDR 1982, ©DIAF-Archiv

Die kleine Hexe, Bruno J. Böttge/Manfred Henke, DDR 1982, ©DIAF-Archiv

Lebende Schatten – Silhouettenfilme von Bruno J. Böttge

Lotte Reiniger, die große Meisterin der Silhouettenanimation, schreibt 1973 aus Großbritannien einen Brief an Bruno J. Böttge (1925–1981), den Regisseur und Mitbegründer des DEFA-Studios für Trickfilme in Dresden: „Lieber Herr Böttge, [ich] war immer sehr gerührt davon, mit welchem Respekt Sie von mir reden! Ich meinerseits versäume es nie, wenn ich gefragt werde, ob ich in meinen Lehren Kunstnachfolger gefunden habe, stolz zu antworten: Jawohl, Herrn Bruno Böttge in Dresden.“ Wie Lotte Reiniger hatte sich auch Bruno J. Böttge bereits als Kind für die Kunst des Schattenrisses begeistert. Und er versichert ihr in seinem Antwortschreiben: „Sie können sich sicher sein, dass ich mir große Mühe gebe, meiner Meisterin keine Schande zu machen.“

Er studiert für seine eigenen filmischen Umsetzungen der Technik nicht nur die Filme Lotte Reinigers. Ab 1951 beginnt er mit Experimenten, um seine Vorstellungen der Möglichkeiten des Silhouettenfilms zu vervollkommnen. Mit viel Überzeugungsarbeit in Form von zahlreichen Briefen an die Studioleitung gelingt es ihm, diese oft als eigenwillig eingestufte Animationsform in der Animationslandschaft der DEFA zu etablieren.

In seinen 50 Filmen für das DEFA-Studio für Trickfilme animiert er Märchen (Die Geschenke des Graumännchens, 1957, zählt hier zu seinen größten – auch internationalen – Erfolgen) und abstrakte Geschichten (Pünktchen, 1964), aber auch Parabeln auf allzu Menschliches (z. B. Ent- oder Weder, 1964, oder Liebe und Computer, 1971) und offizielle Arbeiten für die staatliche Propaganda der DDR (30. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, 1974, oder Es blühen die roten Nelken, 1976).

Zudem experimentiert er mit den verschiedenen Möglichkeiten der Kombination von Flachfiguren- und Silhouettenanimation.

Die DEFA-Stiftung und das Deutsche Institut für Animationsfilm präsentieren zwei Programme mit Filmen des bedeutenden DEFA-Animationskünstlers Bruno J. Böttge für erwachsene und jugendliche Zuschauer. (Anja Ellenberger)

Bruno-Böttge-Kinderprogramm

am Mittwoch 9. Mai, um 15 Uhr, Metropol 3

Die Geschenke des Graumännchens, 1957, 16 min
Die kleine Hexe, 1982, 26 min
Die Zauberschere, 1957, 19 min

Bruno-Böttge-Erwachsenenprogramm

am Mittwoch 9. Mai, um 17 Uhr, Metropol 3

Liebe und Computer, 1971, 11 min
Gegner nach Maß, 1963, 5 min
Ent- oder Weder, 1964, 4 min
Ich sehe das so, 1958, 6 min
Nicht mit mir, 1974, 4 min
Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, 1974, 2 min
Da helfen keine Pillen, 1960, 14 min
Kinder, Kinder, 1968, 10 min
Pünktchen, 1964, 8 min
Besuch vom anderen Stern, 1980, 6 min
Die rote Blume, 1974, 9 min

Äffle und Pferdle von der Vorzeichnung und dem Storyboard zur konturierten und kolorierten Figur, Armin Lang/Roland Töpfer/Anneliese Klemm

Äffle und Pferdle von der Vorzeichnung und dem Storyboard zur konturierten und kolorierten Figur, Armin Lang/Roland Töpfer/Anneliese Klemm

Rudi und Anneliese Klemm – Von der Silhouettenkunst zum Zeichenfilm-Kult

Rudi Klemm kam als Graphiker und Architekt von der Stuttgarter Kunstgewerbeschule Mitte der 1920er mit der Berliner Künstlerszene in Kontakt. Diese Begegnungen, wie z. B. mit Berthold Bartosch, werden sein Leben und Schaffen prägen. Der Werbefilmpionier Julius Pinschewer produziert mit dem jungen, künstlerisch begabten Mann Die chinesische Nachtigall (1928), den weltweit ersten Werbetonfilm, der stark von Klemms filigraner, ideenreicher Silhouettenkunst lebt, wie auch Tres Caballeros (1930) über eine Prinzessin mit Kopfschmerzen. Aber auch mit Puppenanimation wirbt Rudi Klemm, wie z. B. für Nivea mit Katharine (1938). Bei Epoche-Gasparcolor lernt er seine spätere Ehefrau Anneliese Klemm kennen, die hier ihre ersten Animationserfahrungen mit technischen Lehrfilmen sammelt, bevor sie ab 1942 bei der Deutschen Zeichenfilm GmbH u. a. für Gerhard Fieber die Hauptfigur aus Armer Hansi (1943) koloriert und konturiert.

Rudi Klemm ist während des Krieges Kameramann in der Luftfahrtforschung. Ab 1949 ist das junge Paar in Stuttgart ansässig. Rudi Klemm fertigt farbige Scherenschnitte als Buchillustrationen und künstlerische Arbeiten. Gemeinsam arbeiten die Klemms mit Kamera und Tricksequenzen für unterschiedliche Regisseure und Auftraggeber: Seien es ein Porträt des renommierten Stuttgarter Künstlers Willi Baumeister (1954) oder Agrar-Lehrfilme wie Die Zuckerrübe (1950).

Rudi Klemm verstirbt mit nur 51 Jahren 1955 nach schwerer Krankheit. Auf sich gestellt, gelingt es Anneliese Klemm auf besondere Weise, in der süddeutschen Animationsfilmbranche Fuß zu fassen. Bald ist sie nicht ‚nur‘ Konturistin und Koloristin, wie so viele ihrer weiblichen Kolleginnen in der Zeit, sondern besetzt mit eigenem Atelier inkl. Aufnahmetechnik eine Ausnahmeposition als Frau in der Branche. Bedeutende Zeichner und Regisseure aus Stuttgart und München, die mit ihren Filmen und Serien das damalige Fernsehen prägen, greifen auf Anneliese Klemms Erfahrungen, handwerkliches Können, Präzision und Technik zurück. Sie wirkt an der Äffle & Pferdle-Serie (1960–2001) von Armin Lang mit, wie auch an dessen Film Die Propellerinsel (1974) nach Jules Verne. Sie arbeitet mit dem Vater des HB-Männchens Roland Töpfer, dem Ausnahmekünstler Flo Nordhoff sowie den Regisseuren Jo Martin und Lajos Remenyik. Mit letzterem dreht sie Unser Garten (1976).

Programm 

Die chinesische Nachtigall, Rudi Klemm/Julius Pinschewer, Deutschland 1928, 9 min
Tres caballeros, Rudi Klemm, Deutschland ca. 1930, 8 min
Katharine, Rudi Klemm, Deutschland 1938, 2 min
Armer Hansi (Ausschnitt), Frank Leberecht, Deutschland 1943, 1 min
Farbige Silhouetten-Illustrationen von Rudi Klemm
Die Zuckerrübe – Königin unserer Kulturpflanzen (Ausschnitt), Ernst Munck, BRD 1952, 3 min
Neue Kunst – Neues Sehen, Ottomar Domnick, BRD 1954, 5 min
Äffle und Pferdle (Zusammenschnitt), Armin Lang, BRD 1960–2001, 7 min
Die Propellerinsel II. Teil (Ausschnitt), Armin Lang/Karl Wägele, BRD 1974, 5 min
Unser Garten, Lajos Remenyik, BRD 1976, 5 min
Kalif Storch, Rudi u. Anneliese Klemm, Deutschland 2002, 10 min

Ein Filmgespräch mit Anneliese Klemm mit Filmen und Filmausschnitten, Arbeitsfotos und graphischen Arbeiten am Sonntag, 13. Mai, um 15 Uhr im Metropol 3. (André Eckardt)