Kurzfilmnacht ANIMANIA im Hofkino FMP1 in Berlin

Passage, Raimund Krumme, D 1994, ©Raimund Krumme
Passage, Raimund Krumme, D 1994, ©Raimund Krumme

Im Animationsfilm bedarf es manchmal nur zwei Minuten, um Gedanken über den Sinn des Lebens lässig auf den Punkt zu bringen (Megatrick, 2017). Der Blick der Künstlerinnen und Künstler auf allgemeine und konkrete gesellschaftliche (Schief-)Lagen ist mal hoffnungsfroh, mal bissig. Mit heiter-melancholischem Stoizismus dekliniert Jochen Kuhn selbstironisch das Wagnis, einer anonymen Online-Bekanntschaft konkret zu begegnen (Sonntag 3, 2013). Eine blaue Maus mit ansteckender Lebenslust, eine gedrillte Vogelschar mit aufmüpfigem Nachwuchs (Die Lösung, 1988) und Hermas verwandlungswütige Nichte Meta – mit diesen und vielen anderen Figuren wurde das DEFA-Studio für Trickfilme in Dresden international bekannt. Gegründet vor dreiundsechzig Jahren entstanden in Dresden insbesondere Zeichen-, Puppen- und Silhouettenkinofilme. Die Dresdner Animationsfilmschaffenden liebten ihre kleinen und großen Zuschauerinnen und Zuschauer und begeisterten sie mit fantasievollen und bisweilen gewagten Erkundungen. Ihre Arbeit, die noch ganz ohne Computer auskam, machte mit Papier, Holz, Stoff, allerhand Alltagsgegenständen und diversen weiteren Materialien immer wieder die Poesie der Dinge sichtbar. Nach Jahren im Exil in England von 1939 bis 1950 entwickelte Kurt Weiler in der DDR völlig neuartige Formen des Puppen- und Collage-Animationsfilms. Ob zauberhafte Peter-Hacks-Gedichtadaption (Die Suche nach dem Vogel Turlipan, 1979) oder geistreiche Polemik um die Theorie der allmählichen Annäherung kapitalistischer und sozialistischer Industriestaaten (Floh im Ohr, 1970): Mit erstaunlicher Kompromisslosigkeit setzen seine Geschichten auf Verknappung und Abstraktion.

Das Deutsche Institut für Animationsfilm bewahrt und präsentiert Schätze des deutschen Animationsfilmschaffens, darunter das vielfältige Erbe des einstmals größten deutschen Animationsfilmstudios: Das DEFA-Studio für Trickfilme Dresden produzierte zwischen 1955 und 1992 rund 1.500 Animationsfilme. Anlässlich seines 25. Geburtstags zeigt das Institut ausgewählte Werke aus dem deutschen Animationsfilmschaffen der vergangenen sieben Jahrzehnte ‒ von klassisch bis satirisch, von sagenhaft bis sonderbar, von „lebendigen“ Kugelschreiber-Zeichnungen bis zu aufwendigen Figurenanimationen.

Es lebe der Animationsfilm!

Einführung durch Nadja Rademacher, kuratorisch-wissenschaftliche Leiterin des DIAF

Datum/Zeit: Mi, 15.8.2018, 20.45 Uhr
Ort: Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin-Friedrichshain
Eintritt: 6 Euro/5 Euro (ermäßigt)
weitere Infos: Website Hofkino FMP1

Die Filme

Megatrick
D 2017, 2 Min., Zeichenanimationsfilm, Regie: Anne Isensee
Eine kleine Metapher auf das Leben.

Gegner nach Maß
DDR 1963, 5 Min., schwarz-weiß, Silhouettenanimationsfilm, Regie: Bruno J. Böttge
Duellanten kämpfen am Ende vor allem gegen ihre eigenen Schwächen an – Papierheld bleibt Papierheld.

Blaue Mäuse gibt es nicht
DDR 1957, 11 Min., Zeichenanimationsfilm, Regie: Klaus Georgi
Eine Mäusefamilie begegnet auf ihrem Sonntagsspaziergang einer hungrigen und verspielten kleinen blauen Maus.

Floh im Ohr
DDR 1970, 12 Min., Farbe, Puppenanimationsfilm, Regie: Kurt Weiler
Die Raubtiere haben die alten Fangmethoden durch neueste Technik und Psychologie aufgegeben. Und die Pflanzenfresser?

Meta Morfoss
DDR 1979, 16 Min., Farbe, Zeichenanimationsfilm, Regie: Monika Anderson
Meta hat eine besonderen Gabe. Sie beherrscht die Kunst der Verwandlung – unbedacht erscheint sie als Engel, Krokodil …

Die Lösung
DDR 1988, 3 Min., Farbe, Zeichenanimationsfilm, Regie: Sieglinde Hamacher
Ein Vogelschwarm – wie der Chef schauen alle in eine Richtung. Der kleinste Vogel jedoch freut sich lieber des Lebens.

Passage
D 1994, 7 Min., Zeichenanimationsfilm, Regie: Raimund Krumme
Ein zugefrorener See. Wer überlebt: Diener oder Meister? Klassenkampf auf Glatteis voller Absurdität und Anmut.

Sonntag 3
D 2013, 14 Min., Zeichenanimationsfilm, Regie: Jochen Kuhn
Jochen hat eine Frau kennengelernt – online und anonym. Beim ersten Treffen in einem Café staunt er nicht schlecht.

Josette und ihr Papa
D 2010, 7 Min., Knetanimationsfilm, Regie: Izabela Plucinska
Ein Mädchen sucht nach seinem Vater, der sich versteckt hat. Nach einem Kinderbuch von Eugène Ionesco.