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1832 war die Animationswelt noch eine Scheibe. Bilder und Ornamente wurden als Bewegungsfolge auf Pappe gezeichnet. Drehte der Betrachter diese Scheibe, so gerieten die rotierenden Bilder scheinbar in Bewegung. So nüchtern das gerade entdeckte optische Prinzip, so uncharmant der Name für das neue Medium: Phenakistiskop. Allerdings führte die Faszination für die zum Leben erweckten phantastischen Welten schnell zu Namen, die mehr Neugier weckten. Das „Wunderrad“ zeigte Kröten spuckende Fratzen, artistische Wunder, pochende Herzen, komische Szenen und psychedelische Muster. Die Macher agierten zwischen Wissenschaft, Kunst und Unterhaltung. Die Scheiben waren ein Heimkinozum in die Hand nehmen, käuflich zu erwerben wie heutzutage eine DVD und nichtzuletzt der unmittelbarste Ursprung des Animationsfilms.


Derzeit erlebt das Wunderrad eine erstaunliche Renaissance. Künstler wie Reuben Sutherland, Theodore Ushev und Clemens Kogler nutzen das historische Medium für ihre Kurzfilme, Musikvideos und Live-Performances. Die Nähe zur aktuellen Musikkultur rührt u.a. von zwei Einschränkungen des Wunderrads her: eine sehr begrenzte Anzahl von Bildern (6 bis 32) sowie dass Anfangs- und Schlussbild der Bildfolge gleichartig sind, um den Beginn und das Ende einer Szene zusammenzuführen. Erzählt wird in kurzen Loops – dem Grundbaustein von Popmusik mit ihren Repetitionen in Beat und Klang. Zudem können Scheiben heutzutage neben Bewegtbildern auch Klänge wiedergeben. Picturediscs und Plattenspieler liefern den Groove und drehen das Wunderrad für die Animation-disc-o.


Ein Seitenpfad: Auch der durch seine Serienfotografien von Bewegungen von Menschen und Tieren bekannt gewordene Brite Eadweard Muybridge nutze das Wunderrad zur Demonstration. In einigen Versuchsanordnungen nahm er sogar das „Time-Slicing“, eine 360°- Kamerafahrt um einen in der Zeit eingefrorenen Bewegungsmoment, vorweg, mit dem heute Künstler wie Michiel van Bakel kreativ arbeiten und das bei Actionszenen in vielen Kinohits fasziniert.

 

 

 

 

 

Die Wegbereiter Das heute als stroboskopischer Effekt bekannte Phänomen war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Forschungsgegenstand. Der belgische Physiker Joseph Plateau machte 1832 eine entscheidende Erfindung. Sein „Phenakistiskop“ (Täuschungsseher) zeigte 16 Zeichnungen eines Tänzers, die in minimal veränderter Körperhaltung radiär auf einer Scheibe angeordnet wurden und die Illusion einer loopartigen Tanzdrehung hervorriefen. Unabhängig und fast zeitgleich entwickelte der österreichische Mathematiker Simon von Stampfer seine „Stroboskopische Scheibe“, die sehr bald als optisches Spielzeug durch Verlage kommerziell verwertet wurde. Der tschechische Physiologe und Philosoph Jan Evangelista Purkyně entwickelte die Apparaturen weiter, veranschaulichte damit z.B. das Pulsieren eines Herzens in den 1860er Jahren in seinen Anatomie-Vorlesungen und nahm zudem bereits das Potential für eine zukünftige Kunstgattung wahr:

 

Es ist zu erwarten, dass sich diese Sache durch die Schöpferkraft von Künstlern mit der Zeit zu einem eigenständigen Kunstzweig entwickeln wird, in dem es nicht mehr ausreichen wird, nur die Momentaufnahme einer fortschreitenden Handlung zu erschaffen, sondern auch eine abgeschlossene Geschichte mit ausgereifter Erzählform.

(Purkyně in seinem Aufsatz „Kinesiskop“ von 1865)

 

 

 

Sculpture Das in der internationalen Clubszene ebenso wie in Designkreisen gefeierte Londoner Duo Sculpture visualisiert seine Klangforschung mit analoger Animation und digitaler Gestaltung. Daniel Hayhurst kreiert Soundmixe mit alten Magnettonbändern, aus denen er kleine Abschnitte herausschneidet und zu kurzen Loops verarbeitet und so neue absurde Klanglandschaften collagiert. Für Live-Performances und Musikclips, als Verpackungsdesign und begehrte Picturediscs gestaltet Reuben Sutherland, Designer und Regisseur von Werbe- und Musikclips, hypnotisierende Muster aus grafischen Kleinstschnipseln. Selbstgezeichnetes trifft auf Fundstücke aus Werbung und Comic sowie auf visuelle Zeugnisse der frühen bis heutigen Pop-Kultur. Erst der Blick der Videokamera erweckt die organisch pulsierenden Bilduniversen der Animationsscheiben von Sculpture auf dem rotierenden Plattenteller zum Leben.

www.tapebox.co.uk 

 

 

 

Clemens Kogler Stuck in a Groove (2010) ist der erste Film, den Clemens Kogler mit seiner Phonovideo-Technik realisiert hat und für den er Pappscheiben mit jeweils 24 Einzelbildern bedruckt hat. Korrelierend mit der Entscheidung, die Rotationsbewegung durch Plattenspieler zu erzeugen, wählte Kogler für seine in After Effects gestalteten Animationsscheiben als Basis hauptsächlich Motive von bekannten Plattencovern der Musikgeschichte. Jede Scheibe erzählt durch gleichzeitige Referenz auf die bekannten Cover und die spielerische, hintersinnige Verfremdung Mikrogeschichten. Unterlegt von Richard Eigners Downbeat-Loops ergibt sich durch die Montage der Mikrogeschichten zusammen mit einer die ständige Wiederkehr proklamierenden Erzählerstimme eine hypnotische Reflexion über gute und schlechte Kreisläufe des Lebens, über Popkultur sowie über analoge und digitale Arbeitsweisen.


Probably it would be desirable if you could mix your life moments like a club dj ... [it] could lead you to a feeling of undivided joy. But maybe in the mix it could just feel like a drunk office Christmas party affair. (Stuck in a Groove)
www.clemenskogler.net 

 

 

 

Theodore Ushev Aufgewachsen in Bulgarien und seit 1999 in Montréal/Kanada lebend und arbeitend, gehört Theodore Ushev heute zu den wichtigsten Animationskünstlern weltweit. Für Demoni, einem Musikvideo für die bulgarische Band Kottarashky & The Rain Dogs, hat der Zufall Theodore Ushev eine Technik zugespielt, die hervorragend mit dem musikalischen Aufbau des Songs – geloopte, gescratchte und gesampelte Versatzstücke – korrespondiert. Ohne sich der historischen Vorläufer dieser Technik bewusst zu sein, faszinierte Ushev die Idee der auf Vinyl rotierenden Einzelbilder. In der für ihn typischen Rasanz war Ushev innerhalb von vier Wochen mit Öl- und Gelfarbstiften sowie Acrylfarbe am Ziel: 50 beidseitig mit jeweils 12 Einzelbildern bemalte Schallplatten, auf einen alten Plattenspieler gelegt und mit verschiedenen Geschwindigkeiten abgespielt, setzen eine Katze und die seltsamen Bewohner eines Hauses in Bewegung.
www.ushev.com 

 

 

 

Michiel van Bakel Die mehrfach ausgezeichnete Arbeit Equestrian (2003) des niederländischen Bildhauers und Videokünstlers Michiel van Bakel spannt spielerisch und scharfsinnig den Bogen von Eadweard Muybridges chronofotografischem Werk, das dieser 1872 begann, zum heutigen Kino und zur Debatte um die Kontrolle des öffentlichen Raums. Als Stellvertreterfigur für die massive Videoüberwachung in Innenstädten steht in Equestrian (dt.: Reiter) eine Polizistin unter Beobachtung der Zuschauer. 32 im Kreis aufgestellte Kameras auf einem zentralen Platz in Rotterdam halten in Einzelbildern den Ritt der Polizistin mit ihrem Pferd fest. Michiel van Bakel arrangiert die Abfolge der Einzelbilder der Kameras neu. Mit dem Time-Slicing-Verfahren friert er schließlich die Zeit ein und zeigt einen einzelnen Bewegungsmoment aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Reiterin und Pferd schweben wie eine Skulptur in der Luft, umkreist vom Kamerablick.
www.michielvanbakel.nl 

 

 

 

An der von den Dresdner Medienkünstlern Deborah Schmidt und Jacob Korn konzipierten DJ-VJ-Pultstation PHONOLIGHT können über einen Plattenspieler mit digitaler Timecode-Vinylplatte Loops abgespielt, im Tempo verändert und gescratcht werden. Für selbstgestaltete Scheiben gibt es ein zweites Deck zum Abspielen oder zum visuellen Mischen mit Loops aus dem Videopool.
www.jacobkorn.de / www.frauzufall.de 

 

Von Besuchern gestaltete Wunderräder: hier 

 

 

 

Mit sehr herzlichem Dank an die Künstler und Leihgeber
sowie an unsere Förderer und Partner:

 

 

 

 

 

 

 

 

sowie der Sammlung Werner Nekes

 

 

 

 

 

Adresse und Öffnungszeiten

Technische Sammlungen Dresden

Junghansstraße 1-3

01277 Dresden

Öffnungszeiten: Di–Fr: 9.00–17.00 Uhr sowie Sa, So, Feiertag: 10.00–18.00 Uhr

 

 

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